Discount-Theater, jetzt noch günstiger!

Abo-Werbung am Schauspielhaus Bochum

Liebes Schauspielhaus Bochum,

gestern Morgen habe ich in der WAZ Deinen Spielzeitrückblick gelesen. Die dritte Spielzeit von Anselm Weber wurde insgesamt wohlwollend bewertet und das Fazit war insgesamt positiv.

Das ist eine Bewertung, die ich als unregelmäßiger Theaterbesucher mit Wahl-Abo durchaus teile. Keine der Inszenierungen, die ich mir in der letzten Spielzeit angeschaut habe, ist durchgefallen. Typisch deutsche Sicht, fällt mir gerade auf. Eigentlich waren sogar alle Inszenierungen ziemlich gut und haben mir gefallen. Nun gehöre ich nicht zu den Theaterbesuchern, die sich im Vorfeld intensiv mit den Quellen samt zugehöriger Interpretationsansätze befassen. Ich bin da eher schlicht gestrickt. Mit dem Theater geht es mir wie mit dem Wein. Es gefällt oder schmeckt mir, oder eben nicht. Ob super interpretiert oder nussig im Abgang, all das interessiert mich wenig. Ich möchte einen spannenden Stoff so dargeboten bekommen, dass ich mich gut “unterhalten” fühle und den ein oder anderen Impuls für mein Leben mitnehmen kann. Dabei darf es auch gern mal experimenteller sein, ein paar Nackerte auf der Bühne stören mich nicht.

Ich freue mich allerdings immer, wenn ich das Gefühl habe, dass Deine Vorstellungen gut besucht sind. Wenn neben mir Plätze frei bleiben, fühle ich mich nicht wohl und denke an die Schauspieler, die auf diese Lücken blicken und sich dennoch zu Höchstleistungen motivieren müssen. Ich mag Theater, das begeistert. Das mich emotional anspricht und intellektuell weiterbringt, ohne mich dabei zu überfordern. Es gibt Besuche, an die erinnere ich mich noch nach Jahren immer wieder gern. Ob es Schillers Parasit war, die experimentelle “Trying Macbeth”-Inszenierung von Jürgen Kruse oder Helge Schneiders “Mendy, das Wusical”. Ich erlebe bei dir immer wieder die ganze Bandbreite von Klassikern bishin zu neuen Stoffen oder gar herausragend guten Musikdarbietungen wie “Tribute to Johnny Cash”. Ob es Leander Haußmann, Matthias Hartmann oder Elmar Goerdens waren, jeder Deiner Intendanten hat es irgendwie geschafft, mich zu begeistern und mir Lust auf Theater zu machen. Jeder auf seine Weise.

Aber sie haben es über Inhalte getan. Sie haben es geschafft, mich mit der Auswahl ihrer Stücke, ihrer Schauspieler und Dramaturgen zu gewinnen. Umso irritierter war ich jetzt, als ich Deine Abo-Werbung wahrnahm, die mit den Schlagworten

“Flexibel, komfortabel, günstiger – für alle, die mehr wollen”

wirbt. Seit wann sind das Gründe für einen Besuch bei Dir? Du sollst mich über Inhalte begeistern und nicht über Saturn-ähnliche Pseudo-”Geiz ist Geil”-Parolen. Kulturschaffende wehren sich vollkommen zurecht über die zunehmende Ökonomisierung der Kunst. Kunst braucht Freiheit. Kunst braucht Entfaltungsräume. Und die an rein ökonomische Größen zu knüpfen, kann nur falsch sein. Kunst ist für die Menschen da. Kunst soll sie begeistern, sie fordern, sie wachrütteln, sie weiterbringen.

Was sagt so eine Botschaft über Deine Wertschätzung gegenüber Publikum und Ensemble aus? Glaubst Du wirklich, das Publikum kommt, weil Du so billig, komfortabel und flexibel bist? Und traust Du Deiner eigenen Strahlkraft und Leistung so wenig über den Weg, dass Du meinst, mit solchen Botschaften werben zu müssen? Ich finde das betrüblich bis befremdlich.

Gerade Theater sind doch Orte, an denen Geschichten erzählt werden. Warum bedienst Du Dich beim Marketing nicht der Elemente des Story-Tellings. Bei Dir liegen die Geschichten doch nun wirklich auf dem Silbertablett. Ob es die Geschichten auf der Bühne selbst, in den Garderoben oder Werkstätten oder die der Menschen sind. Du musst sie “nur” finden und erzählen. Dabei könntest Du sogar Deine Besucher, Deine Mitarbeiter, Dein Ensemble aktiv einbeziehen. Ich bin sicher, das hätte hohe Stahlkraft und würde für eine wachsende Abonnenten- und Besucherzahl jenseits von Discounterwerbung sorgen.

Liebes Schauspielhaus, Du liegst mir am Herzen. Ich helfe gern bei Ideenfindung und Umsetzung. Jetzt bis Du an der Reihe.

Frisch auf die Ohren: Jamie Cullum :: Momentum

Jamie Cullum - Momentum

Meine Erwartungen waren hoch. Wirklich hoch. Hatte Jamie Cullum doch schon vor Wochen die PR-Maschinerie für sein neues Album “Momentum” angeworfen. Kaum ein Tag auf Facebook ohne Heißmacher-Content in Bild- und Bewegtbildform.

