„Ein guter Rapper denkt erstmal“ steht auf einem meiner Lieblings-Rumpfkluft-T-Shirts von Max Goldt. In den letzten Tagen denke ich vermehrt, dass es das T-Shirt auch dringend für Blogger, Journalisten und vor allem für selbsternannte Terrorexperten gelten sollte.
Was wurde uns da in den Stunden nach den furchtbaren Geschehnissen in Oslo und auf Utøya nicht alles aufgetischt. Selbstredend waren es Islamisten, selbstredend ist es jetzt ein „wahnsinniger Einzeltäter“, selbstredend wird jedem noch so traumatisierten Opfer ein Mikro ins Gesicht gehalten und gnadenlos mit der Kamera auf alles was sich bewegt und auch nicht mehr bewegt gehalten. Was interessieren Menschenwürde, Respekt, Bescheidenheit und solide Recherche, wenn der Mob nach Informationen giert? Und der Mob sind wir irgendwie alle.
Leider hatte ich viel Zeit, die ganze Berichterstattung sehr genau mit zu verfolgen. Von den ersten unerträglichen Mutmaßungen über die ungefilterten Bilder in TV und im Netz bishin zu den entlarvenden Kommentaren in Boulevard- und „Qualitäts“-Presse.
Wenn dieser Massenmörder (und nichts anderes ist dieser Mensch) eines geschafft hat, dann ist es, die moderne Medien- aber auch Netzwelt mit ihren schnellen (Vor)Urteilen, ihrem mangelnden Respekt vor Menschen, ihrer unerträglichen Selbstgefällig- und -gerechtigkeit zu entlarven.
“Ohne Begeisterung, welche die Seele mit einer gesunden Wärme erfüllt, wird nie etwas Großes zustande kommen.” (Adolph von Knigge)
In letzter Zeit stolpere ich immer wieder über das Thema „Begeisterung“. Alles begann mit einer Veranstaltung zum Thema Kundenservice. Dort lernte ich, dass es demnächst eine DIN für Service-Exzellenz und Kundenbegeisterung geben wird. War ich zunächst noch verblüfft und irritiert, zeigten mir der Applaus und das Interesse aus dem Teilnehmerkreis, dass es offensichtlich einen großen Bedarf für ein solches Regelwerk gibt. Viele Unternehmen scheinen verlernt zu haben, wie man Menschen – also Kundinnen und Kunden – mit Dienstleistungen und Produkten mehr als nur zufriedenstellt.
Ich dachte kurz über meine Erfahrungen nach und stellte fest, dass auch ich in meiner Eigenschaft als Kunde nur selten begeistert bin, obwohl ich mich für durchaus begeisterungsfähig halte. Um mich zu begeistern reicht es schon aus, dass der freundliche Mitarbeiter in der Autovermietung meiner Wahl (es war die schwarzorangene mit den Münchener Kennzeichen) mir hilft, mein sperriges Gepäck zum Auto zu tragen, oder dass die nette Servicekraft in der Gastronomie mit wachen Augen dafür sorgt, dass es am Tisch der Geburtstagsgesellschaft zu keiner Zeit an etwas fehlt.
Eine weitere Konfrontation mit dem Thema „Begeisterung“ bot dann die Firmung meines Patenkinds. Bei der Firmung steht der „Heilige Geist“ im Mittelpunkt, junge Menschen werden endgültig zu mündigen Mitgliedern der katholischen Kirche. Für die Kirche ist die Firmung in vielen Fällen die letzte Chance, die Heranwachsenden noch einmal für sich und ihre Inhalte zu gewinnen, sie im Wortsinne also zu „begeistern“. Man kann also sagen, dass die Erwartungen (und nicht nur meine) an einen solchen Gottesdienst auf Seiten der zu firmenden sowie ihrer Familien und Paten entsprechend hoch ist. Man sollte meinen, dass eine jahrtausende alte Institution wie die katholische Kirche quasi Vollprofi in diesem Geschäft der „Begeisterung“ sein müsste. Doch was soll ich sagen? Ich war schlichtweg ernüchtert. Und mit mir wohl auch viele andere Gottesdienstbesucher. Als ich die Kirche verlies, waren jedenfalls nur wenige fröhlich Mienen zu sehen, die meisten schienen eher froh zu sein, dass es „vorbei“ war.
