Ausatmen, eintauchen. Wenn einer eine Reise tut.

La Sagrada Familia, Barcelona
Eintauchen in eine andere Welt. Ich mag das ja sehr. Wie ein Turmspringer, der aus großer Höhe ins Wasser eintaucht, die Kühle und den Adrenalinkick genießt und nach ein paar kräftigen Zügen erfrischt und glücklich wieder auftaucht um aus dem Becken zu steigen.

Hinter mir liegt ein solch erfrischendes Eintauchen. Knapp drei Tage Kurztrip mit dem Patenneffen nach Barcelona. Pickepackevolles Programm. Ein wenig Metrofahren, viel Lauferei und maximales Aufsaugen von Eindrücken. Natürlich ist die Zeit, die uns bleibt, viel zu kurz, um dieser Stadt auch nur annähernd das abzuringen, was man ihr abringen müssste, um anschließend sagen zu können, man habe “die Stadt gesehen”.

Und doch ist es immer wieder erstaunlich, wie viel Programm man in so kurzer Zeit schaffen kann. Auch abseits der ausgetretenen Tourifallen. Gegessen wird immer in Bars oder Kneipen, die fern von allem liegen. Mitten im Raval gibt es großartige Paella, im Barceloneta hocken wir in einer Hintergasse und genießen superleckere Tapas. Wir wandeln auf den Spuren Gaudis, tauchen ein in seine wundervolle und berührende Architektur, in der man gerne wohnen bliebe.

Der Kopf ist schon nach wenigen Stunden frei. Die Sonne, die laue Luft, die Geräusche und Gerüche wirken wie ein großer Staubsauger, der allen Alltagskram verschluckt und in einer dicken Tüte luftdicht verschließt. Die Sinne schärfen sich. Die Aufmerksamkeit für die Umgebung wächst von Schritt zu Schritt. Erst sind es die Menschen, die man beobachtet, dann die Natur und die Gebäude, die einen umgeben. Es ist mein dritter Besuch in der Stadt. Doch auch, wenn sich Teile des Programms wiederholen, gibt es immer wieder Neues zu entdecken und Altes aufzufrischen.

Barcelona ist eine Stadt, in die ich ohne großes Zögern auswandern würde. Ich mag diesen katalanischen Stolz, der aus den Gassen und Straßen der Stadt atmet. Ich mag diese Mischung aus Jungen und Alten, die gemeinsam in den Bars hocken, am Strand liegen oder die zahlreichen Parks der Stadt bevölkern. Die Stadt gleicht einem Bienenstock. Es ist enorm viel in Bewegung, und doch scheint alles einer stillen Ordnung zu folgen, in der ein jeder seinen Platz findet. Es ist ein Bürgergeist, der einen erfasst. Man möchte schon nach wenigen Stunden irgendwie dazugehören.

Wenn man durch die Gassen wandelt, kommen einem Zafons “Der Schatten der Winde” oder Orwells “Hommage an Katalonien” in den Sinn. Man versetzt sich zurück in goldene wie in dunkle Zeiten, die die Stadt gesehen hat. An der La Sagrada Familia oder auf dem Dach der Casa Mila hält man stille Zwiesprache mit Gaudi, hat so viele Fragen, die man ihm gern stellen möchte. Abends am Meer, an der Playa Barceloneta meint man, Columbus “Pinta” am Horizont erahnen zu können. Auf einmal versteht man den Stolz und die Eigensinnigkeit der Katalanen, die so viel weltoffener und weltgewandter sind, als es die Bajuwaren – meine bayrischen Leserinnen und Leser mögen mir verzeihen – je sein werden. Ich mag diesen Bürgersinn, den die Stadt versprüht. Ihre an allen Ecken spür- und erlebbare Kultur. Ob Kunst, Musik, Architektur, überall springt es einen förmlich an, reißt einen mit.

Und so bin ich bereits bei der Abreise sicher, dass ich schon bald wiederkommen werde. In der Hoffnung, auch meinen Kindern, diesen Funken Begeisterung weitergeben zu können. Damit auch sie erleben können, was für ein Wert es ist, weltoffen und kulturell interessiert zu sein.

Früher war mehr Pfingsten

PfingstenPfingsten. Tage des heiligen Geistes. Der Erleuchtung. Intellektuellen Sturmesbrausens. Eigentlich müsste Pfingsten ja internationaler Tag der Übersetzerinnen und Übersetzer sein, wenn man sich die Geschichte mal genau durchliest.

Aber ich schweife schon wieder ab. In diesem Jahr ist Pfingsten nämlich gefühlt überhaupt kein Pfingsten. Ich verbringe mein Pfingstwochenende nämlich überwiegend arbeitend am Schreibtisch. Heiße Projektphase und so. Ihr kennt das. Doch wenn ich nachdenke, ist Pfingsten irgendwie schon lange kein Pfingsten mehr. Nicht erst seit diesem Jahr. Und ich weiß gar nicht, wann das aufgehört hat.

Was waren das für Zeiten vor einem Vierteljahrhundert. Da wurden 60 bis 80 halbstarke Jungs und Mädels in klapprige Busse gepfercht und dann ging es ab. Irgendwo in den Speckgürtel des hiesigen Ballungsraums auf eine Bauernwiese oder einen heruntergekommen Campingplatz. Dort wurden dann Zelte hochgezogen, eine Feuerstelle ausgehoben und fertig war das perfekte Wochenende. Im Nieselregen mit Parka und Klampfe am Lagerfeuer. Außen schwarzes, innen rohes Stockbrot dazu. Und nachts knackten die Käfer unter einem, wenn man sich im Schlafsack hin und her wälzte. Morgens dann Graubrot mit Nusspli, für Brötchen und Nutella reichte das Budget der Pfadfinderkasse einfach nicht. Außerdem hatte damals noch kein Bäcker an Pfingsten auf. Und Bahnhöfe mit Teigwareninfrastrukturversorgung waren definitiv nicht in Reichweite unserer Lagerplätze.

