4630 Bochum :: Wenn ein Lied zur Marke wird

4630 Bochum

“Vier sechs dreißig Bochum” wiederholte der Moderator der Lokalzeit Ruhr heute mehrmals, als er über den 30. Jahrestag der Veröffentlichung von Herbert Grönemeyers Erfolgsalbum “4630 Bochum” berichtete. Und er gab damit deutlich zu erkennen, dass er offensichtlich kein Bochumer ist. Niemand in dieser Stadt, noch nicht einmal diejenigen, die lange nach der Postleitzahlreform geboren wurden, würde etwas anderes als “vier sechs drei null Bochum” sagen, wenn er vom wohl wichtigsten Album, das je ein Bochumer Barde hervorgebracht hat, spricht.

Und egal, ob man Grönemeyer nun mag oder nicht, ob man mit seiner Musik etwas anfangen kann oder nicht, kaum ein Bochumer kann sich der magie entziehen, wenn dieses Lied irgendwo gespielt wird. Augen bekommen seltsam verklärte Blicke, bisweilen fließen sogar Tränchen. Auch dreißig Jahre nach Veröffentlichung des Albums, können große wie kleine Bochumer den Text mitsingen.

Das Lied ist zur Marke geworden. Zur Marke einer Stadt, die ihr Licht immer noch unter den Scheffel stellt und sich gern kleiner und unscheinbarer macht, als sie wirklich ist. Und Grönemeyers Song ist quasi symptomatisch für diese Haltung. Immer noch ist es hier besser als man denkt, immer noch ist man zu bescheiden, immer noch zählt das Herz. Hier ist längst nichts mehr auf Koks, der Pulsschlag aus Stahl wird von Jahr zu Jahr leiser. Bochum ist Wissensstadt und Dienstleistungsmetropole geworden.

Bochum ist permanenter, aufgezwungener aber gestalteter Wandel. Bochum ist ewige Häutung immer nach dem Muster: Hinfallen, Mund abputzen, Krone richten, aufstehen, weitergehen. Wir bochumer unter uns bestätigen uns gern, welche Defizite die Stadt hat. Wir schimpfen wie die Rohrspatzen, gründen Initiativen, die sich “Bäh-Bürger” nennen. Wir meckern über politischen Filz, die schwachen Leistungen des VfL und den Weggang von Opel. Aber wenn Menschen von außerhalb zu uns kommen, laufen wir zu Hochform auf, zeigen ihnen die schönsten Ecken der Stadt und loben sie in den Höchsten Tönen. Und wer hier bleibt, der wird integriert und fertig”.

Und inmitten dieser Gemengelage ist Grönemeyers Song klammheimlich zur Marke geworden. Kaum ein anderes Ding ist so eng mit der Wahrnehmung der Stadt verknüpft, wie dieser Song. Weder das Bergbaumuseum und die Jahrhunderthalle, noch der VfL oder das mittlerweile weit über die Grenzen Bochums hinaus bekannte und geschätzte Bermuda3eck bieten ein solches Identifikations- und Wiedererkennungspotenzial.

Noch heute läuft, wenn ich von längeren Urlaubsreisen mit dem Auto zurückkehre, beim Überfahren der Stadtgrenze dieser Song. Und noch heute singe ich lauthals mit und lasse meiner Freude freien Lauf, wieder daheim zu sein. Noch immer bekomme ich Gänsehaut, wenn im ehemaligen Ruhrstadion tausende Menschen aus tiefster Seele mitsingen, wenn es darum geht, mit dem Doppelpass jeden Gegner nass zu machen.

In diesen Momenten geht mir immer wieder auf, wie gerne ich hier lebe. Ich mag diesen vernarbten Flecken Erde mit all seinen Fehlern und Macken. Ich liebe diesen harten aber so herzlichen Charme. Ich mag die kulturelle Vielfalt, das bunte, ungezähmte Leben, diese verschmitzte Bescheidenheit, diesen permanenten Wandel und die Zähigkeit und Fähigkeit der Menschen, damit klar zu kommen und ihn zu gestalten. Ich stehe auf die Abwechslung von Industrie-, Hoch- und Subkultur. Ich liebe das satte Grün entlang der alten Erzbahntrassen und im Ruhrtal genauso wie den spröden Fußgängerzonencharme der Innenstadt.

