20 Jahre und kein bisschen weise?

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Zwanzig Jahre und gut drei Monate ist es nun her, dass mein damaliger Schuldirektor mir mein Abiturzeugnis überreichte mit den drögen Worten: “Da wäre mehr drin gewesen, Johannes.” Der gute Mann hatte Recht. Es wäre tatsächlich mehr drin gewesen, hätte ich nicht nach der sicheren Zusage für die Lehrstelle und der damaligen Absicht, kein NC-Fach studieren zu wollen, mit angezogener Handbremse gelernt. Mir waren meine zahlreichen inner- und außerschulischen musikalischen Aktivitäten einfach wichtiger und in der Rückschau muss ich sagen, dass ich diese Prioritätensetzung angesichts meines bisherigen Werdegangs in keiner Weise bereue. Nach meinem Abiturschnitt bin ich in den letzten zwanzig Jahren jedenfalls erst ein einziges Mal gefragt worden.

Wie das mit solchen runden Daten ist, sind sie Anlass und Grund genug, sich mit den Menschen, mit denen man damals diese Lebensphase gemeinsam gemeistert hat, wieder zu treffen. Und da wir damals schon ein ziemlich pragmatischer und recht unprätentiöser Haufen waren, wurde auch nach so langer Zeit daran festgehalten. Als Treffpunkt wurde das alte Café direkt neben der Schule gewählt, in dem wir als Oberstufenschüler zahlreiche unserer Freistunden verbracht hatten. Und dieser Ort sollte quasi ein Symbol für den weiteren Verlauf des Abends werden. Denn ebenso wenig wie das Café hatten sich auch die meisten der ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler verändert.

War ich des Nachmittags noch von derber Unlust ergriffen und drauf und dran, meine Teilnahme abzusagen, siegte am Ende doch die Neugier und ich machte mich auf den Weg. Und wie das so oft ist, wenn die Erwartungen am niedrigsten sind, werden die Abende am nettesten. Und so kam es dann auch. Nachdem sich die erste Verblüffung darüber, wie wenig sich die meisten tatsächlich verändert haben, gelegt hatte, wurde es ernst. Wie schon vor zwanzig Jahren, fanden sich die damaligen Grüppchen und Kreise wieder zusammen. Wider Erwarten blieb es in den Gesprächen nicht bei der oft erlebten “mein Auto, mein Haus, meine Familie”-Thematik. Es ging tiefgründiger, offener, ernsthafter zur Sache. Anders als vor dem ersten Treffen vor zehn Jahren blieb bei den meisten das Imponier- und Positionierungsgehabe vor der Tür. Man tauschte sich auf inhaltlicher Ebene aus, sprach ernsthaft über berufliche wie familiäre Herausforderungen. Überraschend oft kam die Sprache auf das Thema berufliche Neuorientierung, auf ein “Kürzertreten”, einen Ausstieg auf Zeit.

Es ist schon spannend, was aus den Mitschülerinnen und Mitschülern von einst geworden ist. Mein Eindruck, den ich schon mit 18 Jahren hatte, hat mich in den meisten Fällen nicht getrogen. Viele der Lebenswege und Karrieren waren vorgezeichnet. Meiner ja irgendwie auch. Da ich erst kurz vor der Oberstufe auf die Schule gewechselt war, hatte sich bei mir nie dieses Klassenverbundsgefühl eingestellt. Ich war und blieb bis heute ein “Zugereister”, auch wenn ich nur innerhalb derselben Stadt die Schule gewechselt hatte. Hinzu kam mein innerschulisches, aber eben nicht stufenbezogenes musikalisches Wirken, das diese Außenseiterposition zusätzlich zementierte.

Damals war das nicht immer leicht, doch in der Rückschau bin ich sehr, sehr dankbar dafür. Denn diese Position hat mich gelehrt, wie wertvoll es trotz aller Zugehörigkeitssehnsucht sein kann, sich immer wieder mal rauszuziehen, sich außerhalb der Gruppe zu stellen und seinen kritischen Blick auf die Prozesse und Geschehnisse zu wahren. Etwas, das ich bis heute beibehalten habe und das mich schon vor manch einer Fehltentscheidung bewahrt hat.

