
Wertschätzung. Ihr kennt das Wort noch, oder? Das hat etwas damit zu tun, dass man den Wert von etwas schätzt. Das kann ein Gegenstand sein, eine Dienstleistung oder gar ein kompletter Mensch. Immer wieder und immer öfter stoße ich in letzter Zeit mit der Nase auf dieses Thema. Ob es im beruflichen Umfeld die immer wieder laut werdende Forderung nach einem kostenlosen Girokonto ist, ob beim Einkauf und den meiner Meinung nach viel zu niedrigen Preisen für Lebensmittel, ob bei Hungerlöhnen die hierzulande und erst Recht in Übersee gezahlt werden oder sogar bei solch vermeintlich banalen Themen wie Online-Werbung.
Und immer wieder bin ich verblüfft, wie geringschätzig wir bisweilen Menschen und Dinge betrachten und wie sehr wir uns selbst mitunter überschätzen. Zugegeben, Werte sind immer subjektiv, lassen sich kaum “normieren”, aber diese dauerhafte Ambivalenz von Eigen- und Fremdwahrnehmung ist doch nicht gesund. Der Wert eigenen Tuns und Handelns wird ins Verhältnis gesetzt und regelmäßig kommt man selbst zu der Erkenntnis, dass es an Wertschätzung der eigenen Leistung mangelt. Da ist uns geradezu eingepflanzt, da nehme ich mich gar nicht aus.
Doch wenn es um die Beurteilung anderer geht, sind unsere Urteile schnell gefällt. Überbewertet, heißt es schnell – zu teuer hier, überflüssig dort. Woher kommt diese Ambivalenz? Warum erwarten wir, dass Bankkonten nichts kosten dürfen, dass T-Shirts nicht mehr als 10 Euro kosten sollen, dass Internetseiten werbefrei und Strom und Benzin gefälligst billig sein müssen. Selbst geschenkt ist uns oft noch zu teuer.
Gleichzeit bekommen wir aber große, traurige Kulleraugen, wenn wir im Fernsehen von eingestürzten Textilfabriken in Bangladesch hören und uns Monitor, Report und panorama mit in die Welt der Leiharbeiter und Hartz IV-Aufstocker nehmen. Da kommen uns dann Vokabeln wie “unwürdig” und “ausbeutend” über die Lippen, während wir uns gleichzeitig auf dem IKEA-Sofa und in H&M gedressed den Nestlé-Food schmecken lassen.
Veränderung passiert nur durch Bewusstsein. Und gerade Wertschätzung ist eine Frage von Bewusstsein. Einen Menschen, eine Sache oder Leistung mal bewusst wahrzunehmen und zu fragen, wie schaut es mit dem Wert wirklich aus? Was sind die Konsequenzen meines Handelns? Mir ist klar, dass das bei den tausenden kleinen Einzelentscheidungen, die wir täglich treffen müssen, nicht immer möglich ist. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass das am Ende gar nicht sinnvoll für unsere geistige Gesundheit ist, all unserem kleinen Entscheidungen auf den Grund gehen zu wollen. Immer und überall hinter die Dinge schauen zu wollen. Denn dieses ständige Nachdenken und moralische Bewerten birgt mitunter enormes Frustpotenzial, das wirklich krank machen kann. Und zwar nicht nur uns selbst, auch andere in unserer Umgebung.
Anders sieht es aber aus, wenn wir öffentlich urteilen. Hier sollten wir uns stets unserer besonderen Verantwortung bewusst sein. Denn nirgends kann Geringschätzung fatalere Folgen haben, als wenn sie öffentlich und gar von prominenter Stelle geäußert wird. Damit meine ich nicht die “Klowände” des Netzes, die Foren von Heise, die Kommentare beim Spiegel Online, bei der Zeit oder bei Der Westen. Ich meine damit vor allem die (G)Ranteleien der Bloggerinnen- und Bloggerprominenz. Ganz gleich ob A-, B-, C- oder D-Blogger. Hier erwarte ich, dass der Adressat von Kritik und “Wertschätzung” im Auge behalten wird, dass Urteile fundiert sind, dass persönliche Eitelkeiten hintenangestellt werden.
Von Max Frisch stammt dieser schöne Satz, dass man dem Gegenüber Wahrheiten so hinhalten solle, dass er wie in einen Mantel hineinschlüpfen können. Das setzt zum Einen voraus, dass ich mir die Mühe gemacht habe, selbst gewissenhaft nach der “Wahrheit” gesucht zu haben. Ein nicht immer leichtes, bisweilen sogar unmögliches Vorhaben. Und zum Anderen setzt es ein hohes Maß an Empathie voraus. Wenn der Mantel passen soll, muss ich meinen Adressaten im Blick haben, muss mich in diesen hineinversetzen können. Nur dann wird eine Bereitschaft zur echten Auseinandersetzung entstehen, nur dann kann überhaupt Veränderung initiiert werden.

