Heimat. Auch so ein Wort.

Heimat - Skyline von Bochum

Katja hat zu einer wundervollen Blogparade aufgerufen. Die Frage, die sie aufwirft, ist so simpel wie kompliziert. Sie lautet: “Was ist Eure Heimat?” Für mich ist das ziemlich einfach zu beantworten, denn ich bin trotz eines knappen Dutzends Umzüge in meinem Leben noch nicht wirklich herumgekommen. Die weiteste Entfernung, die ich dabei überbrückt habe, waren ganze 250 Kilometer nach Hannover. Und selbst das war nur eine Teilzeitheimat, pendelte ich doch an fast jedem Wochenende heim ins geliebte Revier. Und eben dieses Revier ist im besten Sinne das, was ich als Heimat bezeichnen würde. So ich sie denn als einen Ort definiere. Aber dazu später mehr.

Warum ich das Revier so liebe? Nun, wer nicht hier aufgewachsen ist oder lebt, wird mir wahrscheinlich schnell unterstellen, dass meine Zuneigung daraus resultiert, dass ich anderes nicht kenne. Da mag was dran sein, denn außer kürzerer Stippvisiten habe ich mit Ausnahme von Hannover an keinem anderen Ort längere Zeit verbracht. Aber ich glaube, man muss nicht alle Kuchen der Welt probiert haben, um dennoch zu wissen, welcher einem wirklich gut schmeckt. Ich bin sicher, dass ich an vielen Orten der Welt gut leben und mich auch schnell integrieren könnte, aber Heimat wäre und bliebe dennoch der Pott.

Woran das liegt? Nun, ganz sicher nicht an den pittoresquen Innenstädten und der mondänen Architektur. Die gibt es hier schlichtweg nicht. Nein, es sind die Menschen in diesem gerade einmal 150 Jahre jungen pulsierenden Schmelztiegel der Kulturen. Die Arbeit hat die Menschen hier zusammengebracht. Aus ganz Europa. Harte Arbeit hat sie hierher geführt, hat sie hier gebunden. Für Schöngeister war lange Zeit kaum Platz an Ruhr und Emscher. Und das merkt man noch heute, wenn in den Städten die Diskussionen um Orte der so genannten Hochkultur hochkochen.

Als 74er Jahrgang habe ich von all dem nur wenig mitbekommen. Zumal meine Familie vom Strukturwandel nie unmittelbar betroffen war. Und dennoch haben sich die Bilder streikender Stahlarbeiter in Rheinhausen, protestierender Stahlwerker bei Hoesch in Dortmund oder wütender Kumpels auf den von Schließung betroffenen Zechen tief eingebrannt. Ich ging zur Schule mit Kindern portugiesischer, griechischer, polnischer und türkischer Einwanderer. Manche von ihnen aus Gastarbeiter-, andere aus Spätaussiedlerfamilien. Das gebrochene Kauderwelsch auf dem Grundschulhof war selbstverständlich, ebenso wie die Verständigung mit Händen und Füßen beim Pausenfußball oder der Mathenachhilfeunterricht für meinen türkischen Freund Metin. Metin war stolz auf seinen Namen, hieß er doch so viel wie “der Standhafte”. Und standhaft war er. Selbst die Ohrfeige unseres Mathelehrers in der Grundschule brachte ihn weder aus der Fassung noch zum Weinen.

Für mich war dieses Umfeld normal. So normal, dass ich Fremdenfeindlichkeit wirklich erst aus Kinderbüchern kennenlernte. In unserer Klasse war das nie ein Thema. Das Ruhrgebiet ist mit seiner jungen Geschichte, seinen vielen Kulturen, seinen unterschiedlichen Prägungen ein Schmelztiegel im besten Sinne. Hier mischt sich alles. Es ist ein buntes Miteinander und ein tolerantes Nebeneinander. Das soll nicht heißen, dass es hier keine Probleme gäbe, ganz im Gegenteil. Aber die Art und Weise, wie wir Probleme – oder sagen wir lieber Herausforderungen – meistern, zeichnet uns aus. Ob es der fortwährende Strukturwandel ist, ob es die Erfolge und Niederlagen unserer Fußballclubs sind oder die maroden Finanzen der Kommunen. Nie lassen wir uns entmutigen. “Mund abputzen, weitermachen”, so lautet ein zentraler Satz der Reviermenschen. Und der wird auch gelebt.

