Kindermund :: Musikalisches Feingefühl

4630 Bochum
Wer dieses Blog schon länger liest, der weiß, dass es irgendwann mal sehr stark um Musik ging, eine wirklich prägende Konstante meines Lebens. So ist es nicht verwunderlich, dass ich bestrebt bin, diese Neigung und dieses Interesse auch bei der eigenen Brut zu wecken.

Und mein perfider Plan scheint tatsächlich zu verfangen. Erst recht, nachdem dem Junior eine Ukulele in der Vereinsfarbe seine Lieblingsfußballclubs zu eigen wurde. So kommt es immer öfter vor, dass ich zum saiteninstrumentalen Duett aufgefordert werde, bei dem wir Seite an Seite in bester Lagerfeuermanier vor uns hinschrömmeln und lauthals Kinderlieder grölen. Singen kann man das noch nicht wirklich nennen.

Und wo wir gerade bei Vereinsfarben waren – neulich war ich mit dem Junior tatsächlich im Ruhrstadion. Beim Heimspiel gegen Sandhausen. Ich Wahnsinniger, ich hätte ahnen müssen, wie das endet. In dieser Seuchensaison. Aber über den traurigen Verlauf und den noch traurigeren Ausgang des Spiels will ich mich hier gar nicht weiter auslassen. Um an das musikalische Ausgangsthema anzuknüpfen: Am beeindruckendsten waren für den Junior die Stadiongesänge. Das Bochumer Jungen-Lied, die VfL-Hymne und nicht zuletzt der wichtigste Stadionsong, nämlich Herbert Grönemeyers “Bochum”. Tausende Menschen in Blauweiß, Fahnen und Schals schwenkend und glück- bzw. bierselig mitsingend.

Und genau jener Song des bislang besten Bochumer Barden (ich schreibe das nur wegen der hübschen Alliteration) war es, der heute Morgen beim Frühstück aus dem Radio dudelte. Zwischen zwei Brötchenbissen summte ich fröhlich mit, bis der ebenfalls mit am Tisch sitzende kleine Meister auf einmal meinte:

“Papi, der klingt ja, als würde er beim Singen Currywurst essen.”

Sowas kann man sich nicht ausdenken. Aber wo er Recht hat, hat er Recht.

Musik ist meine zweite Haut

Jazz trumpet at Central Park NYC

Auch wenn Musik in diesem Blog leider nur noch selten vorkommt, ist und bleibt sie eine bestimmende Determinante meines Lebens. Wenn ich meinen Eltern für eines wirklich dankbar bin, dann ist es die Tatsache, dass sie mir den Zugang zu Musik ermöglicht haben. Und zwar nicht nur rezipierend sondern auch ganz aktiv. Ich durfte Instrumente lernen, einen Chor besuchen, eine band gründen und daheim üben, so viel ich wollte.

Musik ist meine zweite Haut. Ich wohne in ihr. Sie umhüllt mich, wärmt mich, schützt mich. Schon als Kind war sie ein Ventil für mich. Wo andere sich körperlich austobten, wenn sie sauer oder traurig waren, griff ich zum Instrument oder zum Kopfhörer. Ich tauchte ein in die Welt der schrägen Töne und wohlklingenden Akkorde, der treibenden Grooves oder beruhigenden Harmonien. Ich ließ mich verwandeln, berühren, aufputschen. Musik ist Glück, Lebenselixier und Sehnsuchtsort zugleich.

Zu jedem prägenden Lebensereignis kann ich noch Jahre später zuordnen, welche Musik es war, die mich in diesem Moment begleitet hat. Das ist wundervoll, denn so spüre ich bei diesen Songs und Melodien immer wieder mein Leben nach. Und irgendwann baue ich mal die Playlist meines Lebens nach. Beginnend bei den Mozart- und Beethoven-Sinfonien, die mit Karl-Heinz Böhm als Kind näher brachte, über die erste gekaufte Single mit “Say You, Say Me” von Lionel Richie, die erste eigene CD “Logos live” von tangerine Dream, bishin zum Neo-Swing von Alice Francis oder den geradezu melancholischen Soundteppichen von Nils Frahm. Jede Musik hat sich tief eingewoben in den Soundtrack meines Lebens.