Mich mach soetwas ja immer skeptisch bis hochgradig misstrauisch. Zu oft stellten sich die vollmundigen Ankündigungen im Nachgang als heiße Luft heraus. Doch nicht so bei Momentum. Sonntag Nacht um 22 Uhr durfte ich mir dann die Deluxe-Variante des Albums – und diese empfehle ich auch ausdrücklich zum Kauf – bei itunes herunterladen. Und was soll ich sagen, ich bin schlichtweg begeistert.

Vom ersten bis zum letzen Song großartiger Pop. Von Jazz kann man hier im Gegensatz zu den Vorgängeralbenkaum sprechen, auch wenn Jamie Cullums Können am Klavier an vielen Stellen durchblitzt. Dieses Album wird live gespielt sicher begeistern. Nicht nur weil Jamie Cullum live immer ein Erlebnis ist, sondern weil es ein abwechslungsreiches Stück Musik ist, das von der Ballade wie “Get a Hold of Yourself” bis hin zum zur Bewegung animierenden “Take Me Out (of Myself)” eine riesige Bandbreite bereit hält.

Weswegen ich die Deluxe-Variante des Albums empfehle? Nun, sie enthält sechs großartige Live-Aufnahmen, die allesamt die Studio-Versionen noch einmal toppen. Großartig zum Beispiel das schaurig traurige “Sad, Sad, World”, das Cullum im Duett mit der ebenfalls brillierenden Laura Mvula zu Gehör bringt. Mein Lieblingssong des Albums ist “Pure Imagination”, das nicht nur textlich wundervoll ist, sondern in dem auch Cullums pianistisches Vermögen brilliant zu Gehör gebracht wird.

“Momentum” ist wie gemacht für stille Abende auf der Terrasse, dem Balkon oder im Wohnzimmer. Dazu ein guter Rotwein und die Welt versinkt in Musik.

If you want to view paradise
Simply look around and view it
Anything you want to, do it

Want to change the world?
There’s nothing To it 

[aus "Pure Imagination" von Jamie Cullum]

Eine buntes Pot(t)pourri – Still-Leben A40 der Ruhr.2010

Still-Leben A40

Morgen ist es soweit. Erstmals seit den autofreien Sonntagen der 70er Jahre wird die zentrale Verkehrsader durchs Ruhrgebiet, die A40, von Dortmund bis Duisburg komplett gesperrt sein.

Gleichzeitig wird sie für rund 6 Stunden zur wohl größten Kultur- und Partymeile der Welt. Wir freuen uns sehr, dass wir Dank der netten Aktion der Fiege-Brauerei auch dabei sein dürfen. Mit Familie und Freunden wollen wir in Block 76 an den Tischen 25 und 26 ein buntes Pot(t)pourri von Quizfragen über Texte bishin zu Liedern darbringen.

Nachdem in den letzten Tagen nun die Einzelheiten zu den Bedingungen bekannt geworden sind, hängen jedoch über dem morgigen Tag auch einige Fragezeichen. Ich bewundere die Logistik, die es schafft, binnen weniger Stunden 20.000 Tische, 40.000 Bänke und tausende von Dixi-Toiletten an die Strecke und wieder von ihr herunter zu bringen. Respekt. Auch bin ich begeistert, dass in Abständen von wenigen hundert Metern Verkaufsstände des Sponsors Edeka aufgebaut werden, an denen man sich für wirklich kleines Geld mit Snacks, Getränken und Obst eindecken kann. Das ist prima.

Weniger prima finde ich die Anreisekonzepte, die es Radfahrern untersagen, in Verkehrsmitteln des VRR ihre Räder zu transportieren. Für Busse, Straßen- und U-Bahnen kann ich das ja noch nachvollziehen, aber im Regionalverkehr ist das natürlich verheerend. Der Radiotipp des Sprechers von Ruhr.2010, man solle sich Reservierungen holen, kann ja nur für IC-Züge mit Fahrradabteilen, nicht aber für die RE gelten. Ich kann nicht verstehen, dass die Bahn bei einer solchen Großveranstaltung mit einer Million erwarteten Besuchern nicht in der Lage ist, diese Herausforderung zu lösen. Sei es über Taktverkürzungen, Zusatzwaggons oder andere pfiffige Ideen.

Überhaupt ist das Thema Mobilität m.E. nicht gut gelöst. Laut offiziellem Reglement dürfen auf der Mobilitätsspur und auf der Tischspur keine Fahrräder geparkt werden. Zudem gibt es keine Übergänge zwischen Mobilitätsspur und Tischspur. Diese waren in den ersten Zeichnungen des Still-Lebens noch vorgesehen. Ob diese wirklich aus Sicherheits- oder nicht doch aus Logistik- bzw. Kostengründen abgeschafft wurden, darüber kann ich nur spekulieren.

Allerdings wird so der Besuch des Still-Lebens für viele zur Farce. Viele Besucher werden Einladungen zu mehreren Tischen haben und diese per Rad besuchen wollen. Diese müssten nun – so sie sich denn an die Regeln halten – in der Nähe der Tische, die sie besuchen möchten, die Autobahn verlassen, Ihre Räder an den Ausfahrten parken und zu Fuß die Tische besuchen.

Blöder und komplizierter geht es kaum. Ich bin gespannt, ob die Realität morgen nicht doch zu kreativen “Lösungen” führt.

Aller Kritik zum Trotz freue ich mich riesig auf das morgige Ereignis. Zumal mit Sonnenschein und 24 bis 26 Grad ja ein prima Wetter angesagt ist.

Wer Lust und Zeit, ist herzlich eingeladen, uns zu besuchen.

Glück auf!