Vor einigen Jahren drehte das Lokalfernsehen in unserem Bochumer Kiez eine kleine Reportage, in deren Verlauf die ondulierte Besitzerin eines Gardinenladens mit Goldkante und Chow-Chow im Schaufenster zum Kaufverhalten ihrer ausländischen Kunden befragt wurde. Sie blickte den Reporter irritiert an, als habe sie die Frage nicht verstanden, und sagte dann den legendären Satz, der für mich seitdem des Ruhris Habitus perfekt auf den Punkt bringt:

“Och wissense, mitte Ausländer und Zugereisten is dat ganz einfach hier: Die werden integriert und fettich.”

In diesem Satz steckt alles drin, warum dieses Fleckchen Erde meine Heimat ist und bleiben wird. Diese unkomplizierte, bodenständige und gleichzeitig vereinnahmende Herzlichkeit, die nicht oberflächlich ist. Das ist es, warum mein Herz für diese Region hier schlägt. Und warum ich gerne von Reisen an aufregende Orte der Welt wieder hierhin zurückkomme.

Aber – und jetzt komme ich auf den zweiten Aspekt von oben zurück – Heimat ist für mich nicht nur ein Ort. Heimat hat für mich noch eine ganz andere Komponente. Und die ist eng verwoben mit dem Namen dieses Blogs. Nämlich mit der Musik.

Egal, wo ich auf der Welt unterwegs bin, ob im Urlaub oder auf Dienstreise, ob länger oder nur auf Stippvisite, ich fühle mich immer dort heimisch, wo Musik ist. Ob es in Ägypten die orientalischen Klänge in Cafés und Basaren waren, in Amerika die Countrymusik in den Truckstops, in Portugal der Fado oder im tiefen Schottland der Folk in den Pubs. Gute, lokale, wenn möglich auch handgemachte Musik ist für mich allerorts ein Stück Heimat. Sie berührt mich und zeigt mir immer ein Stück der Seele des Ortes, an dem ich gerade bin. Nichts verbindet so sehr, wie gemeinsames Musik hören oder gar gemeinsames musizieren. Mit Musik kann jeder Ort zur Heimat werden. Zumindest für einen kurzen, sentimentalen Moment.

Eine buntes Pot(t)pourri – Still-Leben A40 der Ruhr.2010

Still-Leben A40

Morgen ist es soweit. Erstmals seit den autofreien Sonntagen der 70er Jahre wird die zentrale Verkehrsader durchs Ruhrgebiet, die A40, von Dortmund bis Duisburg komplett gesperrt sein.

Gleichzeitig wird sie für rund 6 Stunden zur wohl größten Kultur- und Partymeile der Welt. Wir freuen uns sehr, dass wir Dank der netten Aktion der Fiege-Brauerei auch dabei sein dürfen. Mit Familie und Freunden wollen wir in Block 76 an den Tischen 25 und 26 ein buntes Pot(t)pourri von Quizfragen über Texte bishin zu Liedern darbringen.

Nachdem in den letzten Tagen nun die Einzelheiten zu den Bedingungen bekannt geworden sind, hängen jedoch über dem morgigen Tag auch einige Fragezeichen. Ich bewundere die Logistik, die es schafft, binnen weniger Stunden 20.000 Tische, 40.000 Bänke und tausende von Dixi-Toiletten an die Strecke und wieder von ihr herunter zu bringen. Respekt. Auch bin ich begeistert, dass in Abständen von wenigen hundert Metern Verkaufsstände des Sponsors Edeka aufgebaut werden, an denen man sich für wirklich kleines Geld mit Snacks, Getränken und Obst eindecken kann. Das ist prima.

Weniger prima finde ich die Anreisekonzepte, die es Radfahrern untersagen, in Verkehrsmitteln des VRR ihre Räder zu transportieren. Für Busse, Straßen- und U-Bahnen kann ich das ja noch nachvollziehen, aber im Regionalverkehr ist das natürlich verheerend. Der Radiotipp des Sprechers von Ruhr.2010, man solle sich Reservierungen holen, kann ja nur für IC-Züge mit Fahrradabteilen, nicht aber für die RE gelten. Ich kann nicht verstehen, dass die Bahn bei einer solchen Großveranstaltung mit einer Million erwarteten Besuchern nicht in der Lage ist, diese Herausforderung zu lösen. Sei es über Taktverkürzungen, Zusatzwaggons oder andere pfiffige Ideen.