Jazz 2013 :: (m)ein musikalischer Jahresrückblick

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Das Jahr 2013 wird – musikalisch gesehen – bei mir rückblickend das Jahr sein, in dem ich spotify für mich entdeckte. Und zwar weniger wegen des vergleichsweise günstigen Streamings bei oftmals bescheidener Klanqualität, als vielmehr als Inspirationsquelle zur Erweiterung meines musikalischen Horizonts. Viele meiner musikalischen Neuentdeckungen des Jahres habe ich dort erstmals im wahrsten Wortsinn “angehört”.

Einige dieser stilistisch sehr unterschiedlichen musikalischen Perlen, die mich in diesem jahr in unterschiedlichsten Situationen begleitet und inspiriert haben, möchte ich mit Euch teilen. Nicht alle davon sind Neuerscheinungen aus diesem Jahr. Bisweilen sind auch “olle Kamellen” dabei, die es nicht minder verdienen “wiederentdeckt” zu werden. Hier sind zehn meiner Jahreshighlights (die Reihenfolge ist dabei zufällig und vollkommen willkürlich):

Slackwax :: Night Out

Die großartige und beschwingte Musik von Slackwax steht stellvertretend für zwei Genres, die ich in diesem Jahr für mich neu entdeckt habe. Neo-Swing und Neo-Country. Auch wenn diese “Schilder” immer schwierig sind, es ist für mich Musik der guten Laune. Musik, die mich mitwippen macht und in der Lage ist, Blockaden im Denken und Fühlen zu lösen. Und was kann es sonst Schöneres geben? “Old Stick in the Mud” ist einer dieser Songs, an denen ich mich kaum satthören kann.

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Youn Sun Nah :: Lento

Zwei asiatische Künstler in den Jahres-Top-10. Und die in Frankreich lebende und vom schwedischen ACT-Label produzierte Südkoreanerin Youn Sun Nah hat es mehr als verdient, eine davon zu sein. Mit Lento lieferte die Jazzsängerin und Songwwriterin ein großartiges Album ab, das ich wieder und wieder gerne höre. Ein Stimme, die unter die Haut geht und einen nicht kalt lässt.

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Wolfgang Haffner u.a. :: Heart of the Matter

Ich mag es musikalisch ja gerne ruhig. Was daran liegt, dass ich mich auch bei der Arbeit gerne musikalisch inspirieren und begleiten lasse. Das ist einer der Gründe, warum ich die Musik von Wolfgang Haffner so gerne höre. Was irgendwie verrückt klingt, denn Haffner ist schließlich Schlagzeuger. Nichtsdestotrotz ist er ein Meister der leisen Töne. Und kaum ein Song hat mich im vergangen Jahr so sehr berührt wie “Melodia del Viento”, das er mit dem großartigen Thomas Quasthoff eingespielt hat. Ein Titel, den ich bei einem langen Strandspaziergang auf meiner Lieblingsinsel Langeoog gleich mehrmals hintereinander gehört habe.

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Lang Lang, Wiener Philharmoniker :: Chopin: The Piano Concertos

Definitiv eine der wichtigsten Nachtmusiken des Jahres. Die Einspielung ist bereits aus dem jahr 2009, was ihrer Wirkung jedoch keinen Abbruch tut. Ich bin weder ein großer Klassik- noch ein großer Klavier-Fan, aber diese Platte trifft mich bei jedem Hören ins Innerste. Nichts bringt mich nach anstrengenden Tagen schneller und schöner wieder auf den Boden zurück, als diese Musik und die Art, wie Lang Lang sie interpretiert. Großartig.

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Alice Russell :: Pot of Gold

Auch das Album ist schon älter und eigentlich keine Neuentdeckung dieses Jahres Gewesen. Und doch war es ein Album, dessen Titel sich in diesem Jahr auf fast jede meiner angelegten Playlists geschafft haben. Alice Russells Stimme ist ein wahrer Goldschatz und sie macht einfach immer wieder gute Laune.