Später dann begann das Pfingsthappening dann schon im Stau auf der A3 in Richtung Arnheim. Der zwangsweise abstinente Fahrer, der arme Kerl, war immer am schlimmsten dran, wenn im gefühlten 200km-Stau zwischen Oberhausen und Den Haag Dosenbier in zweistelligen Sixpack-Gebinden vernichtet wurde. Irgendwann kam mann dann entweder gerädert oder verkatert (manchmal auch beides) mitten in der Nacht in Nordwijk oder Egmont an und schlug entweder sein Minizelt auf dem Campingplatz auf oder durfte seine Extremitäten in schlechten Betten noch schlechterer Miniferienwohnungen, die aber zu horrenden Preisen vermietet wurden, zur Entspannung niederlegen. Den Rest verbrachte man dann weiter trinkend und/oder schlafend am Strand oder in den Behausungen, die zur Verfügung standen.

So oder so waren es die Tage des “Hoch die Tassen”. Unbeschwerte Fröhlichkeit, Abschalten, gute Stimmung. Und das Wetter? Nun, das hatte man. War es gut, war es kein Thema. War es schlecht, es wurde einfach ignoriert. Und was hatten wir für Wetter. Hagel, Sturzregen, knallenden Sonnenschein, Nieselnebel und Bodenfrost. Alles dabei gewesen. Alles überlebt. Alles mannhaft ausgestanden. Aber es gab ja auch noch keine Sozialen Netzwerke, in denen man sein Wetterempörung angemessen hätte verarbeiten können. Und das war gut so.

Nun sitze ich hachend und seufzend am Schreibtisch und stürze mich in meine zu erledigende Arbeit. Vielleicht mache ich heute Abend Feuer im Garten und es gibt Stockbrot und Würstchen.

Früher war mehr Pfingsten.

bahnblogging XV – lifelong travelling

Am blauen Himmel, der von dicken grauweißen Wolkenbergen unterbrochen wird, ziehen in der Ferne Vogelschwärme vorbei. Die noch winterbraunen Feldern sind, ähnlich wie der Himmel, hier und dort von großen weißen Flecken bedeckt, die die Schneeschauer des letzten Wochenendes auf Ihnen hinterlassen haben. Die Zeit der Bahnfahrten in Dunkelheit neigt sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Ich habe den Winter satt. So satt, wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Ich sehne mich nach der wärmenden Frühjahrssonne, nach frischem Grün, nach den ersten Knospen der Krokusse.

Es ist in jedem Jahr das gleiche. Ich bin einfach kein Wintermensch. Die Dunkelheit, die kahlen Bäume, der braune Boden und das oft so nasskalte Wetter machen mich auf Dauer mürbe. Irgendwann habe ich es einfach satt. So sehr ich den Zauber des Herbstes und auch die Weihnachtszeit genieße, danach könnte für mich der Schnellstart ins Frühjahr folgen. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Und es hat ja auch etwas beruhigendes, sicher sein zu können, dass sich Frühjahr und Sommer zwangsläufig irgendwann einstellen werden.

Ein einsamer Spaziergänger steht auf dem Feld, auf dem sein Hund gerade sein Geschäft verrichtet, und sieht dem weißen Lindwurm, in dem ich sitze, mit starrem Blick hinterher. Ich meine die gleiche Sehnsucht in seinem Blick zu lesen, die auch mir angesichts des blauen Himmels ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Ein paar Kilometer weiter hat sich einer der großen Vogelschwärme, die ich vorhin noch am Himmel beobachtet habe, auf einem der schneefreien Felder niedergelassen. Als Kind war es aufregend, wenn die Schwärme der Zugvögel im Frühjahr zurückkamen, oder die Graugänse, die am nahen See ihr Winterquartier bezogen hatten, wieder in Richtung Norden aufbrachen. Doch nun schwingt ein eigenartiges Gefühl mit. Auch wenn mich der Vogelgrippe-Hype der Medien relativ unberührt lässt und ich mit einem süffisanten Lächeln zur Kenntnis nehme, dass sich die ersten Kollegen mit Tamiflu eingedeckt haben, finde ich es schade, dass auch bei diesem vormals uneingeschränkt positiven Ereignis auf einmal eine dunkle Note mitschwingt.

Die uneingeschränkt positiven Dinge im Leben werden irgendwie immer weniger. Die dunkle Seiten schwingen immer öfter mit, gewinnen nicht selten sogar die Überhand. Ich versuche, mich mit aller Macht dagegen zu stemmen, ermahne mich immer öfter, nicht in den Chor der Schwarzseher, Nörgler und ewigen Pessimisten einzustimmen. Was ist es, was mich zunehmend so beeinflusst? Ich finde es partout nicht heraus. Mir geht es schließlich gut. Jammern auf hohem Niveau.

Zugvögel mit Vogelgrippe hin oder her. In allem liegt ein tieferer Sinn, darauf vertraue ich nach wie vor.

Während ich bei Tempo 200 aus dem Fenster des Zuges sehe, die Dörfer und Landschaft im warmen Abendlicht betrachte, fällt mir auf, dass auch mein Leben irgendwie einer langen Bahnfahrt gleicht. Es gab wunderschöne Bahnhöfe, an denen ich gerne Station gemacht habe. Es gab Bahnhöfe, die heruntergekommen waren, wo ich mich am liebsten in die Obhut der Bahnhofsmission begeben hätte. Oft genug, hatte der Zug Verspätung, kam ich zu spät an. Teilweise dauerten Aufenthalte länger geplant, manchmal hätte ich mir eine Zugverspätung gewünscht, um länger bleiben zu dürfen.

