Undenkbar alternativlos

20130923-212333.jpg

So. Wir hatten die Wahl. Und ich hatte gehofft, sie beendet auch die Qual der unerquicklichen und inhaltslosen Diskussionen auf allen Kanälen. Aber ich habe mich geirrt. Durch das Scheitern der FDP, das ich angesichts ihrer wenig liberalen Klientelpolitik der vergangenen Jahre nicht wirklich bedauere, geht das unsägliche Gezerre weiter.

Die medialen Glaskugelleser laufen wieder zur Hochform auf, wer mit wem unter welchen Bedingungen wann über welche Inhalte und welches Personal verhandeln wird. Es geht dabei interessanterweise nur um Koalitionen mit der CDU/CSU. Die, und das sei hier nochmal festgehalten, zwar mit Abstand stärkste Kraft geworden ist, aber eben nicht über eine absolute Mehrheit verfügt. Die Mehrheit befindet sich Dank der Fünf-Prozentklausel knapp links der so genannten Mitte.

Links von der Mitte haben sich zwei Parteien während des Wahlkampfes jedoch festgelegt, niemals mit der dritten Partei, der Linken, zu koalieren. Das hatte taktisch nachvollziehbare Gründe, deren Klugheit man jedoch zumindest zart hinterfragen könnte. Man sprach der Linken die Regierungsfähigkeit ab, bzw. billigte ihr diese allenfalls “im Osten” zu. Eine interessante Differenzierung, wie ich finde. Seit gestern Abend wird von den Vertretern der beiden Parteien gebetsmühlenartig wiederholt, dass eine Koalition mit der Linken “undenkbar” sein. So konsequent diese Haltung angesichts der vor der Wahl gegebenen Zusagen ja ist, so ignoriert sie meines Erachtens jedoch ein – zugegeben zaghaftes – Wählersignal. Es irritiert mich, mal vorsichtig formuliert, dass ausgerechnet von den Politikerinnen und Politikern Denkverbote formuliert werden, die sich noch vor wenigen Monaten völlig zu Recht über den mantraartig von der Kanzlerin wiederholten Begriff der “Alternativlosigkeit” echauffiert haben.

Ich kriege es mit meinem Demokratieverständnis nur schwer überein, wenn man laut “spiel nicht mit den Schmuddelkindern” singt und eine mögliche Regierungschance ausschlägt, weil der potenzielle Koalitionspartner etwas unter den Armen müffelt. Sowohl SPD als auch Grüne sollten doch kapieren, dass sie als Juniorpartner unter Merkel, so sie denn überhaupt eine Legislaturperiode durchhalten, am Ende derselben allenfalls die Scherben ihrer parteilichen Reste zusammenkehren können. Anstatt einen Versuch mit der Linken zu wagen und sie zu zwingen, ihre selbst beschworene Regierungsfähigkeit endlich mal unter Beweis zu stellen, zieht man sich beleidigt in die Ecke zurück und harrt des eigenen Untergangs wie das Karnickel vor der Schlange.

Und ja, es wäre ein Wortbruch. Und ja, man müsste den Vorwurf der Wählertäuschung aushalten. Man müsste sich die Dummheit eingestehen, nicht wirklich unerwartbare Koalitions-Optionen kategorisch ausgeschlossen zu haben. Aber man hätte so wenigstens eine kleine Chance zu einer zukunftsweisenden Gestaltung der Gesellschaft in energiepolitischer, finanzpolitischer und bildungspolitischer Hinsicht. Keine Ahnung, ob das Ergebnis erstrebenswert ist oder ob es wirklich funktionieren würde, aber die kategorische Ablehnung kann und will ich nicht verstehen.

Es gibt immer Alternativen. Und Denkverbote haben uns noch nie vorangebracht.

peinliche Bochumer Ackermann-Posse

Jetzt hat Ackermann seinen Auftritt im Bochumer Schauspielhaus abgesagt. Das Ganze war an pseudopeinlicher Empörung im Vorfeld nicht zu überbieten. Ich bin wahrlich kein Freund von Josef Ackermann, aber vom Schauspielhaus und der Politik zu fordern, ihn auszuladen, ist einfach nur armselig und intolerant.

Man kann trefflich darüber streiten, ob man ausgerechnet jemenden wie Herrn Ackermann zu einem Thema wie “Die Zukunft der Finanzmärkte” einladen muss, aber spannend wäre doch gewesen, ihn inhaltlich zu stellen, seine Position zu hinterfragen, sich mit ihm und seiner Sicht auseinanderzusetzen.

Es hat schon einen mehr als schalen Beigeschmack, wenn ausgerechnet Künstler wie Frank-Patrick Steckel oder sogar ein Bochumer Richter eine Ausladung Ackermanns fordern. Ein trauriges Lehrstück in Sachen Toleranz, Meinungsfreiheit und Demokratieverständnis.