Und deswegen lade ich euch herzlich ein, herzukommen. Nach Bochum. Es muss doch nicht immer Berlin, Köln, Hamburg oder München sein. Hier zählt das Herz, hier ist das Leben! Gerne zeige ich euch die schönsten Flecken und mache den Stadtführer für euch. Es gibt nur eine Bedingung — bevor es losgeht, müssen wir gemeinsam diesen Song hören:

Und was ich nicht vergessen will:

Danke, Herbert, für diese Marke.

Ruhrgebiet, ganz einfach erklärt

Ruhrgebietskulisse

Als bekennender Ruhrgebietsliebhaber werde ich immer wieder gefragt, was denn das besondere an der Region hier sei. Früher fing ich dann gerne an aufzuzählen, wie grün es hier sei, wie vielfältig das kulturelle Angebot hier ist und überhaupt, dass man als Region durchaus mit Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München mithalten könne. Nicht zu vergessen, der Menschenschlag hier, der aufgrund der bewegten und insgesamt recht kurzen Geschichte getrost als sehr herzlich bezeichnet werden kann.

Diese ausufernde Erklärung, insbesondere was den Menschenschlag angeht, dampfte sich vor ein paar Jahren auf einen einzigen Satz ein. Der WDR hatte ein Lokalzeit-TV-Team in unser Viertel geschickt. Dort gab es einen Gardinenladen. So richtig noch mit diesen ADO-Goldkante-Stöffchen. Im Fenster lag immer ein großer Chow-Chow. Wie sooft trug auch die Besitzerin des Tieres (und des Ladens) eine ganz ähnliche Frisur, man hätte sie getrost als hochbunkerartig onduliert bezeichnen können.

Besagte Dame wurde von dem noch jungen Lokalzeitreporter gefragt, wie denn ihr Geschäft so laufe. Schließlich zögen doch immer mehr Studenten und Ausländer ins Viertel, die doch sicher einen anderen Geschmack in Sachen Gardinen hätten.

Darauf lächelte die Dame, nahm den jungen Mann in den Arm und sagte dann den legendären Satz, mit dem ich seither den Menschenschlag hier erkläre:

“Ach wissense, dat is alles halb so wild. Die werden hier integriert und feddich.”

#Wissterbescheid

Kindermund :: Musikalisches Feingefühl

Wer dieses Blog schon länger liest, der weiß, dass es irgendwann mal sehr stark um Musik ging, eine wirklich prägende Konstante meines Lebens. So ist es nicht verwunderlich, dass ich bestrebt bin, diese Neigung und dieses Interesse auch bei der eigenen Brut zu wecken.

Und mein perfider Plan scheint tatsächlich zu verfangen. Erst recht, nachdem dem Junior eine Ukulele in der Vereinsfarbe seine Lieblingsfußballclubs zu eigen wurde. So kommt es immer öfter vor, dass ich zum saiteninstrumentalen Duett aufgefordert werde, bei dem wir Seite an Seite in bester Lagerfeuermanier vor uns hinschrömmeln und lauthals Kinderlieder grölen. Singen kann man das noch nicht wirklich nennen.

Und wo wir gerade bei Vereinsfarben waren – neulich war ich mit dem Junior tatsächlich im Ruhrstadion. Beim Heimspiel gegen Sandhausen. Ich Wahnsinniger, ich hätte ahnen müssen, wie das endet. In dieser Seuchensaison. Aber über den traurigen Verlauf und den noch traurigeren Ausgang des Spiels will ich mich hier gar nicht weiter auslassen. Um an das musikalische Ausgangsthema anzuknüpfen: Am beeindruckendsten waren für den Junior die Stadiongesänge. Das Bochumer Jungen-Lied, die VfL-Hymne und nicht zuletzt der wichtigste Stadionsong, nämlich Herbert Grönemeyers “Bochum”. Tausende Menschen in Blauweiß, Fahnen und Schals schwenkend und glück- bzw. bierselig mitsingend.