Streckenweise bin ich im Hochgeschwindigkeitszug unterwegs gewesen, andere Abschnitte habe ich dagegen im Bummelzug zurückgelegt. Auch die Mitreisenden erzählen eine eigene Geschichte. Viele sind zugestiegen, andere haben das Abteil vorzeitig verlassen. Manche zu meiner Freude, manche zu meinem Bedauern. Einige begleiten mich seit langem, manche nur von einem Bahnhof bis zum nächsten. Zahllose Abschiede. Tränen hinter verspiegelten Zugfenstern. Zerzauste Haare vom Zugwind, weil ich noch lange den Punkt am fernen Bahnsteig fixiert und ich mich dabei bis an die Grenzen des Erlaubten aus dem Fenster gelehnt habe.

Wie oft hätte ich gerne die Notbremse gezogen, um auszusteigen. Manchmal nur auf Zeit. Manchmal auch endgültig. Und doch bin ich froh, dass ich es nie getan habe, sondern ausgeharrt habe. Mittlerweile bin ich Bahnprofi geworden. Kenne viele Strecken und Fahrpläne. Dennoch bin ich vor Überraschungen nicht gefeit, werde hin und wieder unvorhergesehen über Nebenstrecken umgeleitet, wird meine Reisewaggon überraschend umrangiert und an einen neuen Zug gehängt.

Immer wieder gab es unerfreuliche Ansagen. Manche verhießen nur eine Reiseverzögerung, andere wiederum bedeuteten komplettes Umdisponieren, warfen ehrgeizige Reisepläne über Bord und erforderten einen Neuplanung. Manch eine Strecke habe ich verschlafen, bei wieder anderen erinnere ich mich an jeden Baum, jeden einsamen Bahnübergang. Auch schwarz bin ich hin und wieder gefahren, immer in der Aufregung, erwischt und aus dem Zug geworfen zu werden.

Noch während ich alle diese Gedanken spinne breitet sich ein Lächeln in meinem Gesicht aus. Dass ich Bahnfahren mag, habe ich schon oft geschrieben, aber auch mein Leben mag ich. Irgendwie gab es trotz aller Verspätungen und Hindernisse immer ein Ankommen, habe ich jede Station erreicht, die ich mir zum Ziel genommen hatte. Wichtig ist doch letztlich nur, sich das Ziel zu setzen. Zu wissen, welchen Zielbahnhof es anzusteuern gilt. Ob man dabei Verspätung hat, den unmittelbaren Anschlusszug verpasst und stattdessen einen Umweg oder Ausweichzug nehmen muss, ist eigentlich egal.

Es gibt noch viele lohnenswerte Ziele, die es anzusteuern gilt, viele Bahnreisende, die ich noch kennenlernen möchte.

Nur eines will ich auf gar keinen Fall.

Das Abstellgleis.

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bahnblogging XIV – baffe Bahn-Begeisterung

Noch vor wenigen Wochen hätte ich es angesichts meiner letzten Erfahrungen ausgeschlossen, dass mir diese Aussage je wieder über die Lippen kommen sollte. Und auch heute sah es zunächst gänzlich anders aus.

Als wenn mein Arbeitstag nicht ohnehin schon bescheiden genug gewesen wäre – statt des fest geplanten und bereits gebuchten Dreizehndreißig-Zuges betrat ich nun den Bahnhof, um wenigstens noch den neuzehndreißig-Zug zu erwischen – quoll mir schon beim Betreten des Hannoveraner Bahnhofs die computerisierte Stimme mit der bitteren Nachricht “aufgrund von Störungen im Betriebsablauf haben ICE 84x und 84y von Berlin Ostbahnhof nach Köln Hassenichgesehn ca. 40 Minuten Verspätung” ins Ohr.

Das hatte mir ja gerade noch zu meinem Glück gefehlt. Mein Adrenalinspiegel strebte schon wieder gegen unendlich. Wilde Racheszenarien spielten sich vor meinem inneren Auge ab. Was um Himmels Willen sind “Störungen im Betriebsablauf”? Hat der Lokführer Verdauungsprobleme? Sind die zwei Flaschen Vodka vom Vorabend noch nicht neutralisisert? Schlangenlinien kann er doch eh nicht fahren. Das kann es also nicht sein. Hat im Stellwerk jemand versehentlich oder gar mit Absicht aufs falsche Knöpfchen gedrückt? Fährt der Zug jetzt nach nirgendwo oder wegen Lust auf Revolution direkt in die Ukraine, was ja fast aufs selbe hinausläuft?

Und diese digitale Stimme. Liebe Bahn, ich bin gerne bereit für meine Tickets ein, zwei Öcken mehr zu bezahlen, wenn ihr diese binäre Schabracke wieder durch einen rotzigen Ansager oder eine gelangweilter Ansagerin aus Fleisch und Blut ersetzt. Ich mag es nicht, wenn die Kisten, die mich so schon tagtäglich ärgern, auch noch anfangen, mit mir zu reden. Vor lauter aufgestautem Frust – es war mal wieder ein echter Oma-Tag – suche ich den “Ihr Platz” (Was ist das eigentlich für ein bekloppter Name für einen Supermarkt?) im Bahnhof auf und kaufe mir zwei Dosen eisgekültes Becks.

Ist die Bahn eigentlcih am aus Verspätungen resultierenden Mehrumsatz in den Bahnhofsshops irgendwie beteiligt? Immerhin wäre das endlich mal eine plausible und äußerst glaubwürdige Erklärung für die in letzter Zeit nicht enden wollenden Verspätungen. Im Nachbarshop noch schnell ein Baguette gegriffen will ich in Richtung DB-Lounge aufbrechen in der festen Absicht, diese mit meiner schlechten Laune erstmal so richtig aufzumischen.