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Blitzkids mvt. :: Silhouettes

Es war bei der deutschen “Ausscheidung” zur Teilnahme am Eurovision Song-Contest 2013, als ich zum ersten Mal auf Blitzkids mvt. stieß. Neben Labrassbanda, die mein Live-Konzert-Highlight des Jahres waren, definitiv DER Lichtblick des Abends. Stilistisch sicher kein Anflug von Jazz, aber ein wundervoller Ausflug in meine popmusikalische Sozialisation der 80er Jahre. Tolle Songs, die Lust auf Bewegung machen. Unsäglich, dass die komische Jury am Ende das Publikum überstimmte und diesen Mist von Cascada nominierte.

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Milky Chance :: Sadnecessary

Herbstentdeckung des Jahres. Und diesmal ist Sina daran schuld. Sie postete irgendwann, wie sehr ihr der Song “Loveland” gefalle. Kurz bei spotify reingehört, für gut befunden und gekauft. Bei Musik, die mich so trifft, ist der Klick zum Kaufen ein ganz schneller. Großartige Musik, die sich nur schwer in eine Schublade pressen lässt.

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MS MR :: Secondhand Rapture

Kein Tipp aus dem Netz, sondern eine Besprechung aus der 3sat-Kulturzeit brachte mich auf die Fährte von MS MR. Im Bericht wurde über die ungewöhnliche Erfolgsgeschichte des Titels “Hurricane” berichtet, den die Künstler während des New Yorker Hurricanes im vergangenen Jahr geschrieben hatten. Ein sehr gutes Album, das 2013 definitiv in heavy rotaion bei mir lief.

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Iiro Rantala :: Lost Heroes

IIro Rantala ist eine dieser spotify-Perlen, die mir irgendwann auf meine “Entdecken”-Seite gespült wurden. Ich habe keine Ahnung mehr, mit welcher Empfehlung oder aus welchem Grund er dort landete, aber ich bin sehr froh, dass es so war. Skandinavischer Piano-Jazz der allerfeinsten Sorte. Rantala hat bei mir Ketil Bjørnstad von Platz 2 der Jazz-Pianistenrangliste verdrängt und schafft es gar, am Spitzenplatz des immer noch präsenten, übergroßen Esbjörn Svensson zu kratzen.

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Ulrich Schnauss :: A Long Way to Fall

Wie ich auf Ulrich Schnauss gestoßen bin, weiß ich nicht mehr. Entweder war es erneut spotify oder die Neuerscheinungsliste bei itunes, die ich regelmäßig durchstöbere. Fest steht, dass mich seine sphärischen Klangwelten sofort eingenommen haben. Wunderbar dichte und tragende Musik, die weniger den Kopf als vielmehr den Bauch anspricht. Den Song “Her and the Sea” habe ich gehört, als ich meinen Beitrag zur #Meerparade schrieb.

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Ergänzung vom 5.12.2013:

Nachdem es erste Rückmeldungen zur Political Correctness der Amazon-Partnerlinks gab, hier nochmal der Hinweis:
Ihr seid alle groß und mündig. Überlegt Euch daher gut, wo und wie
Ihr Eure Tonträger, sofern Ihr sie überhaupt noch braucht, kauft. Symathischer und besser ist es natürlich, wenn Ihr Euren lokalen Handel unterstützt. Wenn es diesen überhaupt noch geben sollte und er nicht gerade Saturn oder Media Markt heißt.

Wenn Ihr die Sachen dennoch bei Amazon bestellen und die obigen Links dafür nutzen solltet, erhalte ich je Bestellung ein paar Cent als Provision. Dies noch zur Transparenz.

Heimat. Auch so ein Wort.