Zwanzig Jahre ist es nun her, dass man uns die “Reife” schwarz auf weiß bescheinigt hat. Doch die Reife zu was eigentlich? Die Reife zu einem eigenverantwortlichen Leben, zu individuellem Glück? Aber ist das alles? Wo ist eigentlich die Reife zu “Gestaltung”, zu sozialer und gemeinschaftlicher Verantwortungsübernahme geblieben? Auch bei mir selbst. Wo engagieren wir uns, wo leistet unsere Generation einen realen und nicht nur virtuellen Beitrag zum Gemeinwohl? Wann und aus welchen Gründen ist den großen Bürgerbewegungen der 70er und späten 80er Jahre die Luft ausgegangen? Abende wie unser Abitreffen zeigen mir, dass wir gesellschaftlich schonmal viel weiter waren. Heute geht es nur noch um das individuelle Glück, den individuellen Vorteil. Und sie machen mich ratlos, weil auch mir die zündende Idee fehlt, wie man uns Menschen wieder in Bewegung bringen könnte.

Es wird Zeit für eine Auszeit. Zeit, inne zu halten und an neuen Ideen zu arbeiten und diese auch ins Leben zu bringen.

Geschenkt ist noch zu teuer – ein Plädoyer für mehr Wertschätzung

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Wertschätzung. Ihr kennt das Wort noch, oder? Das hat etwas damit zu tun, dass man den Wert von etwas schätzt. Das kann ein Gegenstand sein, eine Dienstleistung oder gar ein kompletter Mensch. Immer wieder und immer öfter stoße ich in letzter Zeit mit der Nase auf dieses Thema. Ob es im beruflichen Umfeld die immer wieder laut werdende Forderung nach einem kostenlosen Girokonto ist, ob beim Einkauf und den meiner Meinung nach viel zu niedrigen Preisen für Lebensmittel, ob bei Hungerlöhnen die hierzulande und erst Recht in Übersee gezahlt werden oder sogar bei solch vermeintlich banalen Themen wie Online-Werbung.

Und immer wieder bin ich verblüfft, wie geringschätzig wir bisweilen Menschen und Dinge betrachten und wie sehr wir uns selbst mitunter überschätzen. Zugegeben, Werte sind immer subjektiv, lassen sich kaum “normieren”, aber diese dauerhafte Ambivalenz von Eigen- und Fremdwahrnehmung ist doch nicht gesund. Der Wert eigenen Tuns und Handelns wird ins Verhältnis gesetzt und regelmäßig kommt man selbst zu der Erkenntnis, dass es an Wertschätzung der eigenen Leistung mangelt. Da ist uns geradezu eingepflanzt, da nehme ich mich gar nicht aus.

Doch wenn es um die Beurteilung anderer geht, sind unsere Urteile schnell gefällt. Überbewertet, heißt es schnell – zu teuer hier, überflüssig dort. Woher kommt diese Ambivalenz? Warum erwarten wir, dass Bankkonten nichts kosten dürfen, dass T-Shirts nicht mehr als 10 Euro kosten sollen, dass Internetseiten werbefrei und Strom und Benzin gefälligst billig sein müssen. Selbst geschenkt ist uns oft noch zu teuer.

Gleichzeit bekommen wir aber große, traurige Kulleraugen, wenn wir im Fernsehen von eingestürzten Textilfabriken in Bangladesch hören und uns Monitor, Report und panorama mit in die Welt der Leiharbeiter und Hartz IV-Aufstocker nehmen. Da kommen uns dann Vokabeln wie “unwürdig” und “ausbeutend” über die Lippen, während wir uns gleichzeitig auf dem IKEA-Sofa und in H&M gedressed den Nestlé-Food schmecken lassen.

Veränderung passiert nur durch Bewusstsein. Und gerade Wertschätzung ist eine Frage von Bewusstsein. Einen Menschen, eine Sache oder Leistung mal bewusst wahrzunehmen und zu fragen, wie schaut es mit dem Wert wirklich aus? Was sind die Konsequenzen meines Handelns? Mir ist klar, dass das bei den tausenden kleinen Einzelentscheidungen, die wir täglich treffen müssen, nicht immer möglich ist. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass das am Ende gar nicht sinnvoll für unsere geistige Gesundheit ist, all unserem kleinen Entscheidungen auf den Grund gehen zu wollen. Immer und überall hinter die Dinge schauen zu wollen. Denn dieses ständige Nachdenken und moralische Bewerten birgt mitunter enormes Frustpotenzial, das wirklich krank machen kann. Und zwar nicht nur uns selbst, auch andere in unserer Umgebung.