Den ganzen Tag friedlich geschluckt, nun drohen sich Ärger und Frust ihr Ventil zu suchen. So ein paar wehrlose Bahnmitarbeiter kämen mir da gerade recht. Entgegen aller Gewohnheit habe ich heute sogar auf die obligatorischen Ohrstecker verzichtet. Mein Glück, meldet sich doch auf einmal eine Stimme aus Fleisch und Blut über die Lautsprecher und verkündet mit froher Stimme, dass ausgerechnet für meine Strecke in Hannover ein Ersatz-ICE eingesetzt werde. Sogar pünktlich soll dieser bereit gestellt werden.

Ich bin ganz aus dem Häuschen, freue mich wie ein Schneekönig. Und tatsächlich, pünktlich wie die Maurer rollt der weiße Lindwurm ein. Sogar die Wagenbeschriftung stimmt überein, Kämpfe um den reservierten Sitzplatz sind also nicht zu befürchten. Ich freue mich so sehr, dass ich selbst den Zugbegleiter mit Lob überschütte. Dieser freut sich auch sichtlich, das scheint er nicht gewöhnt zu sein.

Mal abgesehen von einer kleiner Signalstörung rolle ich mit nur 5 Minuten Verspätung in der Heimat ein.

Danke, Bahn. Ihr habt diesen Tag tatsächlich noch zu einem versöhnlichen Ende gebracht. Wer hätte das gedacht?

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bahnblogging XIII – [un]ruhezonen

Nu machense sich ma nich ins Hemd.” ist der Satz, der mir von der letzten Bahnfahrt unter dem Strich im Gedächtnis geblieben ist.

Bei meiner wöchentlichen Rückfahrt in die Heimat reserviere ich meinen Sitzplatz, wenn das möglich ist, in der so genannten “Ruhezone”. Leider führt diese in schöner Regelmäßigkeit dazu, dass ich gestresster und verärgerter als beabsichtigt nach Hause komme. So auch an diesem Freitag.

Wie immer ist der aus Berlin kommende ICE gerammelt voll, alle Sitzplätze sind belegt. Auch die Gänge sind voll mir gut getarnten WDLs auf ihren See- und Rucksäcken und sonstigen Reservierungslosen. Wie immer packe ich meinen Reiseproviant – bestehend aus einer Honignussecke aus dem Bioladen und einer kleinen Flasche stilles Wasser – aus, wuchte meiner neben mir sitzenden Mitreisenden den schweren Rucksack ins Gepäckfach und richte mich dann häuslich ein.

Auf der anderen Seite des Ganges nimmt ein Mittvierzigerpärchen, Platz. Sie Typ blonde, ondolierte und kettenrauchende Solariumsabonnentin, er Typ pomadisierter und stickmotivjeansbehemdeter Möchtegernstaubsaugervertreter. So wie die beiden sich befummeln und laut schmatzend abschlecken, könnte man glatt meinen, die sie sind auf der Fahrt zum nächstgelegenen ostwestfälischen Swingerclub. Laut kichernd werden Piccolöchen geöffnet, die – von der ganzen Rubbelei gut durchgeschüttelt – ihren halben Inhalt unverzüglich über Sitzbezüge und Fußboden verteilen. Stößchen alle miteinander! Kicher, kicher, gacker, gacker. Gekonnt versuche ich gut 45 Minuten lang die Geräuschkulisse von nebenan zu ignorieren.

Wider Erwarten verlässt die gutgegrillte Ondolierte den Zug in Bielefeld allein und lässt einen debil vor sich hin grinsenden Truckerverschnitt zurück. Dieser packt genüsslich seinen Aldi-Portable-DVD-Player aus und schiebt einen Silberling mit einer Aufzeichnung eines “Pur”-Konzertes in den Schacht. Passt irgendwie. Klamotten-, Frauen- und Musikgeschmack vom allerfeinsten. Aber damit noch nicht genug, der Kerl hat in seinem Leben offensichtlich auch zuviel Kojak geschaut. Telly Savallas gleich, befreit er flugs einen Chuba Choops-Lolly aus seiner Folie und steckt sich ihn dorthin, wo kurz zuvor noch die Zunge der Ondolierten für einen regen Austausch von Körperflüssigkeiten gesorgt hat.

Aber weit gefehlt, wenn man jetzt glaubt, der Gute lutsche genüsslich an seinem Lolly, während ihm Pur genüsslich was von sexuellen Kolbenfressern alá “ich lieb mich in dir fest” ins Ohr schmalzt, nein. Der Jeanshemdfuzzi ist nich nur beknackt, er knackt auch gerne Lollys. Für jemanden wie mich, der vor jedem Zanharztbesuch Angstschweißausbrüche bekommt, sind die Geräusche knackender Zuckermasse auf Zähnen mehr als unerträglich, sie ekeln mich regelrecht an. Die neben mir sitzende junge Frau sieht mich ebenfalls angewidert und kopfschüttelnd an.

Als sei dies noch nicht genug Geräuschbelästigung, klingelt im bestickten Jeanshemdbrusttäschchen nun noch lautstark das Mobiltelefon. Bis der DVD-Player auf Pause geschaltet und die zugehörigen Knöpfe aus den Ohren entfernt sind, vergeht natürlich einige Zeit, sodass wir in den vollen Klingeltongenuss von “Guantanamera” kommen. Letzteres löst bei mir starke Assoziationen mit Guantanamo aus, die ich jedoch jetzt nicht weiter vertiefen möchte.

Offensichtlich hat Uschi (ich schwör!!!), so heißt die ledergegrillte Ondolierte von vor 10 Minuten, schon jetzt wieder Sehnsucht nach ihrem Macker. Heiße und lautstarke Liebesschwüre werden ausgetauscht, für die so manch einer bei den sagenumwobenen 0900er oder 0190er-Nummern freiwillig viel Geld gezahlt hätte. Da der Mobilfunkempfang im Ostwestfälischen offensichtlich nicht der beste ist, werden die Gespräche immer wieder von Funklöchern unterbrochen. Je mehr Unterbrechungen, desto lauter wird im Anschluss das Liebespalaver. Meiner Musik und Lektüre kann ich schon lange nicht mehr folgen.

