Vom Bereuen und grundlos guter Laune

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In der WELT las ich dieser Tage eine Buchbesprechung. Gegenstand war das Werk von Bronnie Ware “Fünf Dinge, die Sterbende am meisten Bereuen”. Ware hat jahrelang Sterbende begleitet und deren letzte Wünsche und Rückblicke dabei beobachtet und dokumentiert.

Die Essenz ihrer Beobachtungen sei, dass viele der Sterbenden im Bewusstsein des bevorstehenden Todes eine mangelnde Glückssuche in ihrem Leben beklagten. Wares daraus abgeleitete Botschaft ist, sich selbst mehr zu lieben.

Das klingt ja nun sehr einfach. Ist es aber nicht. Aus meiner bisherigen bescheidenen Lebenserfahrung ist es wohl eine der schwierigsten Aufgaben, diese Selbstliebe, dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Inwieweit das gelingen kann, ist meines Erachtens abhängig von äußeren wie inneren Faktoren.

Ich persönlich tue mich jedoch schwer mit diesem von Ware beschriebenen Bedauern. Sicher gibt es Entscheidungen, die ich rückblickend anders treffen würde. Weil sie sich vielleicht als tatsächlich falsch herausgestellt haben, oder weil Entwicklungen anders gekommen sind, als ich erwartet hatte. Und dennoch gebe ich mir Mühe, jede Entscheidung im Hier und Jetzt vor dem Hintergrund meiner aktuellen Erfahrungen bewusst zu treffen. Immer auch in dem Wissen um meine eigenen inneren Widersprüche und Fehlbarkeiten. Und wenn mir das gelingt, was zugegebenermaßen eine verdammt schwere Aufgabe ist, gibt es aus meiner Sicht kaum Anlass und Grund zu Bereuen.

Genau aus dem Grund beobachte ich die allseits verbreitete Glückssuche immer wieder mit großer Skepsis. Immer wieder habe ich das Gefühl, dass wir bei der Suche nach dem großen Glück den Blick auf die Realitäten, auf das im Kleinen verborgene Glück verlieren. Wir gieren nach der großen inneren Augeglichenheit und regen uns im Alltag immer wieder über Kleinigkeiten auf. Geraten dabei auch gerne mal in Empörungs- und Verärgerungsspiralen. Die machen dann nicht nur schlechte Laune, nein, sie nehmen uns Lebenslust und machen uns langfristig sogar krank.

Deshalb habe ich angefangen, mir immer wieder mal “grundlos gute Laune” zu machen. Bewusst hinzuschauen, ob das, was mich da gerade ärgert, wirklich eine nachhaltige Einschränkung meiner Lebensqualität bedeutet, oder ob es nicht nur eine Frage meiner inneren Haltung ist, wie ich konstruktiv damit umgehe.

BioFach 2012, der schmale Grat zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Der Zug ist abgefahren. Also nicht der für die BioFach. Meiner. Ich rolle entspannt mit der Bahn gen Heimat und versuche, meine Gedanken und Eindrücke zur BioFach zu strukturieren und ein abschließendes Fazit zu ziehen.

Um beim Zugbild zu bleiben, ich habe sehr stark das Gefühl, dass der Biozug mit Volldampf unterwegs ist und ordentlich von der Regionalbahn zum internationalen Schnellzug aufgepimpt wurde. Beim Schlendern durch den riesigen Innovationsbereich in Halle 9 komme ich aus dem Kopfschütteln bisweilen nicht raus. In der Rubrik Grundnahrungsmittel (!!!) werden Bio-Dauerlutscher und Bio-Kartoffelchips ausgestellt. Ich frage mich, wie ich meinem Sohn irgendwann glaubhaft klarmachen soll, das dem nicht so ist. Auch über eingeschweißte Demeter-TK-Pizza kann man natürlich schmunzeln. Wobei ich letzteres unter der Kategorie „innere Widersprüche“ abhandeln würde. Wenn schon tiefgekühlt, dann wenigstens so gesund wie möglich.

Kopfschütteln kann ich allerdings nur noch, wenn ich Bio-Fairtrade-Kaffee oder Biosaft in Weißblechdosen sehe. Da sollte doch auch der oder die Letzte merken, das irgendetwas nicht stimmt.

Aber es gibt auch die anderen Dinge. Leckere Wurst aus eigener Schlachtung der Landmetzgerei. Tolle neue Keksvarianten oder Schokolade in allen Variationen und Geschmacksrichtungen. Oder Biomilcheis, das es locker mit Ben & Jerries aufnehmen kann.

Was auch in diesem Jahr wieder ins Auge springt, ist die immer weiter voranschreitende Professionalisierung der Branche. Der „Zottelfaktor“ ist im Laufe der Jahre deutlich rückläufiger. Ein Indiz, dass Bio im „Mainstream“ angekommen ist? Ich weiß es nicht. Bei mir bleibt ob mancher Entwicklungen – inbesondere wenn ich mir die Herkunftsländer der Produkte oder die Produktionsverfahren anschaue – die Freude getrübt. Und letztere wird auch durch andere Dinge noch getrübt. Die wenigen Vorträge, die ich besucht habe, lassen mich mit großen inneren Fragezeichen zurück. Da ist von Neuro-Marketing im Biosektor die Rede, da wird darüber das grüne Produkte auch grün gewaschen werden müssen. Da wird auf Schleckerniveau über den unmündigen Konsumenten gelächelt, das die Schwarte kracht. Auf einem anderen Podium sitzen gelangweilte Social Business-Startupler und schwandronieren darüber, warum ihre Angebote ach soviel besser sind und warum es ach so wichtig ist, authentisch zu sein.