Anders sieht es aber aus, wenn wir öffentlich urteilen. Hier sollten wir uns stets unserer besonderen Verantwortung bewusst sein. Denn nirgends kann Geringschätzung fatalere Folgen haben, als wenn sie öffentlich und gar von prominenter Stelle geäußert wird. Damit meine ich nicht die “Klowände” des Netzes, die Foren von Heise, die Kommentare beim Spiegel Online, bei der Zeit oder bei Der Westen. Ich meine damit vor allem die (G)Ranteleien der Bloggerinnen- und Bloggerprominenz. Ganz gleich ob A-, B-, C- oder D-Blogger. Hier erwarte ich, dass der Adressat von Kritik und “Wertschätzung” im Auge behalten wird, dass Urteile fundiert sind, dass persönliche Eitelkeiten hintenangestellt werden.

Von Max Frisch stammt dieser schöne Satz, dass man dem Gegenüber Wahrheiten so hinhalten solle, dass er wie in einen Mantel hineinschlüpfen können. Das setzt zum Einen voraus, dass ich mir die Mühe gemacht habe, selbst gewissenhaft nach der “Wahrheit” gesucht zu haben. Ein nicht immer leichtes, bisweilen sogar unmögliches Vorhaben. Und zum Anderen setzt es ein hohes Maß an Empathie voraus. Wenn der Mantel passen soll, muss ich meinen Adressaten im Blick haben, muss mich in diesen hineinversetzen können. Nur dann wird eine Bereitschaft zur echten Auseinandersetzung entstehen, nur dann kann überhaupt Veränderung initiiert werden.

Verschaukelte Hebammen

Campact - Hebammen

Bildquelle: campact

Es gibt Themen, die bringen mich auf die Palme. Aber so richtig. So hohe gibt es wahrscheinlich gar nicht. Eines dieser Themen ist der Umgang dieser Gesellschaft mit Hebammen. Wenn ich gedanklich rund zweieinhalb Jahre zurückgehe, waren wir damals gerade in der Situation, dass wir uns aus bestem Grunde langsam aber sicher eine Hebamme suchen mussten.

Insbesondere bei der ersten Geburt ist das ja so eine komplett erfahrungslose “Black Box”. Wir hatten jedoch Glück und bereits bei der ersten angefragten Hebamme unseren Volltreffer gelandet. Die Chemie stimmte, wir konnten uns vorstellen, mit dieser quirligen, dennoch feinfühligen aber wenn es galt auch durchaus resoluten Person die wohl aufregendsten Stunden unseres Lebens zu bestreiten.

Ein Kriterium bei der Entscheidung für die Hebamme war damals für uns die Tatsache, dass sie einen Belegvertrag mit der Klinik unserer Wahl hatte. Wir hatten also sowohl bei der Vorbereitung, unter der Geburt als auch bei der Nachsorge immer mit ein und demselben Menschen zu tun. Diese Entscheidung stellte sich bei der langwierigen Geburt unseres Juniors als wahrer Segen heraus, denn anderenfalls hätten wir uns neben dem Geburtsstress auch noch mit mehreren Schichtwechseln herumplagen dürfen.

Warum ich das erzähle? Weil all das nun Geschichte ist. Beleghebammen gibt es nämlich fast keine mehr, landauf, landab machen die Geburtshäuser zu. Der Grund hierfür ist ein ganz simpler. Die freien Hebammen werden unter der Geburt nämlich nur mit einer lächerlichen Pauschale bezahlt, die – wie in unserem Fall – zu Stundenlöhnen weit unterhalb von 5 Euro führen. Das ist aber noch nicht alles. Hinzu kommt noch, dass sich die Hebammen gegen Geburtsfehler Haftpflicht versichern müssen.