Kurz vor Hamm wird es mir dann endgültig zu blöd. Ich reiße mich jedoch zusammen und weise ihn, so freundlich ich nur kann, darauf hin, dass er sich in einer “R U H E Z O N E” befinde, deren Sinn es eben sei, sich ruhig zu verhalten.

Seine Reaktion steht im Einleitungssatz und verschlägt mir erstmal die Sprache. Kurzfristig schießt mir durch den Kopf, dass ich mich an Stelle des Rhetorik-Seminars wohl doch eher für den vom gleichen Anbieter offerierten Schlagfertigkeitskurs hätte anmelden sollen. Ich versuche mit ruhiger Stimme noch ein paar sachliche Argumente ins Feld zu führen, die sein Reptiliengehirn jedoch nur noch mehr reizen. Dumm gelaufen. Für mich, meine ich.

Ich beschließe, die noch verbleibenden knapp 30 Minuten bis zur Ankunft in Bochum mannhaft durchzustehen, stopfe mir wieder meine In-Ear-Phones in die Ohren und schalte den Ignoranzmodus ein.

Nur von Ferne dringt noch ein leises “Das ist wieder typisch Deutsch.” an mein Ohr. Und zum ersten Mal fängt diese Kampagne tatsächlich an, mir zu gefallen.

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bahnblogging XII – Eulen of Olaz

Früher Morgen in Deutschland, im Zug aus dem hohen Norden in Richtung Hannover. In Anbetracht des vor mir liegenden harten Arbeitstages habe ich einen Tischplatz mit Steckdose reserviert, um die Reisezeit produktiv zu nutzen. Während ich die bevorstehende Präsentation Chart für Chart anhübsche und die ruhigen Klänge der farewell-Compilation mein Herz erwärmen, rollt der Zug langsam in den Hamburger Hauptbahnhof ein.

Wie immer ist der hier heraus- und hineinquellende Strom der Mitreisenden groß. Eine bunte Mischung ist es, die sich mit mehr oder minder schwerem Gepäck durch die Gänge schiebt, bis sie ihre Plätze gefunden haben. Nichts böses ahnend werde ich – während man unsanft an meiner Schulter rüttelt – durch Soundwolke, die mein Gehör umschmeichelt, plötzlich angeraunzt:

Sie müssen leider aufstehen. Wir haben die zwei Fensterplätze reserviert.

Ob des harschen Tones bereits etwas missmutig im Gesicht, blicke ich auf und sehe zwei rüstig erregte ältere Damen vom Typ Wilmersdorfer Witwe, die bereits von einer starken Verwesungsaura aus Tosca und Oil of Olaz umweht werden. Die jüngere der beiden – natürlich pelzbemantelt – blafft, bevor ich überhaupt reagieren kann, weiter: “Sie können hier nicht sitzen bleiben junger Mann. Der Platz gehört uns.” Sie sagte wirklich “gehört uns“. Kurzfristig bin ich versucht, sie nach einem Grundbucheintrag oder ihrer Besitzurkunde zu fragen, doch ich besinne mich meiner guten Kinderstube und bleibe halbwegs freundlich im Ton.

Dem Argument, dass ich sicher sei, genau diesen Sitzplatz reserviert zu haben, und dieses auch anhand meiner Fahrkarte belegen könne, verschließt sie sich mit der mantrahaften Wiederholung des Satzes, sie habe zwei Fensterplätze reserviert. Ich biete ihr gerne meine Hilfe an und lasse mir die Reservierung zeigen, auf der natürlich die beiden mir gegenüber liegenden Plätze reserviert sind. Kein Problem also.

Und wieder höre ich dieses stacattohafte “Wir haben aber zwei Fensterplätze reserviert.” an mein Ohr dringen. Im Geiste füge ich noch ein “und dafür haben unsere Männer – Gott hab sie selig – schließlich 40 Jahre lang gearbeitet ” hinzu, so absurd und skurril mutet die ganze Aktion an. Unter normalen Umständen (hätte man mich höflich gebeten) wäre ich, ob der begrenzten Dauer meiner Reise und weil ich älteren Damen prinzipiell gerne behilflich bin, bereit gewesen, meinen Fenster- gegen einen Gangplatz zu tauschen.

Aber die ruppige Art und Weise lässt mein Herz zu Stein werden. Ich ignoriere also geflissentlich jeden weiteren Wortauswurf von gegenüber, drehe meine Musik lauter und widme mich wieder meiner Arbeit. Soll der Zugbegleiter den beiden doch erklären, was Sache ist. Doch als dieser eintrifft, ist keine Rede mehr von “verkehrten Sitzplätzen“. Dennoch lassen es sich die Damen nicht nehmen, immer wieder demonstrativ auf das über mir leuchtende Reservierungsschild zu starren, so als wollten sie mir sagen “Eigentlich ist das ja unser Platz.“.

Doch dieser billigen Psychokeulennummer widerstehe ich mannhaft und beschließe stattdessen, mein Trauma einmal mehr blogtechnisch zu verwursten. Und siehe da, schon ist wieder ein weiteres Kapitel der Reihe “bahnblogging” fertig. Vielen Dank meine Damen!

Nur aus meiner produktiven Nutzung der Reisezeit ist so nichts geworden.

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bahnblogging XI – verkuppelt und verspätet

Und abermals kann ich über ein neues Kapitel in Sachen Bahnverspätung berichten, die neue Woche hätte blöder kaum anfangen können. Nasskaltes Winterwetter schlägt mir entgegen, als ich die Treppe zum Bahnsteig von Gleis 5 des Hauptbahnhofs erklimme. Auf der einen Schulter die Notebook- auf der anderen die Anzugtasche schlage ich schnell den Kragen meiner dicken Winterjacke hoch und setze mir die wärmende Kapuze auf. Von einem Bein auf das andere steigend um die Kälte aus den Füßen zu vertreiben, hoffe ich, dass die Bahn die Verspätungen der letzten Woche nicht wiederholen wird und ausnahmsweise mal pünktlich einfährt.