Und genau jener Song des bislang besten Bochumer Barden (ich schreibe das nur wegen der hübschen Alliteration) war es, der heute Morgen beim Frühstück aus dem Radio dudelte. Zwischen zwei Brötchenbissen summte ich fröhlich mit, bis der ebenfalls mit am Tisch sitzende kleine Meister auf einmal meinte:

“Papi, der klingt ja, als würde er beim Singen Currywurst essen.”

Sowas kann man sich nicht ausdenken. Aber wo er Recht hat, hat er Recht.

Bochum, Deine Radfahrer

Rennrad-Schatten

Wer mich kennt, der weiß, dass ich bekennender Radfahrer bin. Unsere Familie leistet sich “nur” ein Auto, was bislang auch vollkommen ausreichend ist. Ich arbeite glücklicherweise wohnortnah und auch des Juniors Kindergarten ist fußläufig bzw. radfahrerisch prima zu erreichen. Wer mich kennt, der weiß aber auch, dass ich weder besonders geduldig noch besonders in mir ruhend bin. Oder um es anders zu formulieren, ICH REGE MICH AUCH GERNE MAL AUF.

Und in den letzten Tage gab das eine mal wieder gepflegten Anlass für das andere. Dass Bochum trotz aller Prestige-Erzbahntrassen-Radwege (die ich durchaus schätze) kein Herz für Rad fahrende Verkehrsteilnehmer (dieser Begriff hat schon fast was euphemistisches) hat, das ist eigentlich keine Nachricht mehr Wert. Die Radwege, sofern überhaupt vorhanden, befährt man am besten nur mit vollgefederten Mountainbikes, quasi den SUVs unter den Fahrrädern.  Sie enden mitunter abrupt vor Bäumen, sind durchzogen von hochdrückenden Wurzeln oder fiesen Bodenwellen, werden weder von Laub, Müll noch von herumliegenden Ästen befreit oder gerne mal von Mannschaftsbussen der Polizei bei Radar- oder Verkehrskontrollen (“Ey, Sie sollten lieber einen Helm tragen!”) zugeparkt. Soll das Fahrradvolk doch sehen, wo es bleibt.

Man denkt, es könne kaum dämlicher gehen. Aber wir wären nicht Bochum, wenn wir das nicht doch schaffen würden. Da wird über Monate hinweg mit viel Aufwand die dringend nötige Restaurierung der Oskar-Hoffmann-Straße am Schauspielhaus betrieben. Kurz bevor die ansässigen Geschäfte und Cafés pleite sind, wird dann das erste Teilstück für den Verkehr freigegeben. Inklusive des Einmündungsbereiches Königsallee, Viktoria-Straße. Entlang der Viktoriastraße führt stadteinwärts links auf dem Gehweg ein rot gepflasterter Radweg entlang. Man umkurvt schlecht einzusehende Buswartehäuschen und Reklamewände, aber hey, immerhin ein Radweg. Man ist ja für Kleinigkeiten dankbar. Doch was haben sie jetzt an der Kreuzung gemacht? Auf dem Gehweg ist kein Bereich mehr für Radfahrer gepflastert. Es ist also völlig offen, ob diese den Gehweg weiter nutzen dürfen oder nicht. Kann man ja schonmal vergessen bei der modernen Stadtplanung. Aber wir wären nicht Bochum, könnten wir das nicht noch toppen. Der Fußgänger und Radfahrerübergang ist mit einem teilweise abgesenkten Bordstein versehen. Super. Da hat doch jemand an Rollifahrer, Eltern mit Kinderwagen und (vielleicht doch) Radfahrer gedacht. Naja, an letztere leider nicht. Wir erinnern uns, wo der Radweg auf dem Bürgersteig verortet war. Richtig, gut aufgepasst: Es war links. Macht ja auch Sinn. Und nun ratet mal, wo am Übergang der abgesenkte Bordstein zu finden ist. Richtig. Rechts. Ist ja auch voll gut, wenn jetzt alle Radfahrer schön den Laufweg der Fußgänger kreuzen müssen, um nach dem Überqueren der Straße wieder auf ihren Radweg zu gelangen. Da sind die Konflikte quasi vorprogrammiert. Und mal sehen, wie lang es dauert, bis der erste Unfalls dabei passiert.

