Es verschlug mir schlichtweg die Sprache. Heute Morgen. Zeitungslektüre am Frühstückstisch. Auf der Titelseite der WAZ las ich einen kleinen Artikel mit der Überschrift “Jeder Sechste hungert – Ziele der Weltgemeinschaft längst noch nicht erreicht”. Im Inhalt erfuhr ich dann, dass rund 925 Millionen Menschen weltweit Hunger leiden, 75 Millionen mehr als noch vor 20 Jahren. Soweit, so traurig. Und so dramatisch. Mein Müsli wollte danach nicht mehr recht schmecken.
Ein paar Seiten weiter fand ich dann in der gleichen Zeitung eine Beilage mit dem schönen Titel “Meine Finanzen”. Als Banker war natürlich meine Neugier geweckt. Schnell überflog ich die Überschriften zu Altersvorsorge, Electronic Banking und Beratungsqualität, bis ich auf Seite 8 ins Stocken geriet.
“Investieren in Getreide?” hieß die Überschrift. “Knappe Rohstoffe, seltene Edelmetalle und andere Wertanlagen werden für manche Anleger interessant.” Angesichts des Titelseitenartikels brach sich meine Wut bahn. Wie gedankenlos muss man sein, einerseits die Armut und zunehmende Hungersnot in der Welt zu beklagen und ein paar Seiten weiter tatsächlich die Frage aufzuwerfen, ob es unter Umständen lohnend sein könne, in Rohstoffe wie Getreide zu investieren? Braucht es lediglich ein paar läppische Zwischenseiten, um das Elend der Welt komplett zu vergessen? Wie weit ist es eigentlich mit uns gekommen?
Wir feilschen um Nachkommastellen im Centbereich bei unseren Geldanlagen, kaufen billigste Nahrungsmittel und Klamotten, schenken unseren Kindern Spielzeug “made in China” oder Lederfußbälle “made in Pakistan”. Und gleichzeitig bringen wir es fertig, mit Rehaugen das Elend der Welt zu beklagen? Irdendwas läuft doch wohl grundlegend falsch. Und es läuft immer schneller falsch.
Ich frage mich manchmal, woher diese Schitzophrenie rührt. Die in jedem von uns steckt. Ich nehme mich da nicht aus. Warum gelingt es uns nicht, konsequenter zu sein? Bei uns zu bleiben. Unseren Werten. Unseren Wünschen. Unseren Hoffnungen.
Leider habe ich noch keine abschließende Antwort auf die Frage. Ihr vielleicht?