Heimat - Skyline von Bochum

Katja hat zu einer wundervollen Blogparade aufgerufen. Die Frage, die sie aufwirft, ist so simpel wie kompliziert. Sie lautet: “Was ist Eure Heimat?” Für mich ist das ziemlich einfach zu beantworten, denn ich bin trotz eines knappen Dutzends Umzüge in meinem Leben noch nicht wirklich herumgekommen. Die weiteste Entfernung, die ich dabei überbrückt habe, waren ganze 250 Kilometer nach Hannover. Und selbst das war nur eine Teilzeitheimat, pendelte ich doch an fast jedem Wochenende heim ins geliebte Revier. Und eben dieses Revier ist im besten Sinne das, was ich als Heimat bezeichnen würde. So ich sie denn als einen Ort definiere. Aber dazu später mehr.

Warum ich das Revier so liebe? Nun, wer nicht hier aufgewachsen ist oder lebt, wird mir wahrscheinlich schnell unterstellen, dass meine Zuneigung daraus resultiert, dass ich anderes nicht kenne. Da mag was dran sein, denn außer kürzerer Stippvisiten habe ich mit Ausnahme von Hannover an keinem anderen Ort längere Zeit verbracht. Aber ich glaube, man muss nicht alle Kuchen der Welt probiert haben, um dennoch zu wissen, welcher einem wirklich gut schmeckt. Ich bin sicher, dass ich an vielen Orten der Welt gut leben und mich auch schnell integrieren könnte, aber Heimat wäre und bliebe dennoch der Pott.

Woran das liegt? Nun, ganz sicher nicht an den pittoresquen Innenstädten und der mondänen Architektur. Die gibt es hier schlichtweg nicht. Nein, es sind die Menschen in diesem gerade einmal 150 Jahre jungen pulsierenden Schmelztiegel der Kulturen. Die Arbeit hat die Menschen hier zusammengebracht. Aus ganz Europa. Harte Arbeit hat sie hierher geführt, hat sie hier gebunden. Für Schöngeister war lange Zeit kaum Platz an Ruhr und Emscher. Und das merkt man noch heute, wenn in den Städten die Diskussionen um Orte der so genannten Hochkultur hochkochen.

Als 74er Jahrgang habe ich von all dem nur wenig mitbekommen. Zumal meine Familie vom Strukturwandel nie unmittelbar betroffen war. Und dennoch haben sich die Bilder streikender Stahlarbeiter in Rheinhausen, protestierender Stahlwerker bei Hoesch in Dortmund oder wütender Kumpels auf den von Schließung betroffenen Zechen tief eingebrannt. Ich ging zur Schule mit Kindern portugiesischer, griechischer, polnischer und türkischer Einwanderer. Manche von ihnen aus Gastarbeiter-, andere aus Spätaussiedlerfamilien. Das gebrochene Kauderwelsch auf dem Grundschulhof war selbstverständlich, ebenso wie die Verständigung mit Händen und Füßen beim Pausenfußball oder der Mathenachhilfeunterricht für meinen türkischen Freund Metin. Metin war stolz auf seinen Namen, hieß er doch so viel wie “der Standhafte”. Und standhaft war er. Selbst die Ohrfeige unseres Mathelehrers in der Grundschule brachte ihn weder aus der Fassung noch zum Weinen.

Für mich war dieses Umfeld normal. So normal, dass ich Fremdenfeindlichkeit wirklich erst aus Kinderbüchern kennenlernte. In unserer Klasse war das nie ein Thema. Das Ruhrgebiet ist mit seiner jungen Geschichte, seinen vielen Kulturen, seinen unterschiedlichen Prägungen ein Schmelztiegel im besten Sinne. Hier mischt sich alles. Es ist ein buntes Miteinander und ein tolerantes Nebeneinander. Das soll nicht heißen, dass es hier keine Probleme gäbe, ganz im Gegenteil. Aber die Art und Weise, wie wir Probleme – oder sagen wir lieber Herausforderungen – meistern, zeichnet uns aus. Ob es der fortwährende Strukturwandel ist, ob es die Erfolge und Niederlagen unserer Fußballclubs sind oder die maroden Finanzen der Kommunen. Nie lassen wir uns entmutigen. “Mund abputzen, weitermachen”, so lautet ein zentraler Satz der Reviermenschen. Und der wird auch gelebt.