Überhaupt ist das Thema Mobilität m.E. nicht gut gelöst. Laut offiziellem Reglement dürfen auf der Mobilitätsspur und auf der Tischspur keine Fahrräder geparkt werden. Zudem gibt es keine Übergänge zwischen Mobilitätsspur und Tischspur. Diese waren in den ersten Zeichnungen des Still-Lebens noch vorgesehen. Ob diese wirklich aus Sicherheits- oder nicht doch aus Logistik- bzw. Kostengründen abgeschafft wurden, darüber kann ich nur spekulieren.

Allerdings wird so der Besuch des Still-Lebens für viele zur Farce. Viele Besucher werden Einladungen zu mehreren Tischen haben und diese per Rad besuchen wollen. Diese müssten nun – so sie sich denn an die Regeln halten – in der Nähe der Tische, die sie besuchen möchten, die Autobahn verlassen, Ihre Räder an den Ausfahrten parken und zu Fuß die Tische besuchen.

Blöder und komplizierter geht es kaum. Ich bin gespannt, ob die Realität morgen nicht doch zu kreativen “Lösungen” führt.

Aller Kritik zum Trotz freue ich mich riesig auf das morgige Ereignis. Zumal mit Sonnenschein und 24 bis 26 Grad ja ein prima Wetter angesagt ist.

Wer Lust und Zeit, ist herzlich eingeladen, uns zu besuchen.

Glück auf!

Von Currywürsten und Kernkompetenzen

Bratwursthaus im Bochumer Bermuda3eck Im Bochumer Bermuda3eck gibt es eine Institution – das Bratwursthaus. Dort gab und gibt es schon seit jeher die beste Currywurst des Reviers. Ein “Gedeck” bestand immer aus einer Dönninghaus-Wurst, der Original Döninghaus-Currysoße und einem frischen halben Brötchen. Vor oder nach einem Kneipen- oder Kinobesuch war es mehr oder minder Pflicht, sich schnell am Bratwursthaus zu stärken. Für ehrliche 2,20 EUR gab es ruckzuck das gewünschte Gedeck. So einfach, so gut.

Vor wenigen Wochen wurde das Bratwursthaus nun erweitert. Die ehemalige “Bude” des “Grobschnitts”, bei dem es bis vor wenigen Monaten Pommes in allen Varianten gab, wurde quasi integriert. Und auf einmal bietet das bisher ausschließlich auf den Wurstverkauf spezialisierte Bratwursthaus auch Pommes an. Nun könnte man meinen, das ist doch eine logische und konsequente Erweiterung der Produktpalette. Quasi eine Diversifizierung im Sinne Edzard Reuters.

Nun, wohin die Diversifizierung bei Daimler geführt hat, ist ja hinlänglich bekannt. Sie hätte den Konzern beinahe den Fortbestand gekostet. So schlimm wird es mit dem Bratwursthaus hoffentlich nicht kommen, aber erste gravierende Veränderungen in der Service-Qualität sind spürbar.

So gerät man wochenends nun gerne in Warteschlangen, in denen sich auch Kulturstadttouristen den Luxus dieser Revierspezialität gönnen. “Hanoi, is dös net die Wurschtbude, über die Grönemeyer sein Lied geschribbe hat?” hesselt es in der Großfamilie vor sich hin, die in der Warteschlange vor mir steht.

Ich bin kurz versucht, aufklärend einzugreifen und darauf hinzuweisen, dass der Song “Currywurst” keineswegs von unserem “Kulturexport” Herbert Grönemeyer stammt sondern vielmehr vom leider schon verstorbenen Kultkomiker Diehter Krebs aus der Nachbarstadt. Aber ich erspare mir und den vor mir Wartenden die Besserwisserei, schließlich habe ich Heißhunger.

