
Am blauen Himmel, der von dicken grauweißen Wolkenbergen unterbrochen wird, ziehen in der Ferne Vogelschwärme vorbei. Die noch winterbraunen Feldern sind, ähnlich wie der Himmel, hier und dort von großen weißen Flecken bedeckt, die die Schneeschauer des letzten Wochenendes auf Ihnen hinterlassen haben. Die Zeit der Bahnfahrten in Dunkelheit neigt sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Ich habe den Winter satt. So satt, wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Ich sehne mich nach der wärmenden Frühjahrssonne, nach frischem Grün, nach den ersten Knospen der Krokusse.
Es ist in jedem Jahr das gleiche. Ich bin einfach kein Wintermensch. Die Dunkelheit, die kahlen Bäume, der braune Boden und das oft so nasskalte Wetter machen mich auf Dauer mürbe. Irgendwann habe ich es einfach satt. So sehr ich den Zauber des Herbstes und auch die Weihnachtszeit genieße, danach könnte für mich der Schnellstart ins Frühjahr folgen. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Und es hat ja auch etwas beruhigendes, sicher sein zu können, dass sich Frühjahr und Sommer zwangsläufig irgendwann einstellen werden.
Ein einsamer Spaziergänger steht auf dem Feld, auf dem sein Hund gerade sein Geschäft verrichtet, und sieht dem weißen Lindwurm, in dem ich sitze, mit starrem Blick hinterher. Ich meine die gleiche Sehnsucht in seinem Blick zu lesen, die auch mir angesichts des blauen Himmels ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Ein paar Kilometer weiter hat sich einer der großen Vogelschwärme, die ich vorhin noch am Himmel beobachtet habe, auf einem der schneefreien Felder niedergelassen. Als Kind war es aufregend, wenn die Schwärme der Zugvögel im Frühjahr zurückkamen, oder die Graugänse, die am nahen See ihr Winterquartier bezogen hatten, wieder in Richtung Norden aufbrachen. Doch nun schwingt ein eigenartiges Gefühl mit. Auch wenn mich der Vogelgrippe-Hype der Medien relativ unberührt lässt und ich mit einem süffisanten Lächeln zur Kenntnis nehme, dass sich die ersten Kollegen mit Tamiflu eingedeckt haben, finde ich es schade, dass auch bei diesem vormals uneingeschränkt positiven Ereignis auf einmal eine dunkle Note mitschwingt.
Die uneingeschränkt positiven Dinge im Leben werden irgendwie immer weniger. Die dunkle Seiten schwingen immer öfter mit, gewinnen nicht selten sogar die Überhand. Ich versuche, mich mit aller Macht dagegen zu stemmen, ermahne mich immer öfter, nicht in den Chor der Schwarzseher, Nörgler und ewigen Pessimisten einzustimmen. Was ist es, was mich zunehmend so beeinflusst? Ich finde es partout nicht heraus. Mir geht es schließlich gut. Jammern auf hohem Niveau.
Zugvögel mit Vogelgrippe hin oder her. In allem liegt ein tieferer Sinn, darauf vertraue ich nach wie vor.
Während ich bei Tempo 200 aus dem Fenster des Zuges sehe, die Dörfer und Landschaft im warmen Abendlicht betrachte, fällt mir auf, dass auch mein Leben irgendwie einer langen Bahnfahrt gleicht. Es gab wunderschöne Bahnhöfe, an denen ich gerne Station gemacht habe. Es gab Bahnhöfe, die heruntergekommen waren, wo ich mich am liebsten in die Obhut der Bahnhofsmission begeben hätte. Oft genug, hatte der Zug Verspätung, kam ich zu spät an. Teilweise dauerten Aufenthalte länger geplant, manchmal hätte ich mir eine Zugverspätung gewünscht, um länger bleiben zu dürfen.
Streckenweise bin ich im Hochgeschwindigkeitszug unterwegs gewesen, andere Abschnitte habe ich dagegen im Bummelzug zurückgelegt. Auch die Mitreisenden erzählen eine eigene Geschichte. Viele sind zugestiegen, andere haben das Abteil vorzeitig verlassen. Manche zu meiner Freude, manche zu meinem Bedauern. Einige begleiten mich seit langem, manche nur von einem Bahnhof bis zum nächsten. Zahllose Abschiede. Tränen hinter verspiegelten Zugfenstern. Zerzauste Haare vom Zugwind, weil ich noch lange den Punkt am fernen Bahnsteig fixiert und ich mich dabei bis an die Grenzen des Erlaubten aus dem Fenster gelehnt habe.
Wie oft hätte ich gerne die Notbremse gezogen, um auszusteigen. Manchmal nur auf Zeit. Manchmal auch endgültig. Und doch bin ich froh, dass ich es nie getan habe, sondern ausgeharrt habe. Mittlerweile bin ich Bahnprofi geworden. Kenne viele Strecken und Fahrpläne. Dennoch bin ich vor Überraschungen nicht gefeit, werde hin und wieder unvorhergesehen über Nebenstrecken umgeleitet, wird meine Reisewaggon überraschend umrangiert und an einen neuen Zug gehängt.
Immer wieder gab es unerfreuliche Ansagen. Manche verhießen nur eine Reiseverzögerung, andere wiederum bedeuteten komplettes Umdisponieren, warfen ehrgeizige Reisepläne über Bord und erforderten einen Neuplanung. Manch eine Strecke habe ich verschlafen, bei wieder anderen erinnere ich mich an jeden Baum, jeden einsamen Bahnübergang. Auch schwarz bin ich hin und wieder gefahren, immer in der Aufregung, erwischt und aus dem Zug geworfen zu werden.
Noch während ich alle diese Gedanken spinne breitet sich ein Lächeln in meinem Gesicht aus. Dass ich Bahnfahren mag, habe ich schon oft geschrieben, aber auch mein Leben mag ich. Irgendwie gab es trotz aller Verspätungen und Hindernisse immer ein Ankommen, habe ich jede Station erreicht, die ich mir zum Ziel genommen hatte. Wichtig ist doch letztlich nur, sich das Ziel zu setzen. Zu wissen, welchen Zielbahnhof es anzusteuern gilt. Ob man dabei Verspätung hat, den unmittelbaren Anschlusszug verpasst und stattdessen einen Umweg oder Ausweichzug nehmen muss, ist eigentlich egal.
Es gibt noch viele lohnenswerte Ziele, die es anzusteuern gilt, viele Bahnreisende, die ich noch kennenlernen möchte.
Nur eines will ich auf gar keinen Fall.
Das Abstellgleis.
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