Vor einigen Jahren drehte das Lokalfernsehen in unserem Bochumer Kiez eine kleine Reportage, in deren Verlauf die ondulierte Besitzerin eines Gardinenladens mit Goldkante und Chow-Chow im Schaufenster zum Kaufverhalten ihrer ausländischen Kunden befragt wurde. Sie blickte den Reporter irritiert an, als habe sie die Frage nicht verstanden, und sagte dann den legendären Satz, der für mich seitdem des Ruhris Habitus perfekt auf den Punkt bringt:

“Och wissense, mitte Ausländer und Zugereisten is dat ganz einfach hier: Die werden integriert und fettich.”

In diesem Satz steckt alles drin, warum dieses Fleckchen Erde meine Heimat ist und bleiben wird. Diese unkomplizierte, bodenständige und gleichzeitig vereinnahmende Herzlichkeit, die nicht oberflächlich ist. Das ist es, warum mein Herz für diese Region hier schlägt. Und warum ich gerne von Reisen an aufregende Orte der Welt wieder hierhin zurückkomme.

Aber – und jetzt komme ich auf den zweiten Aspekt von oben zurück – Heimat ist für mich nicht nur ein Ort. Heimat hat für mich noch eine ganz andere Komponente. Und die ist eng verwoben mit dem Namen dieses Blogs. Nämlich mit der Musik.

Egal, wo ich auf der Welt unterwegs bin, ob im Urlaub oder auf Dienstreise, ob länger oder nur auf Stippvisite, ich fühle mich immer dort heimisch, wo Musik ist. Ob es in Ägypten die orientalischen Klänge in Cafés und Basaren waren, in Amerika die Countrymusik in den Truckstops, in Portugal der Fado oder im tiefen Schottland der Folk in den Pubs. Gute, lokale, wenn möglich auch handgemachte Musik ist für mich allerorts ein Stück Heimat. Sie berührt mich und zeigt mir immer ein Stück der Seele des Ortes, an dem ich gerade bin. Nichts verbindet so sehr, wie gemeinsames Musik hören oder gar gemeinsames musizieren. Mit Musik kann jeder Ort zur Heimat werden. Zumindest für einen kurzen, sentimentalen Moment.

Gefangen in der Dudelmatrix

achterbahn

Es gibt solche und solche Opfer. Jene, die man gerne bringt, und jene, gegen die man sich mit Händen und Füßen wehrt. Und es gibt die, die zunächst zur ersten Kategorie zählen, und sich hinterher als solche der letzteren herausstellen.

Im familiären Nahumfeld galt es in der letzten Woche, einen runden Geburtstag zu feiern. Der Wunsch des Geburtstagskindes war ein gemeinsamer Tag mit Spaß und noch mehr Spaß in einem Freizeitpark in der Nähe. Und da Geburtstagskinder zumeist bekommen, was sie sich wünschen, machten auch wir uns am vergangenen Freitag bei schönstem Kaiserwetter auf ins Rheinland.

Das Geburtstagskind muss im letzten Jahr wohl sehr lieb gewesen sein, denn wir erwischten einen perfekten Tag. Im Phantasialand war – abgesehen von ein paar halbstarken Schulklassen und versprengten Junggesellinnen-Abschieden – kaum was los. Selbst bei den schnellsten und verrücktesten Attraktionen gab es kaum Schlangen, auch die mittägliche Fast-Food-Versorgung machte ihrem Namen alle Ehre.

Seit meinem Bergunfall vor mehr als 20 Jahren sind schnelle Fahrgeschäfte, bei denen ich die Kontrolle komplett in fremde Hände legen muss, eigentlich nicht mehr so meins. Und wenn ich ehrlich bin, sie waren das auch vor dem Unfall nicht. Was das angeht, so war ich immer schon ein Hasenfuß. Aber das war am Freitag gar nicht so das Ding, ich traute mich auf alles drauf und fuhr im Dunkel wie im Hellen Achterbahn, setzte mich aufs Kettenkarussell und ließ mich am Ende gar bis auf die Haut in der Wildwasserbahn durchnässen.