Apropos Konflikte. Liebe laubentfernungsfanatische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Es ist KEINE, ich wiederhole gerne nochmal, KEINE Lösung, Euer nasses Dreckslaub einfach mit Schwung auf die Radwege zu blasen oder zu fegen. Für uns Radfahrer ist es nämlich ungefähr genauso schön, auf nassem Laub zu bremsen, wie auf einer spiegelglatten Eisfläche. So ein Verhalten ist unter aller Kanone. Am liebsten würde ich heimradeln, einen Besen holen und Euch den ganzen Dreck wieder gepflegt vor die Haustüre kehren.

So. Erwähnte ich eigentlich schon, dass Schreiben für mich sowas wie Katharsis ist. Spart die Couch und führt vor allem dazu, dass ich am Schreibtisch sitzen bleibe und nicht durch die Welt radle. Alles wird gut. Na also.

Bochum, Bier, Bambule

Es gibt da in der Stadt ein tolles, kostenloses Musikfestival namens Bochum total. Es hat mittlerweile hunderttausende Besucherinnen und Besucher und einen überregionalen Ruf. Soweit die Fakten.

Doch halt, der Begriff “kostenlos” ist nicht ganz richtig, denn natürlich kostet das Festival mit seinem feinen Line-Up und den zahlreichen Bühnen was. Nur nicht den Besucher. Den Veranstalter, die cooltour GmbH, hingegen schon. Um ein Festival dieser Größenordnung auf die Beine zu stellen, braucht es starke Partner und Sponsoren.

Einer eben dieser Partner war in den vergangenen Jahren die lokale Familienbrauerei Moritz Fiege. Sie trug mit ihrem jahrelangen Engagement dazu bei, dass das Festival sich zu dem entwickeln konnte, was es heute ist. Ein Bochumer Highlight mit Leuchtturmcharakter.

Nun haben der Veranstalter und die Brauerei ihre Kooperation beendet. Ab dem kommenden Jahr wird auf dem Festival das in Duisburg gebraute KöPi ausgeschenkt. Wenn man die zugehörige Mitteilung von Moritz Fiege liest, dann klingt es, als dieser Schritt recht einvernehmlich erfolgt. Wie es wirklich war, wissen wohl nur Veranstalter und Brauerei selbst.

Aber wie es so ist, bei Entscheidungen für Fußballclubs oder eine Biermarke ist der emotionale Rubikon schnell überschritten. Die Volksseele kocht, und der Zorn über die Entscheidung des Veranstalters entlädt sich bei Facebook. Und die üblichen Empörungswellensurfer machen sich das zu Nutze und mischen kräftig mit.

Da ist von Verrat die Rede und von Geldgier. Als ginge es nur darum, dass sich der Veranstalter die Taschen voll machen will. natürlich ist es eine wirtschaftliche Entscheidung, wenn man sich für einen starken, finanzkräftigeren Partner entscheidet. Offensichtlich konnte oder wollte Fiege sein Engagement nicht erhöhen. Dafür wird es gute Gründe geben, die zu beurteilen und bewerten mir nicht zusteht.

Das Engagement von Fiege wird dabei keine Einbahnstraße gewesen sein. Auch die Brauerei wird (hoffentlich) gut an dieser Entscheidung verdient haben. Es ist dieser Inkubatoreffekt, der das Engagement von Unternehmen wie Fiege, den Stadtwerken oder auch der Sparkasse und vielen anderen auszeichnet. Sie helfen dabei, Dinge wie Bochum Total oder auch das Zeltfestival Ruhr anzuschieben und erfolgreich zu machen. Dass irgendwann auch andere Unternehmen den Wert entdecken und aufspringen, kann man bedauern, ist aber kaum zu verhindern.