Doch dann nimmt das Unheil seinen weiteren Verlauf, wird vor mir doch jetzt ausdiskutiert, wer in der fünfköpfigen Familie was bestellen möchte. “Isch möcht eine Mantaschale” wirft der Outdoorbejackte Familienvater stolz in den Ring. Der hat wohl einst die Ruhrkultur über Tina Ruhland und Till Schweiger in “Manta, Manta” in sich aufgesogen. Der pubertierende und baseballbekappte Sohn will dem Wissen seines Vaters in nichts nachstehen und fordert für sich lautstark eine “Pommes Schranke” ein. “Is dös net das gleiche?” fragt Hessenvattern etwas verdattert.

Auch hier bin ich versucht, aufklärend einzugreifen, und den Unterschied zwischen “Mantaschale” (Pommes, Ketchup, Majo, Currywurst) und “Pommes Schranke” (Pommes, Ketchup, Majo – also “rotweiß”) zu erklären. Aber das überlasse ich dann doch lieber den geduldigen und freundlichen Damen hinter dem Tresen. Nach gefühlten 15 Minuten hat man sich vor mir auf die Bestellung geeinigt, was in weiteren, ebenfalls gefühlten 15 Minuten Wartezeit für mich endet. Auch den Wartenden in der Nebenschlange am neuen, zweiten Schalter geht es nicht viel besser. Die Pommesbestellungen verzögern den bisher äußerst zügigen Lieferprozess der Currywurst-Gedecke enorm. Und dann ist auch die Wurst, die ich erhalte, total verbrutzelt und hat eine trockene Pelle. Kein Wunder bei der langen Pommeswartezeit. Unter dem Krakeelen des neuen Plasmafernsehers, der im “Aufenthaltsbereich” der Bude angebracht ist, stopfe ich mir frustriert meine Wurst rein und freue mich auf mein anschließendes ehrliches 1,20-Pils in der “Pinte” gegenüber.

“Früher war alles besser. Wir hatten zwar nix, aber mit der Currywurst hat es wenigstens funktioniert” seufze ich still vor mich hin und bin dabei ein klitzekleines bisschen genervt. Klammheimlich wünsche ich mir eine Rückbesinnung auf die Kernkompetenz “Currywurst”. Zumal es zwei Steinwürfe weiter mit “max Frituur” die absolute Kernkompetenz in Sachen belgischer Fritten aus frischen Kartoffeln gibt. Echte Arbeitsteilung im Bermuda3eck eben.

Wie gerne würde ich jetzt Edzard Reuter (Gott hab ihn selig) in die immer länger werdende Schlange stellen und beim eigenen Leib erfahren lassen, was es heißt, wenn man sich ohne Not diversifiziert und seine klassischen Kernkompetenzen vernachlässigt.

Was bleibt ist ein fader Beigeschmack und die Formulierung einer dringenden Bitte:

Liebes Team vom Bratwursthaus.

Um Eure Stammkunden in Sachen Currywurst nicht komplett zu verprellen, hätte ich da eine Anregung. Macht doch aus einem Eurer beiden “Schalter” einen Express-Currywurst-Schalter. So könntet Ihr über eine Optimierung der Service-Prozesse immerhin Eure Stammkundschaft angemessen befriedigen und diesen Teil des Geschäfts optimieren.

Glück auf, Euer Stammkunde

Pott-Kultur (2007 revisited)

„Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser als man glaubt.“ Wer kennt sie nicht, die berühmten Anfangsworte aus Herbert Grönemeyers Heimathymne „Bochum“. Sie sind, obwohl sicher ein klassisches Stück Pop-Geschichte, ein kleiner Teil dessen, was ich unter dem Begriff „Pott-Kultur“ zusammenfassen würde.