Die eigentliche Hölle und Herausforderung des Tages jedoch war die Musik. Von morgens 9.30 Uhr bis nachmittags um 16 Uhr kam ich mir vor wie in einem riesigen Computerspiel. Den gesamten Tag dudelte mir – je nach Themenbereich stilistisch angepasst – grausame Computerspielmusik ins Ohr. Ich kam mir vor, als wäre ich in eine C64-Matrix mit Computersound der mittleren 80er Jahre eingesogen worden. Dabei war die Lautstärke jeweils so angepasst, dass man sie selbst auf dem lautesten Fahrgeschäft noch glasklar und gut hören konnte.

Sollte jemals einer der überaus freundlichen und sehr serviceorientierten Mitarbeiter in einem solchen Park Amok laufen, so wird man nicht lange nach der Ursache suchen müssen. Es kann nur eine geben: unerträgliche Dudelmusik.

Frisch auf die Ohren :: Daft Punkt :: Random Access Memories

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Kaum ein Album wurde in diesem Jahr webmäßig bereits vor seinem Erscheinen dermaßen hochgejubelt wie “Random Access Memories” von Daft Punk. Mit der Singleauskopplung “Get Lucky” war der Formation durchaus ein sommerhitverdächtiger Titel gelungen. Leicht verdaulich, funky, leicht mitsingbar – so weit wirklich gelungen.

“Give Life Back to Music” ist ein formidabler Starttitel ins Album. Als ich mich dann jedoch durch den Rest des Albums hörte, stellte sich Ernüchterung ein. Keine Spur davon, dass Musik hier wieder Leben eingehaucht wird. Zu beliebig, zu glatt sind die folgenden Nummern. “Touch” klingt ein bisschen wie eine Nummer aus einem Andrew Lloyd Webber-Musical, garniert mit ein bisschen Elektrik. Insgesamt klingt das Album, als hätte man eine Funk-Band gebeten, einen Science Fiction-Film zu vertonen. Herausgekommen ist dabei jedoch kein Sound zu Odyssee 2001 sondern eher eine nette Begleitmusik zu Captain Future.

Hatte mich der Soundtrack zu Tron noch begeistert, ermüdet mich dieses Album mit jedem Hören mehr. Die französische House-Formation gibt sich stellenweise durchaus experimentell, lässt Giorgio Moroder minutenlang zu seichter Hintergrundmusik schwadronieren, doch am Ende landet alles wieder in relativer Beliebigkeit, “Doin’ It Right” veranlasst als letzte echte Nummer des Albums dann auch nicht wirklich – wie im Songtext kolportiert – zum Abtanzen sondern allenfalls zum phlegmatischen Mitnicken am Rande der Tanzfläche. Schade, da habe ich in diesem Jahr schon deutlich bessere Elektropopalben auf die Ohren bekommen. Dazu aber an dieser Stelle zu späterem Zeitpunkt mehr.

  • Website von Daftpunk
  • Albumlink [Amazon]
  • Albumlink [iTunes]
  • Frisch auf die Ohren: Jamie Cullum :: Momentum

    Jamie Cullum - Momentum

    Meine Erwartungen waren hoch. Wirklich hoch. Hatte Jamie Cullum doch schon vor Wochen die PR-Maschinerie für sein neues Album “Momentum” angeworfen. Kaum ein Tag auf Facebook ohne Heißmacher-Content in Bild- und Bewegtbildform.

    Mich mach soetwas ja immer skeptisch bis hochgradig misstrauisch. Zu oft stellten sich die vollmundigen Ankündigungen im Nachgang als heiße Luft heraus. Doch nicht so bei Momentum. Sonntag Nacht um 22 Uhr durfte ich mir dann die Deluxe-Variante des Albums – und diese empfehle ich auch ausdrücklich zum Kauf – bei itunes herunterladen. Und was soll ich sagen, ich bin schlichtweg begeistert.