Als würden meine geheimen Wünsche erhört, tauchen pünktlich auf die Minute die beiden Lichter des Triebkopfes (welch wunderbares Wort übrigens) aus dem Dunkel der Nacht auf. Im Gegensatz zu seinem Kollegen vom letzten Freitag denkt der Lokführer auch ohne besondere Aufforderung durch das Bahnhofspersonal daran, die Türen freizugeben, so dass einem Einstieg ins warme Innere nichts mehr entgegen steht. Dort mache ich es mir so gut es geht gemütlich und versuche, ein wenig des in der Nacht zuvor zu kurz gekommenen Schlafes nachzuholen.

Bis Hamm verläuft die Fahrt, lediglich unterbrochen von den freundlichen Durchsagen des pflichtbewussten Zugchefs, ruhig und vor allem pünktlich. Dort bittet er jedoch um unsere Aufmerksamkeit, was dazu führt, dass alle wichtigen Mitreisenden ihre Telefonate unterbrechen und ich mir eilig die Ohrstecker aus den Ohren hole. Aufgrund der Witterung (leichter Nieselregen bei einstelligen Plusgraden – für die Bahn kann das schon eine Herausforderung sein) könne man die Kupplungklappen der beiden Zugteile, die hier zusammengefügt werden sollen, nicht öffnen. Die Weiterfahrt verzögere sich daher um wenige Minuten.

Nach geschlagenen 18 Minuten ruckelt es tatsächlich und wir setzen die Fahrt fort. Nana Mouskouris “New York Sessions” (jahaa, die Frau kann auch anders!) schmeicheln mir sanft ins Ohr und lullen mich soweit ein, dass ich wieder sanft dahin schlummere. Die Fahrt geht zügig weiter. Doch kurz nachdem wir die Stadt, die es nicht gibt, passiert haben, bremst der Zug auf freier Strecke ab und kommt zum stehen. Abermals wird es still im Wagen, alle warten gespannt auf die nächste Durchsage. Diese kommt auch prompt und verkündet in knappen, aber leider eindeutigen Worten das, was wir alle nicht hören wollten.

Aufgrund eines Leichenfundes am Gleisbett verzögert sich unsere Weiterfahrt. Der Zug wird umgeleitet. Wir werden Hannover – beide Verspätungen zusammengerechnet – mit ca. 80 bis 90 Minuten Verspätung erreichen.” Schon wieder ein Personenschaden also, denke ich bei mir. Es scheint eine gute Zeit zum Sterben zu sein. Verzweiflung allenthalben, den Kopf auf die Schienen legen als einziger Ausweg.

Abermals starte ich mehr nachdenklich und traurig als ärgerlich in die neue und hoffentlich letzte Arbeitswoche des Jahres. Und während draußen langsam grauverschneite Felder, Wälder und Ortschaften vorbeizeihen, über denen die dicken, weißen Flocken tanzen, singt Rebekka Bakken mit melancholischer Stimme “Cover Me With Snow“.

Gonna lay this body down,
cover me with snow,
fall asleep with crystals
falling silent from above.

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bahnblogging X – Kredit verspielt

Wie an diesem Ort bereits oft geschrieben, fahre ich eigentlich gerne mit der Bahn. Auf den Strecken, die ich nutze, ist sie im Regelfall zuverlässig und überdies (solange ich alleine reise) deutlich günstiger als der PKW. So stressfrei komme ich mit dem Auto jedenfalls nie und nimmer hin und her. Das gilt für den Regelfall.

In den zurückliegenden Wochen hat die Bahn allerdings viel Kredit verspielt. Bei insgesamt 5 Fahrten summierten sich die aufgelaufenen Verspätungen auf knapp 300 Minuten. Da hört der Spaß dann irgendwann auf. Auch wenn die Bahn rund 90 Minuten davon nicht zu verantworten hatte, nervte es einfach, auf kalten und zugigen Bahnsteigen stehen und warten zu müssen. Keine der Durchsagen erwies sich als zuverlässig. So wurden aus 60 Minuten am Ende 90, aus 30 Minuten schlappe 45. Kein Wunder also, dass ich nun mit heißer Stirn und Kratzen im Hals ins Wochenende starte.

Besonders nervig sind die Durchsagen am Bahnhof von Hannover, wo sie nicht mehr von einem Menschen aus Fleisch und Blut (wobei das bei Bahnbeamten auch eine gewagte These ist) sondern von einer computerisierten Dame gesprochen werden. Ihr vollkommen emotions- und teilnahmsloser Tonfall macht mich, wenn ich nach mehr als 70 Minuten Wartezeit zum 15ten Mal immer noch die Durchsage “ICE xyz von Berlin Ostbahnhof nach Hassenichgesehn hat voraussichtlich 60 Minuten Verspätung” höre, gelinde gesagt aggressiv. Kein Wort der Entschuldigung, lediglich Gefasel von Betriebsstörung, schlechtem Wetter und Gleisbauarbeiten, wenn überhaupt Gründe genannt werden.

Am schönsten bei der ganzen Warterei ist es jedoch, die Gespräche der Umstehenden zu belauschen. Hätte ich mit einem Phrasenschwein am Bahngleis abkassiert, wäre ich jetzt ein reicher Mann. Ich weiß nicht, wie oft ich den Satz “Das ist mal wieder typisch Bahn.” hören musste. Die bekrawattete Generation der Mitreisenden, vorzugsweise in den für die Wagen der ersten Klasse vorgesehenen Gleisabschnitten zu finden, schwadronierte lautstark in ihre Mobiltelefone und wiederholte mantraartig den Satz “Beim nächsten Mal nehme ich wieder den Flieger“.