Was die Vergabe von Sponsoring-Geldern angeht, so wird man darüber immer trefflich streiten können. Es wird immer gute Argumente für und gegen bestimmte Sponsorings geben. Aus Unternehmenssicht muss sich dabei immer die Frage nach dem wie auch immer gearteten Gegenwert stellen. Denn ein Sponsoring ist keine Spende. Auch wenn das gerne mal verwechselt wird. Und was die Verteilung von Sponsoringgeldern insbesondere städtischer Tochterunternehmen angeht, halte ich Onlineabstimmungen für einen denkbar schlechten Weg, wie ja auch die Ergebnisse der letzten Aktionen hier in Bochum zeigen. Vielmehr würde ich eine Beiratslösung bevorzugen, bei der die Bürgerinnen und Bürger Vertreter wählen können, die den Unternehmen dann entsprechend beratend zur Seite stehen und auch berichten, warum welche Entscheidung getroffen wurde. Losverfahren sind hier ein zu intransparenter und willkürlicher Weg.

Nun nochmal zurück zum eigentlichen Thema. Cooltour will Bochum total weiterentwickeln. Offensichtlich braucht man dafür mehr Geld, als Fiege zahlen konnte oder wollte. Es ist also völlig legitim, sich einen neuen Partner zu suchen. Jeder Besucher und jede Besucherin hat es selbst in der Hand, ob er oder sie beim nächsten Festival zum KöPi greift oder nicht. Ich wage die Prognose, dass sich der Bierkonsum nur unwesentlich ändern wird. Dafür werden allein schon die vielen Besucher von außerhalb sorgen. Und im Bochumer Ruhrstadion hat es der Stimmung auch jahrelang keinen Abbruch getan, als noch Dortmunder (!!!) Kronen ausgeschenkt wurde.

Also, einfach mal das Bierzelt im Dorf lassen. Prost.

Aus Gründen: Fußball-Lyrik

drin bleiben VfL Bochum

Der frühe Vogel freut sich mal,
sein Club, der hat Erfolg am Ball.
3:0 hieß es am Ende,
mit Peter kam die gute Wende.

Jetzt läuft es wieder rund am Leder,
ins Stadion strömt auf einmal jeder.
Erhalt der Klasse bleibt das Ziel,
wir hoffen auf manch gutes Spiel.

Erst Frust, Enttäuschung und Gewimmer,
so ist’s beim VfL fast immer.
Auf dem Platz der Klassenkampf,
den Spieler quält so mancher Krampf.

Am Ende jubeln alle laut,
man mutig, froh nach vorne schaut.
Fußball im Pott, so ist das hier,
bei Currywurst und Fiege Bier.

Und hier ganz tief bei uns im Westen,
da spielen schlichtweg doch die Besten.
Der VfL hat jetzt ‘nen Lauf,
wir freuen uns, Glück auf!

Glück auf VfL Bochum

Nochmal Opel – die Musik spielt längst woanders

Opel Solidaritätsfest - Wir bleiben Bochum

Die Band des Bochumer Schauspielhauses beim Bochumer Opel-Solidaritätsfest am 03.03.2013

Seit gestern Abend ist es amtlich. Die Bochumer Opelanerinnen und Opelander haben den “Sanierungsplan” mit einer Mehrheit von 76 % abgelehnt. Meine Meinung zum Thema Opel tat ich bereits vor einigen Wochen kund. An eine Rettung des Werkes glaube ich persönlich nicht mehr.