Doch eins nach dem anderen. Es liegt schon einige Jahre zurück, dass im Rahmen einer studentischen Geburtstagsfete im Bekanntenkreis eine heftige Diskussion entbrannte. Entzündet hatte sich diese an der Musikauswahl der Gastgeberin. Auf einmal stand das Wort vom „Mainstream“ im Raum. Wie in studentischen Kreisen – insbesondere den geisteswissenschaftlichen – üblich, distanzierte man sich auf das Schärfste. „Mainstream“ ginge ja gar nicht. Es müsse schon etwas „Anspruchsvolles“ sein. Danach befragt, was denn unter etwas „Anspruchsvollem“ verstanden würde, begann eine wilde Aufzählung von Songs, Interpreten und Genres, von denen ich – trotz meiner grenzenlosen Musikbegeistertheit – bis zu diesem Abend noch nie oder allenfalls beiläufig etwas gehört hatte. Genüsslich machte man sich über die heutige „Pop-Kultur“ her, grenzte sich mit wildesten Thesen und an den Haaren herbei gezogenen Argumenten vom „Mainstream“ ab.
Dabei beschlich mich einmal mehr ein gewisses Unwohlsein. Da war er wieder, der viel bemühte und immer wieder heraufbeschworene Gegensatz zwischen „Kultur“ und „Mainstream“ – in diesem Falle verkörpert durch das, was gemeinhin als Pop-Musik bezeichnet wird. Dazu befragt, wie ich denn zu der Sache stehe, gab ich an, „irgendwie alles zu hören“. Das hatte natürlich nichts mit meinem glänzenden Hörvermögen zu tun sondern mit der Tatsache, dass ich mich keinerlei Genre-Grenzen verpflichtet fühlte. Was mir gefällt, das höre ich eben. Dabei ist es mir egal, ob das ein Radio-Song ist, der 10mal täglich gespielt wird, oder eine CD, die ich im Eigenverkauf vom Künstler selbst auf einem kleinen Jazz-Festival erstanden habe.

Aber vielleicht hat auch das eine Geschichte. Meine eben. Angefangen hat bei mir alles mit der klassischen Ausbildung in der Musikschule. Klassisch ging es dann im Schulorchester weiter. Doch das wurde mir irgendwann zu langweilig, sodass ich mich entschloss, mich der grenzgenialen Schulband „Schreie hinter Klostermauern“ (ich war auf einem ehemaligen Mädchengymnasium) anzuschließen um schließlich in einer kleinen Jazz-Combo zu enden. Je nach Stimmungslage und zu beeindruckendem weiblichen Geschlecht fanden sich in meiner „wilden Zeit“ auch Interpreten wie „Pur“ oder „Chris de Burgh“ in meinen CD-Regalen wieder. Auch wenn ich es heute nur widerwillig zugebe, befanden sich neben diesen sogar noch „Modern Talking“ und „Sandra“ auf Silberlinge gepresst in meinem Besitz. Und dennoch möchte ich deswegen nicht als Kulturbanause bezeichnet werden.

Auf dem Heimweg von der Party führte der Weg durch das nächtliche Ruhrgebiet. Und irgendwie ließ mich dabei ein Gedanke nicht mehr los. Ist es in Ordnung, Pop-Musik pauschal als nicht zur Kultur gehörend abzutun? Noch während ich darüber nachdachte, ging die Fahrt vorbei an großen, verlassenen Kathedralen der Industriegeschichte des Ruhrgebiets. An Musical-Theatern in alten Werkshallen, Diskotheken in stillgelegten Zechengebäuden und Kulturzentren in verlassenen Bahnhofsgebäuden. Eine typische Ruhrgebietsmelange eben. Wo, wenn nicht hier zerfließen die konstruierten Grenzen zwischen populärem Mainstream und Kultur? Das Ruhrgebiet als großer Schmelztiegel. Nicht nur im realen, sondern auch im übertragenen Sinne.

Schon immer war dieser Ballungsraum, von seinen Bewohnern auch liebevoll „Pott“ genannt, geprägt von diesen scheinbaren Widersprüchen. Neben der allseits bekannten und bis heute noch die Vorstellung vieler prägenden Schwerindustrie mit ihren qualmenden Schloten, den Stahlwerken, die den Abendhimmel weithin sichtbar rot färbten und den sich tief in die Erde hinein grabenden Zechen gab es schon immer eine blühende Kulturlandschaft. Bereits früh erwarben sich Kulturinstitutionen wie das Bochumer Schauspielhaus oder das Essener Folkwang-Museum weit über die Grenzen der Ruhrregion hinaus einen glänzenden Ruf.

Nun hätte man befürchten können, dass diese lebendige Kulturlandschaft mit dem massiven Strukturwandel, der seit den 70er Jahren zigtausende Menschen in Arbeitslosigkeit und soziale Not stürzte, ebenfalls vom Zusammenbruch bedroht gewesen wäre.