Die wartenden Familien versuchten derweil ihre durchgefrorenen und aufgekratzten Kinder bei Laune zu halten, wobei man in den Gesichtern der Eltern lesen konnte “Demnächst fahren wir wieder mit dem Auto“. Leid tat mir die alte Dame mit großem Reisegepäck, die, wie sie mir stolz berichetete, auf dem Weg zur Familie Köln war. Sie konnte aufgrund ihrer Schwerhörigkeit die vielen Lautsprecherdurchsagen nicht verstehen (was vielleicht auch eine Gnade war). Und doch war sie unter den vielen Wartenden eine der wenigen Ausnahmen, die die Situation mit stoischer Ruhe und Gelassenheit ertrug und sich dem Schicksal fügte.

Andererseits sind diese Wartezeiten auch immer wieder unterhaltsam. Man tauscht sich aus über die besten Vermeidungsstrategien, erfährt von Mitleidendenreisenden unter Umständen mehr über alternative Verbindungen als vom Bahnpersonal, witzelt miteinander, sucht Kontakt und versucht, sich die ohnehin schon angeschlagene Laune nicht noch mehr verderben zu lassen.

Wie immer liegt in der Ruhe die Kraft. Ich bin in diesen Momenten immer froh, auf die Musiksammlung meines großzügig dimensionierten mp3-Players zurückgreifen zu können. Flugs die Stöpsel rein, ein schönes Album rausgesucht und schon kann ich vom Trubel rundum abkoppeln. So waren es in dieser Woche vor allem Manu Katché und Kollegen mit ihrem neuen Album “Neighbourhood”, Martin, Medeski & Wood mit “Uninvisible”, NoJazz mit “Have Fun” und “Meezzazine De L’alcazar Vol. 4″, die mich in eine andere Welt abtauchen ließen und mir die Wartzeiten am Bahnsteig und auf freier Strecke verkürzten.

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bahnblogging IX – Personenschaden

Schon bei der Ankunft in der großen Bahnhofshalle wundere ich mich über die Schar von Reisenden, die den Service-Counter der DB belagern, doch ich denke mir nichts dabei. Es ist einfach zu früh am Tag für scharfe Schlussfolgerungen, dass das etwas mit meinen eigenen Reiseplänen zu tun haben könnte.

Schnell in den Zeitungskiosk des Vertrauens, die einzige bahntaugliche Tageszeitung meines Vertrauens gegriffen und ab zurück in den Strom der Berufspendler, die sich durch die Gänge schieben. In der Halle dann schnell der Blick auf die Anzeigetafel um sich des Abfahrtsgleises zu versichern. Doch dort vorne in der Zeile ereilt mich die Information wie ein Schlag. “Ca. 60 Min. später” steht dort in kleinen, gelben aber unüberlesbaren Lettern geschrieben.

Na Prima, denke ich bei mir, und dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne, die meine Meinung über die Bahn im Regelfall hell bescheint. Nach mehrminütiger Wartezeit am Infopoint teilt man mir dann mit, es habe vor Wunstorf einen “Personenschaden” gegeben. Ein Selbstörder habe sich dort vor einen Zug geworfen. Nun sei die Strecke zunächst auf unbestimmte Zeit gesperrt. Man rechne mit einer ca. einstündigen Verspätung.

Dank First-Class-Ticket lässt sich die Wartezeit bequem gestalten. Gemütlich setze ich mich in einen der weichen Sessel in der DB-Lounge, trinke eine heiße Wiener Melange und lese meine soeben erworbene Zeitung. Glücklicherweise bin ich inmitten all der querstreifenbekrawatteten Anzugträger nicht der einzige Zeitungsexot. Mir gegenüber sitzt ein in Nadelstreifen gewandeter Yuppie und studiert mit feucht glänzenden Augen die Tittenbilder der BILD, als handele es um im Vergleich zum Vortag exorbitant gestiegene Aktienkurse.

“ER tötete SIE” prangt es mir in BILD üblicher reißerischer Manier und bunt bebildert entgegen. Blöd, denke ich bei mir. SIE wollte vielleicht noch Leben, während der “Personenschaden” seines selbstbestimmt beendet hat. Für einen Moment beschäftigt mich der skurrile Gedanke, wie es wäre, zwischen vermeintlichen Mördern und Selbstmördern Kontakte zu vermitteln. So wäre schließlich beiden geholfen. Eine klassische Win-Win-Situation, wie der BWLer zu sagen pflegt.

Nach rund einer Stunde packe ich meine Sachen zusammen und mache mich auf den Weg zum Gleis. Dort werden von überaus freundlichem DB-Service-Personal bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kalte Getränke verteilt, um den Wartenden die Zeit “angenehmer” zu gestalten. Komischerweise wird von dem netten Angebot kaum Gebrauch gemacht. Bei den ersten Umstehenden machen sich Stresssymptome bemerkbar. Lautstark wird auf “die unfähige Bahn” geschimpft. Wie immer kann jeder eine nette Geschichte zum negativen Bild beitragen. Warum auch immer, schießt mir während dieser immer wilder werdenden Meckerorgie der Satz “So ist Deutschland” durch den Kopf.

Schnell werden aus den angekündigten 60 Minuten auf dem Bahsnteig am Ende 90 Minuten, bevor der ersehnte weiß-rote Blechwurm endlich Einfahrt in den Bahnhof erhält. Schnell den Platz gesucht, mich häuslich eingerichtet und Musik auf die von den vielen Durchsagen strapazierten Ohren. Während draußen die vom zähen Bodennebel überzogene Ost-Landschaften vorbeirasen, schwirren Fragen über Fragen durch meinen Kopf. Immer wieder kehren meine Gedanken zu dem so verharmlosenden wie unpassenden Wort “Personenschaden” zurück.