Und mindestens genauso peinlich ist am Ende, dass sich ein Medium wie die WAZ bzw. DerWesten nicht blöd genug sind, zu diesem Quatsch noch ein Online-Voting zu machen, um dem Pöbel eine Stimme zu geben und die Empörungswelle mitzusurfen. Springer-Niveau und Klickgeilheit lassen grüßen.

Am Ende kann man nur einmal mehr feststellen, das Bochum sich imagetechnisch munter weiter demontiert. Einfach nur traurig.

Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse

Bildrechte: Ponte 1112

Ich bin bekennender Radfahrer. Teils der Umwelt zuliebe, teils aus reiner Bequemlichkeit weil ich nicht gerne laufe.

Immer wieder treibt mir dabei der Zustand des kommunalen Radwegenetzes in Bochum die Zornesröte ins Gesicht. Radwege sind aufgrund sich hochdrückender Baumwurzeln, maroder Pflasterung oder dreist parkender Autos nicht nutzbar. Und wenn sie es denn sind, enden sie oftmals abrupt im Nirwana.

Gerade im Herbst und Winter setzen die kommunalen Radwegeverwalter im ganzen Spiel zur finalen Blutgrätsche an. Radwege sind unbeleuchtet und werden weder entlaubt noch vom Schnee befreit. Ich weiß nicht, ob es über die Vorstellungskraft der Planer geht, dass es Menschen mit der Änderung ihres Mobilitätsverhaltens ernst meinen und aufs Rad umsteigen. Oder steckt gar eine perfide Strategie dahinter, die Menschen in den chronisch defizitären und in diesen Monaten ach so virenschwangeren öffentlichen Nahverkehr zu zwingen? Man weiß ja nie.

Ich würde diesen Menschen gerne die rote Karte zeigen und sie wegen üblen Fouls und Spielbehinderung vom Platz stellen. So wird das mit der lokalen Klima-Agenda jedenfalls nix. Aber es ist natürlich viel schöner, sich mit Opels neuestem Elektroautoprojekt im Licht der Presse zu sonnen, als sich mit solch profanem Zeug wie Radwegen auseinanderzusetzen. Ich fürchte nur, dass mit dieser Strategie der Zwangs-Abstieg in die zweite wenn nicht gar die dritte Klima- und Mobilitäts-Liga vorprogrammiert ist. Im Kulturbereich hat man das ja schon erfolgreich vorgemacht.

Bochum, sechs, setzen!

Bildquelle: Ponte112

Statt Wahlberichterstattung herrscht Sommerlochödnis bei WAZ und Der Westen

Dass die morgendliche Lektüre der WAZ regelmäßigdazu führt, dass mein Blutdruck steigt und ich so richtig in Wallung gerate, ist ja hinlänglich bekannt. Immer wieder frage ich mich, was Redakteure dazu veranlasst, eine dreiviertel Titelseite über kollabierende Hunde, deren hilflose Frauchen und selbstlose Retterinnen zu opfern.

Es ist Sommerloch. Soweit. So schlecht.

Heute in 24 Tagen sind in NRW Kommunalwahlen. Die Innenstädte sind zugepflastert mit Wahlplakaten, die parteiübergreifend kaum aussageloser sein könnten. In der heutigen Lokalausgabe der Bochumer WAZ werden diese Plakate dann küchenpsychologisch gedeutet. Es kommt, wie es kommen muss – inhaltslose Plakate lassen auch keine inhaltliche Analyse zu. Erneut völlig überflüssiger Sommerloch-Content.

Die Leser (und Wähler) interessieren doch in Wahrheit andere Dinge. Sie möchten doch auch wissen, welche Menschen, Ziele und Programme hinter den Pappköpfen an Bäumen und Straßenrändern stehen. Warum kommt man in den Redaktionsstuben nicht einfach mal auf die Idee, den Kandidaten fünf kurze, aber gehaltvolle Fragen zu stellen, und diese nebeneinander vergleichbar in einer Ausgabe zu veröffentlichen. Einfach produzierter Inhalt – große Wirkung.

Und damit sich die Verantwortlichen nicht selbst ihr lokaljournalistisches Köpfchen zermatern müssen, habe ich einfach mal ein paar Fragen vorformuliert:

  1. Bitte stellen Sie sich kurz und knapp in nicht mehr als 300 Zeichen vor!
  2. Was hat Sie bewogen, politisch aktiv zu werden?
  3. Welche Schwerpunkte möchten Sie in den kommenden Jahren kommunalpolitisch in Ihrer Arbeit setzen?
  4. Was möchten Sie ganz konkret und für die Wähler auch messbar bis zur nächsten Wahl für Ihre Stadt erreicht haben?
  5. In 140 Zeichen bitte: Warum sollten die Wählerinnen und Wähler Sie wählen?

Wie wäre es, liebe Damen und Herren Redakteure? Ich bin sicher, dass es viele Leserinnen und Leser gibt, die schon auf die Beantwortung der Fragen hinfiebern.

EDIT 07.08.09:

Bei “Der Westen” zeigt man sich im twitter-Stream ganz schön dünnhäutig und verweist auf das “gehaltvolle” Wahlkampfblog.

Mehr.

Das Versprechen.