Authentisch ist wohl eines der am meisten missbrauchten Worte der letzten Tage. Es ist so schal, so verlogen, so abgenutzt. Von denen, die dort sitzen, ist nämlich kaum einer authentisch. Das hieße nämlich, zu seinen inneren Widersprüchen zu stehen. Zur Dialektik des Alltags, die uns nämlich neben dem Bioladen auch im konventionellen Supermarkt kaufen lässt. Die uns trotz des Radwegs zur Arbeit bei der Urlaubsreise in einen Flieger einsteigen lässt. All das wird nicht benannt. Nein, es wird gar fein verschwiegen. Man sonnt sich im Licht der eigenen Eitelkeit. Der Impetus des moralisch erhoben Zeigefingers ist allgegenwärtig. Das ist es, was mich traurig macht. Offensichtlich sind Marketing und Kommunikation im Bio-Bereich keinen Deut besser als im konventionellen Markt. Es wird von Beratern frechweg behauptet, die Konsumenten seien mit der Komplexität überfordert. Ich erlebe das komischerweise anders. Ich erlebe Menschen, die den Dingen auf den Grund gehen wollen, die unbedingte Offenheit und Ehrlichkeit fordern. Keine selektive Transparenz dort, wo es gerade unternehmensstrategisch passt.

Bloggertreffen Biofach 2012

Aber ich will hier nicht nur unken und so tun, als käme ich verbittert und vergrämt heim. Denn so ist es ganz und gar nicht. Die BioFach war auch wieder Ort vieler schöner Begegnungen mit lieben, herzlichen und ganz und gar offenen Menschen. Menschen mit denen man Lachen, an denen man sich reiben und von denen man sich inspirieren lassen konnte. Ich bin der Messe Nürnberg sehr dankbar, dass sie uns Bloggerinnen und Bloggern auch in diesem Jahr wieder Raum und Rahmen für ein Netzwerktreffen gegeben hat. Fast 40 Menschen unterschiedlichster Disziplinen kamen dabei zusammen. Bei gutem Essen, leckeren Getränken und angenehmer Musik wurde fleißig diskutiert. Jeder warf andere Fragen auf, hatte andere Anliegen und Baustellen, tolle Ideen. Ich bin gespannt, wie die geknüpften Fäden auch nach der Messe weiter verwoben werden können.

Mein besonderer Dank für Austausch und Inspiration geht in diesem Jahr vor allem an Hendrik, Sina, das Team von Sonnentor, Christian, Klaus, Kay, Susanne, Matthias, Herwig, Johannes, Manja und alle, die ich jetzt vergessen habe. Es ist schön, Euch wiedergesehen und eine gute Zeit mit Euch verbracht zu haben. Ich hoffe, Ihr regeneriert Euch alle gut. Auf Wiedersehen, spätestens zur BioFach 2012. Ich freue mich drauf.

Weitere Rückblicke findet ihr hier, hier und hier … Und hier die offiziellen Bilder.

Was war, war. Was wird, wird werden.

Fast hätte mich der Overkill der Jahresrückblicke in Presse, Funk, Fernsehen und auch hier im Netz davon abgehalten, selbst meinen Senf dazuzugeben. Bis zuletzt hat sich der innere Schweinehund gewehrt, letztlich hat die Rampensau in mir doch wieder gesiegt. Einer muss es schließlich machen.

Was war?

Getrost kann ich sagen, dass 2011 wohl eines meiner glücklichsten Jahre war. Dachte ich noch 2010, die Geburt unseres Juniors sei durch nichts zu toppen, muss ich rückblickend auf 2011 feststellen, es ging munter weiter. Es war ein Jahr gefühlter Veränderungen bei gleichzeitig großer Kontinuität. Politisch, ökologisch und wirtschaftlich von zahlreichen Krisen umgeben wuchs das Glück im Kleinen stetig weiter. Der Junior entwickelte sich prächtig, ist überwiegend gut gelaunt und sonnig und vor allem kerngesund. Allein dafür reicht die Dankbarkeit von hier bis nach Timbuktu und zurück.

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2010 – Brücke ins Neue

Brooklyn Bridge, New York 2009 war ein prächtiges Jahr. Viel Bewegung, aber auch viel Konstanz. Es endet mit dem Gefühl,  Heimat gefunden zu haben. Heimat nicht als Ort, Heimat als Gefühl.

Mit großer Vorfreude und einer gesunden Portion Unruhe geht es nun ins neue Jahr, von dem schon jetzt feststeht, dass es große Veränderungen bringen wird. In wenigen Wochen wird es sehr aufregend, denn der Nachwuchs weilt dann hoffentlich gesund und munter bei uns. Wir freuen uns sehr und sind gespannt.

Und sonst?

Sonst freue ich mich, dass das Ruhrgebiet seit nunmehr drei Tagen Kulturhauptstadt Europas ist und sich endlich als das präsentiert, das es schon seit vielen Jahren ist: eine offene, kulturell und kreativ wahnsinnig vielfälltige und landschaftlich wunderschöne Region Europas. Ich hoffe sehr, dass dieses Jahr auch für die Region eine gewisse Initialzündung ist und endlich sowohl die Menschen hier als auch die Menschen von außerhalb merken, wie schön es hier ist.

Herzliche Einladung an alle!