Aber ebenso wie ich vor einiger Zeit meine Solidarität mit den Betroffenen zum Ausdruck brachte, so zolle ich ihnen jetzt Respekt für diese Entscheidung. Es ist ein klare Haltung, “Nein” zu diesem Sanierungsplan zu sagen, der an vielen Stellen nichts anderes als eine Erpressung der Belegschaft war und zudem die Standorte gepflegt gegeneinander ausspielt. Ich kann gut verstehen, dass die Opelaner dieses “Angebot” angesichts der jahrelangen Erfahrung mit Wortbrüchen und leeren Versprechungen nicht akzeptieren wollten. Meiner Meinung nach hatte diese Abstimmung letztlich keine andere Aufgabe, als die Schließung des Werkes quasi durch die eigene Belegschaft legitimieren zu lassen. Man kennt das ja aus der Politik. Wenn Politiker aus macht- und wahltaktischen Gründen Angst vor Entscheidungen haben, wälzen sie diese gern auf die Gerichte oder die Bürger ab.

Traurig macht mich dabei die Erkenntnis, dass es um die Solidarität der Mitarbeiter der unterschiedlichen Standorte offenbar nicht gut bestellt ist. Und dass sich insbesondere Gewerkschaften auf ein solches Spiel einlassen, ist ein Offenbarungseid für ihre Arbeit.

Risiken aus Detroit – Chance(n) für Bochum?

Vielleicht sollte man sich in Bochum langsam Gedanken machen, wie die Zeit nach dem Weggang von Unternehmen wie Opel und ThyssenKrupp hier aussehen könnte. Offenbar müssen wir uns endgültig darauf gefasst machen, kein bedeutender Industriestandort mehr zu sein. Doch was folgt nach?

Wie wollen Stadtentwickler, Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerinnen und Bürger die entstehenden Lücken füllen? Wo liegen neue Chancen zur Entwicklung? Wie kann die Stadt attraktiv für neue Unternehmen werden? Und was sollen das für Unternehmen sein? Nie war die Zeit reifer, endlich neu zu denken und eine positive Vision zu entwickeln. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, jetzt in Schockstarre über die erneut schlechten Nachrichten zu verharren.

Und die hohen Herren von General Motors in Detroit sollten sich Gedanken über eine am Menschen orientierte Unternehmensführung machen. Es ist die eine Sache, bei dauerhaften Defiziten (so es denn welche sind) Werke oder Standorte zu schließen. Aber es ist eine andere Sache, über numehr fast ein Jahrzehnt ständig mit Werksschließungen zu drohen, Mitarbeiter unter Druck zu setzen und diese in einer permanenten Angst um ihre Arbeitsplätze verharren zu lassen.

Mitmenschliche Verantwortung sieht anders aus.

Bochum – was fehlt sind die Visionen

Brennen für Bochum - Deutsches Bergbaumuseum“Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen.” So lautet ein prominentes Zitat von Altkanzler Helmut Schmidt. Und genau diese Aussage scheinen sich viele Bochumerinnen und Bochumer sehr zu Herzen genommen haben.

Anders kann ich mir die Diskussionen und auch die Nicht-Diskussionen der letzten Jahre nicht erklären. Insbesondere in den letzten Wochen und Tagen wird in der Stadt einmal mehr über Sparpläne, Provinzialität und Mittelverwendung diskutiert. Dominantes Thema dabei ist das Sparen. Verbunden mit den damit einhergehenden Verteilungskämpfen. Nur selten wird dabei in der Sache, vielmehr wird fast ausschließlich auf der emotionalen Ebene diskutiert.

Schon seit Jahren mangelt es meines Erachtens an einer konkreten Vision, einem strategischen Masterplan, wohin sich Bochum, die Heimatstadt, die ich liebe und schätze, künftig entwickeln soll. Fragt man die Beteiligten in Politik, Wirtschaft und Institutionen, sind sich fast alle einig, dass sich Bochum in Zeiten des weiter fortschreitenden industriellen Strukturwandels insbesondere auf zwei Stärken konzentrieren sollte. Kultur und Bildung.