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re:turn of the blogs – ein re:view zur re:publica 2012

Es braucht dringend eine Renaissance der Blogs. Einfacher und plakativer lassen sich die drei Tage re:publica in Berlin nicht zusammenfassen. Aus dem einstigen Klassentreffen der Internetszene wird mehr und mehr ein Massentreffen. Die Konferenz öffnet sich, immer mehr Unternehmen entdecken sie als Plattform für nicht immer gelungene Anbiederung bei der Zielgruppe. Der gefühlte Businesskasper-Anteil nimmt zu.

Die neue Location tut der Konferenz gut. Das große Forum zwischen den Vortragsräumlichkeiten lädt zum Austausch und Netzwerken ein. Ein gelungener Wechsel vom viel zu klein gewordenen Friedrichstadtpalast samt Kalkscheunen-Appendix. Hier gebührt den Machern, Organisatoren und Helfern großes Lob und wohlmeinender Dank.

Auch das Programm war vielfältig bunt. So bunt wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch. Meine Agenda dieser Tage war vor allem geprägt von Netzpolitik- und Finanzthemen. Fragen wie “Wie verändern wir die Welt?” oder “Chancen und Potenziale für Crowdfunding” seien hier beispielhaft genannt. Was mich bisweilen schockierte war die Qualität der Panelmoderatoren. Viel zu oft wirkten diese den Diskutanten thematisch nicht gewachsen, schlecht vorbereitet oder schlichtweg überheblich. Interessant, dass es sich dabei überdurchschnittlich oft um Journalisten oder Unternehmensberater handelte. Ein Schelm, wer hier Böses denkt.

Welche Erkenntnisse nehme ich für mich mit aus den zwei Tagen?

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Neue Männer braucht das Land?

Während draußen bei prächtigem Frühlingswetter der Rhein am Loreleyfelsen vorbeigleitet, mache ich mir im Zug sitzend so meine Gedanken. Ich habe Elternzeit. Im zweiten Monat. Aus Rücksicht auf meinen Job und auch, weil es uns sinnvoll erschien, habe ich meine zwei Monate gesplittet. Einen Monat nach der Geburt und einen Monat nach dem ersten Geburtstag.

Mal abgesehen von den ganz bürokratischen Hinder- und Erschwernissen, der zwischenzeitlich erfolgten zweiprozentigen Kürzung und den arbeitsorganisatorischen Herausforderungen ärgert mich in letzter Zeit jedoch etwas anderes.

Immer wieder, wenn ich sage, dass ich in Elternzeit gehe oder bin, ernte ich ein mildes Lächeln. Dieses Lächeln ist geschlechter- und generationsübergreifend, sodass ich mittlerweile unterstellen kann, dass es ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen ist.

Es ist ein mildes Lächeln mit dem Subtext: „Du armer Pantoffelheld, schafft Deine Frau die Erziehung nicht alleine? Wohl doch überfordert mit Beruf und Familie, wie?“. Offen ausgesprochen werden diese Dinge freilich nie. Außer vielleicht unter seinesgleichen, denjenigen, die nicht von diesen Regeln profitieren oder profitiert haben.

Dieses Verhalten macht mich wütend. Stinkwütend um genau zu sein. Es ist schön, dass sich mittlerweile viele Väter „trauen“, ihr Recht auf Elternzeit einzufordern. Oftmals gegen den Widerstand vieler Arbeitgeber. Und je länger die genommene Elternzeit, desto größer die Probleme.

Ich habe sehr das Gefühl, dass es gesellschaftlich immer noch nicht anerkannt wird, wenn sich Partner/Eheleute gleichberechtigt in Beruf und Familie engagieren wollen. Da werden Frauen als „sorglose Selbstverwirklicherinnen“ abgestempelt, Männer zu „Helden in Strumpfhosen“. Mich widert diese Haltung an. Man kann trefflich darüber streiten, ob das Elterngeld eine sinnvolle Erfindung ist, und ob dieses Geld nicht deutlich besser in den Ausbau von Kinderbetreuung und –bildung für alle gesteckt werden sollte. Aber solange es diese Regelung gibt, erwarte ich ein bisschen Respekt für diejenigen, die sich die Zeit für Ihre Kinder nehmen. Das gilt für Väter ebenso wie für Mütter.