Wutsplitter.001

WAZ vom 12.10.10

Es verschlug mir schlichtweg die Sprache. Heute Morgen. Zeitungslektüre am Frühstückstisch. Auf der Titelseite der WAZ las ich einen kleinen Artikel mit der Überschrift “Jeder Sechste hungert – Ziele der Weltgemeinschaft längst noch nicht erreicht”. Im Inhalt erfuhr ich dann, dass rund 925 Millionen Menschen weltweit Hunger leiden, 75 Millionen mehr als noch vor 20 Jahren. Soweit, so traurig. Und so dramatisch. Mein Müsli wollte danach nicht mehr recht schmecken.

Ein paar Seiten weiter fand ich dann in der gleichen Zeitung eine Beilage mit dem schönen Titel “Meine Finanzen”. Als Banker war natürlich meine Neugier geweckt. Schnell überflog ich die Überschriften zu Altersvorsorge, Electronic Banking und Beratungsqualität, bis ich auf Seite 8 ins Stocken geriet.

“Investieren in Getreide?” hieß die Überschrift. “Knappe Rohstoffe, seltene Edelmetalle und andere Wertanlagen werden für manche Anleger interessant.” Angesichts des Titelseitenartikels brach sich meine Wut bahn. Wie gedankenlos muss man sein, einerseits die Armut und zunehmende Hungersnot in der Welt zu beklagen und ein paar Seiten weiter tatsächlich die Frage aufzuwerfen, ob es unter Umständen lohnend sein könne, in Rohstoffe wie Getreide zu investieren? Braucht es lediglich ein paar läppische Zwischenseiten, um das Elend der Welt komplett zu vergessen? Wie weit ist es eigentlich mit uns gekommen?

Wir feilschen um Nachkommastellen im Centbereich bei unseren Geldanlagen, kaufen billigste Nahrungsmittel und Klamotten, schenken unseren Kindern Spielzeug “made in China” oder Lederfußbälle “made in Pakistan”. Und gleichzeitig bringen wir es fertig, mit Rehaugen das Elend der Welt zu beklagen? Irdendwas läuft doch wohl grundlegend falsch. Und es läuft immer schneller falsch.

Ich frage mich manchmal, woher diese Schitzophrenie rührt. Die in jedem von uns steckt. Ich nehme mich da nicht aus. Warum gelingt es uns nicht, konsequenter zu sein? Bei uns zu bleiben. Unseren Werten. Unseren Wünschen. Unseren Hoffnungen.

Leider habe ich noch keine abschließende Antwort auf die Frage. Ihr vielleicht?

Statt Wahlberichterstattung herrscht Sommerlochödnis bei WAZ und Der Westen

Dass die morgendliche Lektüre der WAZ regelmäßigdazu führt, dass mein Blutdruck steigt und ich so richtig in Wallung gerate, ist ja hinlänglich bekannt. Immer wieder frage ich mich, was Redakteure dazu veranlasst, eine dreiviertel Titelseite über kollabierende Hunde, deren hilflose Frauchen und selbstlose Retterinnen zu opfern.

Es ist Sommerloch. Soweit. So schlecht.

Heute in 24 Tagen sind in NRW Kommunalwahlen. Die Innenstädte sind zugepflastert mit Wahlplakaten, die parteiübergreifend kaum aussageloser sein könnten. In der heutigen Lokalausgabe der Bochumer WAZ werden diese Plakate dann küchenpsychologisch gedeutet. Es kommt, wie es kommen muss – inhaltslose Plakate lassen auch keine inhaltliche Analyse zu. Erneut völlig überflüssiger Sommerloch-Content.

Die Leser (und Wähler) interessieren doch in Wahrheit andere Dinge. Sie möchten doch auch wissen, welche Menschen, Ziele und Programme hinter den Pappköpfen an Bäumen und Straßenrändern stehen. Warum kommt man in den Redaktionsstuben nicht einfach mal auf die Idee, den Kandidaten fünf kurze, aber gehaltvolle Fragen zu stellen, und diese nebeneinander vergleichbar in einer Ausgabe zu veröffentlichen. Einfach produzierter Inhalt – große Wirkung.

Und damit sich die Verantwortlichen nicht selbst ihr lokaljournalistisches Köpfchen zermatern müssen, habe ich einfach mal ein paar Fragen vorformuliert:

  1. Bitte stellen Sie sich kurz und knapp in nicht mehr als 300 Zeichen vor!
  2. Was hat Sie bewogen, politisch aktiv zu werden?
  3. Welche Schwerpunkte möchten Sie in den kommenden Jahren kommunalpolitisch in Ihrer Arbeit setzen?
  4. Was möchten Sie ganz konkret und für die Wähler auch messbar bis zur nächsten Wahl für Ihre Stadt erreicht haben?
  5. In 140 Zeichen bitte: Warum sollten die Wählerinnen und Wähler Sie wählen?

Wie wäre es, liebe Damen und Herren Redakteure? Ich bin sicher, dass es viele Leserinnen und Leser gibt, die schon auf die Beantwortung der Fragen hinfiebern.

EDIT 07.08.09:

Bei “Der Westen” zeigt man sich im twitter-Stream ganz schön dünnhäutig und verweist auf das “gehaltvolle” Wahlkampfblog.

Mehr.

Das Versprechen.