Was mag das für eine Mensch gewesen sein, der diesen “Personenschaden” verursacht hat? Was hat ihn zu dieser Entscheidung bewogen? Wie groß muss seine Verzweiflung gewesen sein, um diesen Schritt zu wagen? Und doch regt sich auch Wut in mir. Wut darüber, dass er andere unschuldig in seinen Freitod mit hineingezogen hat. Wieviele traumatisierte Lokführer gibt es wohl in Deutschland? Es muss doch ein Horror sein, dieses Unglück auf sich zukommen zu sehen und es einfach nicht verhindern zu können.

Währenddessen habe ich die wundervolle Musik von Manu Katchés neuem Album Neighbourhood im Ohr. Musik, bei der man sich tatsächlich nachbarschaftlich geborgen fühlt. Und doch wirft mich in diesem Augenblicken ein jeder Track auf das Ereignis zurück, das mir diese Verspätung eingebrockt hat.

Good Influence Unter welch traurigem und schicksalhaften Einfluss hat dieser Mensch gestanden, der seinem Leben ein so grausames Ende gesetzt hat? November 99 Was hat er wohl im November vor 16 Jahren gemacht? Wie alt war er? Lagen schon damals Vorboten eines Lebensschattens auf seiner Seele? Lullaby Hat ihn jemals jemand in den Schlaf gesungen? Hat er andere mit einem leisen Schlaflied ins Land der Träume begleitet? Take Off And Land Sein Leben endete in einer Bruchlandung. Wie ist es ihm wohl unterwegs ergangen? Wie war seine Fallhöhe?

Lieber Personenschaden, wer auch immer du warst, was auch immer deine Geschichte ist. Diesen Beitrag widme ich dir. Möge er eine namenlose Erinnerung an dich sein, in einer Zeit, in der man sich höchstens einer 90minütigen Verspätung, aber nicht des dahinter stehenden Schicksals einnert.

Der Tod beendet nicht alles.

bahnblogging VIII – alles ist friedlich

Auch wenn ich viel mit der Bahn reise, so ist doch jede Fahrt ein neues kleines Abenteuer. Und das meine ich jetzt ausnahmsweise nicht bezogen auf die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der Bahn.

Jede Reise erzählt eine kleine Geschichte, eine Geschichte des woher und wohin, eine Geschichte des warum und mit wem. Ein Zug ist immer ein Mikrokosmos voller Schicksale, Hoffnungen und Sehnsüchte. Es macht mir immer wieder Spaß, mir zu überlegen, was wohl hinter den Köpfen und Fassaden meiner Mitreisenden passiert.

Die Studien beginnen schon auf dem Bahnsteig. Bei meiner Wochenendpendelei von Hannover nach Bochum reise ich regelmäßig mit dem aus Berlin kommenden ICE in Richtung Rheinland. Dieser setzt sich aus zwei Zugteilen zusammen, von denen ich in den vorderen einsteigen muss. So habe ich bereits auf dem Weg zu meinem Gleisabschnitt Gelegenheit die Menschen, die dort stehen, zu studieren, in ihren Gesichtern zu lesen.

Es ist ein Kessel Buntes, der sich auf den Bahnsteigen dieser Welt wiederfindet – alle erdenklichen sozialen Schichten, Religionen, Hautfarben und Körpergrößen finden sich dort auf engstem Raum zusammen. Und jeder bringt seine Geschichte, sein Leben mit. Die einen nur in Herz und Verstand, die anderen einen Teil davon auch in ihren Koffern und Reisetaschen.

Da steht die junge Mutter mit roten Wangen und zwei kleinen aufgeregten Kindern inmitten der im Business-Outfit reisenden Manager. Sie wirkt ein wenig verloren, hat Mühe, ihre Kinder im Blick zu behalten und sie davor zu bewahren, auf die Gleise zu fallen. Die Krawattenträger unterhalten sich derweil über fallende Kurse, die unfähigen Berater und Politiker und stellen fest, dass sie die besten sind. Derweil schlurft ein in Tarnzeug gewandeter Rekrut vorbei, dem man die Kürze der zurückliegenden Nacht deutlich an den tiefgrauen Ringen unter den Augen ablesen kann.

Im Zug sitze ich dann neben einem dieser Manangertypen, gewandet in ein rosa Hemd samt perfekt abgestimmter Krawatte. Freundlich bittet er mich, die bei mir am Tisch angebrachte Steckdose nutzen zu drüfen und vertireft sich daraufhin sofort in die Arbeit an ellenlangen Exceltabellen, die er aus den mitgebrachten Unterlagen füttert und abgleicht. Er ist auf dem Weg nach Düsseldorf, wie sich kurz danach herausstellt, als er bei der freundlichen Schaffnerin einen Salat bestellt.

Ob der wohl auch wie ich auf dem Weg nach Hause ins Wochenende ist? Wartet dort jemand auf ihn? Wird er am Wochenende weiter arbeiten müssen? Einmal mehr bin ich froh, dass die Zeit der Wochenendarbeit für mich vorerst kein Thema mehr ist. Vorbei die Zeit, wo ich selbst am Wochenende mit dem Kopf mehr in der Firma als zu Hause war. Erleichterung macht sich breit, ein gutes Gefühl.

Gegenüber eine ältere Dame in einem marineblauen Angorapulli, der den Kragen ihrer weißen Rüschenbluse vollflust. Auch bei ihr frage ich mich, was das Ziel der Reise ist. Kinder, Enkelkinder? Wartet am Bahnhof der Mann, eine Freundin? Wieviel Bahnhöfe sie wohl in ihrem Leben schon bereist hat? Sie lächelt mich freundlich an, ihre Ruhe strahlt wohltuend auf mich ab.

Draußen am Fenster ziehen derweil überzuckerte und schneebedeckte Felder vorbei, hin und wieder unterbrochen von ein paar Straßen, einsamen Gehöften und kleinen Dörfern. Alles wirkt friedlich an diesem nasskalten Wintertag.

… to be continued.

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