Aber das Gegenteil war der Fall. Gerade das reichhaltige Kulturangebot war es, was vielen Menschen auch in diesen schweren Zeiten Halt bot. Mit dem Zechensterben und der Krise der Stahlindustrie wandelte sich auch die Kulturlandschaft zusehends. Doch auch im Ruhrgebiet vollzog sich dieser kulturelle Wandel nicht ohne Widerstände. Nur zu gut erinnere ich mich an den Aufschrei, als Ende der achtziger Jahre in meiner Heimatstadt der Neubau eines Musicaltheaters geplant und beschlossen wurde. Die (vermeintlich) intellektuelle Kultur-Szene rund um Schauspielhaus und Bochumer Symphoniker echauffierte sich über die Millionen, die die Stadt doch lieber in die Förderung der „wahren Kultur“ hätte stecken sollen. Von solch Geld verschlingenden, „populären“ Projekten solle man doch lieber die Finger lassen. Doch mit dem Erfolg des Musicals, das mittlerweile ins 18. Jahr geht, wurden die Stimmen immer leiser. Viele Musical-Besucher kamen eben nicht nur für die zweistündige Vorstellung, sondern besuchten auch andere Sehenswürdigkeiten der Region. Ein vermeintlich populäres Projekt brachte auch für andere, weniger populäre Kulturangebote den Aufschwung.

Viele Menschen fanden in diesem Umfeld Arbeit. Ehemalige Werks- und Zechengelände wurden zu Orten der Kultur umfunktioniert, wovon die mittlerweile auch überregional bekannte „Route Industriekultur“ zeugt. Ganzjährig herrscht hier ein lebendiges kulturelles Leben. Sei es im Rahmen von Ausstellungen (Design auf Zeche Zollverein), Jazzfestivals (Traumzeit-Festival im Landschaftspark Duisburg, einem ehemaligen Stahlwerk) der Ruhrtriennale (Spielorte wie die Jahrhunderthalle in Bochum) oder den unzähligen Kleinkunstveranstaltungen (zum Beispiel im Ebertbad in Oberhausen oder der Kaue in Gelsenkirchen). Ehemalige Orte der Arbeit bleiben so lebendig, ihre Geschichte wird in einen neuen Kontext gesetzt.

Und noch etwas fasziniert mich immer wieder. All diese Angebote sind hier tief verwurzelt in der Bevölkerung und stoßen auf breite Resonanz. Sind eben das, was man gemeinhin als „populär“ bezeichnet. Doch was heißt „populär“ denn vom Wortsinn her anderes, als dass sich das Angebot eine breite Bevölkerung richtet und von dieser auch angenommen wird. Hier sitzt im Schauspielhaus eben neben dem Bildungsbürger genauso der Student wie auch der viel beschworene „kleine Mann“.

Das Angebot zwischen Duisburg im Westen und Unna im Osten, Hattingen im Süden und Herten im Norden ist ebenso bunt wie die Bevölkerung in diesem Schmelztiegel. Für jeden ist etwas dabei. Jeden Tag. In jedem Bereich. Kultur ist im besten Sinne „populär“ geworden. Pott-Kultur ist Pop-Kultur im besten Sinne. Kultur für die Menschen.

So kann ich alle Leser nur einladen, starre Wertungs- und Denkmuster aufzubrechen. Mit offenen Augen und weitem Herzen durch die Welt gehen, neugierig sein, Dinge ausprobieren und sich auf Neues einzulassen. Unabhängig davon, ob es populär ist, oder nicht.

Das Ruhrgebiet hat es vorgemacht. „Der Pott kocht“ nicht nur, wie ein alter Werbeslogan es treffend auf den Punkt brachte. Nein, der Pott rockt auch. Ungemein. Ob mit Theater, Kunst, Klassik, Jazz, Pop oder Literatur. Kultur von engagierten Menschen für alle, die sich darauf einlassen. Das Ruhrgebiet ist mit Essen als „Frontstadt“ Kulturhauptstadt Europas für das 2010. Ein Besuch lohnt. Garantiert. Auch vorher schon.

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Dieser Artikel wurde bereits vor langer, langer Zeit als Cover-Story in mindestenshaltbar veröffentlicht. Irgendwie war mir danach, ihn hier erneut zu posten. Ich meine, dass er nichts an Bedeutung verloren hat. Gerade im Hinblick auf die Kulturstadt Ruhr 2010.

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