Geht’s noch?

Ich weiß nicht, ob ich fassungslos oder glücklich sein soll, dass es in diesem Land offensichtlich keine wichtigeren Themen gibt als einen farb- und instinktlosen Bundespräsidentendarsteller und eine 2%-Partei. Leute, das wirkliche Leben spielt draußen vor der Tür, nicht in den Redaktions- und Amtsstuben.

Das Land braucht Gauck

Nun ist fast eine Woche rum, seit Bundespräsident Horst Köhler hingeschmissen und gekündigt hat. Auch die Kandidaten für seine Nachfolge stehen nun fest. Es war eine Woche, in der sich Blogs, facebook, twitter und konventionelle Medien mit Kritik, Lobhudelei und Spekulationen nur so überschlagen haben.

Unter dem Strich bleibt für mich nach den Ereignissen nur eines festzuhalten – ich fand sowohl Köhlers Kündigung als auch die Kür seines Nachfolgers in hohem Maße respektlos. Respektlos gegenüber einer Bevölkerung, die von einem Bundespräsidenten erwarten kann, dass er sein Amt ernst nimmt.

Ein Bundespräsident muss gerade in Zeiten wie diesen überparteilicher Hinseher, Zuhörer, Mahner, Benenner, Versöhner und Gestalter sein. Alles Eigenschaften, die weder Köhler wirklich mit sich brachte, noch sein designierter Nachfolger Wulff mit sich bringen wird.

Köhler hat insbesondere als Mann, der die Finanzwelt in ihrer Innensicht kennen sollte wie kaum ein anderer, kläglich versagt. Außer weniger mahnerischer Worte in Richtung Banken war von ihm wenig bis nichts zu hören. Er hat es schon in Zeiten der großen Qualition versäumt, den politisch Verantwortlichen Feuer unter den Hintern zu machen, Leitlinien einer neuen Finanzverfassung zu skizzieren. Er hat die einmalige Chance vertan, sich zur Lokomotive einer Bewegung zu machen wider Spekulation und Gier. Er beklagt sich über mangelnden Respekt ihm gegenüber, hat jedoch selbst den Respekt vor seinem Amt vermissen lassen. Er wird zu Recht als einer der schwächsten Präsidenten (den blöden Lübke-Vergleich muss man dazu gar nicht heranziehen) in die Geschichte eingehen. Traurig, denn er hat der politischen Kaste damit noch eine tiefe Ansehenskerbe mehr verpasst.

Christian Wulff ist nichts anderes als die Fortsetzung Köhlers mit politischem Unterbau. Ein Ministerpräsident, der der Auto- und Atomlobby nach dem Mund redet, der an Beliebigkeit und Farblosigkeit kaum zu überbieten ist, der außer Sitzfleisch und Stehvermögen kaum über nennenswerte Eigenschaften verfügt, wird kläglich daran scheitern, nein wahrscheinlich wird er es erst gar nicht versuchen, all die oben genannten Eigenschaften eines Präsidenten zu verkörpern.

Umso spannender, interessanter und vielversprechender ist der Oppositionskandidat Joachim Gauck, von dem selbst Merkel sagt:

“Weil wir immer wieder Debatten brauchen, weil wir uns immer wieder miteinander austauschen müssen, ist es so gut, dass wir Sie, Herr Gauck, haben. Denn Sie legen den Finger in die Wunde, wenn Sie eine Wunde sehen, aber Sie können auch Optimist sein und sagen: Es geht voran. Beides brauchen wir. Danke, dass es Sie gibt. Danke, dass Sie weiter da sind.”

Auch ich sage “Danke”, dass es ihn gibt und hoffe sehr, dass in der Bundesversammlung am 30. Juni genügend Wahlmänner der Koalition den Mut aufbringen, über ihren Schatten zu springen, und den einzigen wirklich geeigneten Kandidaten für dieses Amt wählen.

Nico Lumma hat im LummalandWir für Gauck” ins Leben gerufen und ermuntert, Wahlkampf für ihn zu machen. Dieser Bitte schließe ich mich gerne an. Auch Djure hat drüben bei 50hz einige Dinge schön auf den Punkt gebracht. Leute, wir sind das Volk. Wenn wir laut genug die Stimme erheben, bewirken wir vielleicht dieses kleine politische Wunder.

An mir soll es jedenfalls nicht scheitern.