Da herrscht parteiübergreifend mit wenigen Ausnahmen Konsens. Doch wie das konkret umgesetzt und angegangen werden soll, da ist nur wenig bis nichts zu vernehmen. Es gibt zahlreiche Einzelprojekte, die sich mit Bildung und Kultur befassen, aber ein Masterplan ist weder für das eine noch für das andere Thema vorhanden. Es geistern leere Phrasen wie „Univercity“ durch die Welt, die aber bislang noch nicht ansatzweise mit Inhalt oder Leben gefüllt werden. Weder von Seiten der Stadt, noch von den Institutionen, sprich Hochschulen, selbst. Auch für den Kulturbereich fehlt dieser Masterplan. Die Diskussion hier wird nahezu ausschließlich über die Notwendigkeit von Einsparungen geführt. Prominentes Beispiel dafür ist die geplante Schließung des Museums, deren Begründung an Absurdität kaum zu überbieten ist.

Als Bochumer Bürger, dem das künftige Wohl der Stadt wirklich am Herzen liegt und der auch seinen Kindern hier noch ein lebenswertes Umfeld wünscht, befremdet mich das zusehends. Und nach vielen Gesprächen in den letzten Wochen weiß ich, dass ich damit nicht alleine bin.

Ausgerechnet die neu aufgeflammte Diskussion über den Bau des Musikzentrums könnte hierbei ein Meilenstein für die Entwicklung einer Vision für Bochums Zukunft werden. Der ebenso durchsichtige wie populistische Antritt der Piratenpartei mit einem Bürgerbegehren den Bau zu diesem Zeitpunkt zu verhindern – es wird ja auch erst seit zehn Jahren über dieses Thema gesprochen – könnte ein Wendepunkt werden.

Denn genau das so umstrittene Musikzentrum bildet mit seiner Scharnierfunktion zwischen Kultur und Bildung ebenso wie das erfolgreiche Urbanatix-Projekt einen wichtigen Ausgangspunkt für eine visionäre Ausrichtung der Stadt. Bochum muss sich – will es künftig als attraktiver, urbaner Raum wahr- und ernstgenommen werden – auf die Bereiche Bildung und Kultur fokussieren.

Gemeinsam mit den Bürgern der Stadt sollte hier ein Zielbild formuliert werden, auf das alle künftigen Aktivitäten auszurichten sind. Was sind die Kernwerte, für die Bochum steht? Wie positioniert sich die Stadt? Was ist die Kernaussage, was die Vision Bochums? Das Begehren der Bürger sollte es sein, daran positiv mitzuwirken. Ich würde mich freuen, wenn sich Menschen zusammentäten, die fernab von parteipolitischen oder ideologischen Einflüssen Lust darauf haben, diese Vision für Bochum zu entwickeln.

Ich bin sicher, da geht was. In diesem Sinne „Glück auf Bochum“!

peinliche Bochumer Ackermann-Posse

Jetzt hat Ackermann seinen Auftritt im Bochumer Schauspielhaus abgesagt. Das Ganze war an pseudopeinlicher Empörung im Vorfeld nicht zu überbieten. Ich bin wahrlich kein Freund von Josef Ackermann, aber vom Schauspielhaus und der Politik zu fordern, ihn auszuladen, ist einfach nur armselig und intolerant.

Man kann trefflich darüber streiten, ob man ausgerechnet jemenden wie Herrn Ackermann zu einem Thema wie “Die Zukunft der Finanzmärkte” einladen muss, aber spannend wäre doch gewesen, ihn inhaltlich zu stellen, seine Position zu hinterfragen, sich mit ihm und seiner Sicht auseinanderzusetzen.

Es hat schon einen mehr als schalen Beigeschmack, wenn ausgerechnet Künstler wie Frank-Patrick Steckel oder sogar ein Bochumer Richter eine Ausladung Ackermanns fordern. Ein trauriges Lehrstück in Sachen Toleranz, Meinungsfreiheit und Demokratieverständnis.

Und mindestens genauso peinlich ist am Ende, dass sich ein Medium wie die WAZ bzw. DerWesten nicht blöd genug sind, zu diesem Quatsch noch ein Online-Voting zu machen, um dem Pöbel eine Stimme zu geben und die Empörungswelle mitzusurfen. Springer-Niveau und Klickgeilheit lassen grüßen.

Am Ende kann man nur einmal mehr feststellen, das Bochum sich imagetechnisch munter weiter demontiert. Einfach nur traurig.