    Vom ersten bis zum letzen Song großartiger Pop. Von Jazz kann man hier im Gegensatz zu den Vorgängeralbenkaum sprechen, auch wenn Jamie Cullums Können am Klavier an vielen Stellen durchblitzt. Dieses Album wird live gespielt sicher begeistern. Nicht nur weil Jamie Cullum live immer ein Erlebnis ist, sondern weil es ein abwechslungsreiches Stück Musik ist, das von der Ballade wie “Get a Hold of Yourself” bis hin zum zur Bewegung animierenden “Take Me Out (of Myself)” eine riesige Bandbreite bereit hält.

    Weswegen ich die Deluxe-Variante des Albums empfehle? Nun, sie enthält sechs großartige Live-Aufnahmen, die allesamt die Studio-Versionen noch einmal toppen. Großartig zum Beispiel das schaurig traurige “Sad, Sad, World”, das Cullum im Duett mit der ebenfalls brillierenden Laura Mvula zu Gehör bringt. Mein Lieblingssong des Albums ist “Pure Imagination”, das nicht nur textlich wundervoll ist, sondern in dem auch Cullums pianistisches Vermögen brilliant zu Gehör gebracht wird.

    “Momentum” ist wie gemacht für stille Abende auf der Terrasse, dem Balkon oder im Wohnzimmer. Dazu ein guter Rotwein und die Welt versinkt in Musik.

    If you want to view paradise
    Simply look around and view it
    Anything you want to, do it

    Want to change the world?
    There’s nothing To it 

    [aus "Pure Imagination" von Jamie Cullum]

    Im Atmen innehalten

    Wir sind hier angekommen
    Ohne es wahrzunehmen
    Hier wo die Nacht nicht dunkel wird
    Und der Tag nie wirklich hell
    Kein Wind bewegt die Stille
    Die Luft ist regungslos
    Als wenn die Welt an diesem Ort
    In ihrem Atmen innehält

    Wir spüren es unter unserer Haut
    Wie sich die Zukunft in den Winkeln unserer Körper staut

    Hier wo die Zeit still steht
    Während die Welt sich dreht
    Mitten im Herz des Wirbelsturms
    Können wir das leise Zittern fühlen
    Das die Luft um uns erfüllt
    Für einen endlosen Moment
    Wenn man im Atmen innehält

    [Text: Kante; reinhören auf www.kantemusik.de]

    Kindermund: Jazz’n Junior

    Der Junior ist jetzt drei Jahre alt. Und er mag Musik. Zumnindest singt er gern und freut sich gar, wenn sein alter Herr (das bin ich) hin und wieder die Gitarre vom Schrank holt, und das ein oder andere Kinderlied auf ihr schrammelt.

    So begab es sich dann auch, dass ich – naiv, wie ich nunmal bin – glaubte, die Zeit sei nun gekommen, den Junior in die Weihen der wahren Musik – also des gepflegten Jazz – einzführen. Sich dessen bewusst, dass es für den Start durchaus etwas Mainstreamigeres sein dürfe, griff ich zu leichter Kost. Till Brönner sollte es sein. Also ein Künstler, an dem man in fortgeschrittener Jugend des Nachwuchses irgendwann auch mal mahnend erklären könnte, wo man als begnadeter Musiker enden kann, wenn man seine Seele verkauft. Nämlich als aalglatter Castingjuror in einer drittklassigen Musikshow.

    Aber ich schweife ab. Ich schob also den Silberling mit einem der frühen Werke Brönners ins Laufwerk, die Musik begann. Der Junior lauschte einen Moment irritiert, dass Rolf Zuckowski bzw. Volker Rosin, diese Elternohrenschinder, auf einmal so anders klangen. Dann blickte er mich verstört an und sagte mit fester Stimme:

    Papi, das klingt wie eine Müllabfuhr.

    Jetzt, wo ich meine in Scherben darniederliegende Contenance mühsam wieder eingesammelt habe, muss ich sagen, manche Dinge sollte man einfach wachsen lassen und keinesfalls forcieren. Da sieht man mal wieder, welche Narben übertriebener Ehrgeiz auf elterlichen Seelen hinterlassen kann.

    In diesem Sinne: “Gut Pfad!”