Es geht bei Begeisterung nicht darum, lediglich die Erwartungen von Menschen zu erfüllen. Begeisterung entsteht, wenn ich Menschen in irgendeiner Form überrasche, ihnen etwas biete, das sie nicht erwartet haben. Es gilt, bloße Erwartungen in irgendeiner Form zu übertreffen.
Warum fällt uns das offensichtlich so schwer? Warum gelingt es uns so selten, andere zu begeistern? Oder ist es etwa so, dass es an uns selbst liegt, dass wir uns nur schwer begeistern lassen? Haben wir Deutschen mit unserem mehr als unrühmlichen Kapitel des Nationalsozialismus ein grundlegendes Problem uns begeistern zu lassen? Machen wir uns etwa verdächtig, wenn wir für etwas Feuer und Flamme sind, wenn wir mit Leidenschaft für ein Thema einstehen und kämpfen?

Ich kann diesen Rucksack nicht packen, ohne dabei emotional zu werden und an jenen prägenden und denkwürdigen 18. Juli des Jahres 1991 zu denken.
Ein guter Schulfreund und ich hatten uns tags zuvor mit dem Nachtzug auf den Weg von Bochum nach Mittenwald gemacht, wo wir eine 10tägige Bergwandertour durchs Karwendelgebirge machen wollten. Doch es kam anders, denn trotz guter Karten und bester Ausrüstung verliefen wir uns und gerieten in ein Geröllfeld unterhalb der Schöttlkarspitze, das wir nicht mehr beraufsteigen konnten. Es hieß also: “irgendwie runter”.
Oberhalb eines weiteren Geröllfeldes ging es einen schmalen Grat entlang. Ich dachte kurz darüber nach, meinen Rucksack abzusetzen, entschied mich aber intuitiv dagegen. Gott weiß, warum. Keine halbe Minute später trat ich auf eine lose Steinplatte und stürzte – so berichteten es mir nachher meine netten Retter der Bergwacht und der Gebirgsjäger – ca. 25 Meter eine Felswand hinab. Nur diesem Rucksack verdanke ich es, dass ich diesen Sturz, wenn auch mit allerlei Blessuren, überlebt habe.
Seitdem hat er mich auf vielen Reisen begleitet. Er hat mich Respekt gelehrt. Und Vorsicht. Und er ist ein Mahnmal, doch öfter auf meine Intuition zu vertrauen.
Wenn der Blaugraue mal einen Riss bekommt, wird er liebevoll geflickt. Er hat mir definitiv das Leben gerettet und verdient es auch, wie ein Lebensretter behandelt zu werden.
KonFerenz – In Flagranti from KonFerenz on Vimeo.
Bereits vor vielen Wochen erhielt ich von Marc Borneé, einem der Köpfe hinter der Combo “Konferenz” das neue Album “In Flagranti” zugeschickt. Aus vielerlei Gründen hat sich meine Besprechung bis heute hingezogen, was jedoch keinesfalls Rückschlüsse auf die Qualität des nunmehr dritten Albums an der Grenze von NuJazz und Electronica zulassen sollte.
Um es kurz zu machen, ich freue mich sehr, dass mich diese Scheibe pünktlich zum einsetzenden hochsommerlichen Wetter erreicht hat (Danke an dieser Stelle und Entschuldigung für die späte “Besprechnung”). Ich mag die treibenden Beats, die vibrierenden Basslinien, die coole Stimmung und vor allem die smoothe Stimme der Sängerin Chinaza, von deren Soloalbum “Home” ich übrigens ebenfalls schwer angetan bin.
Meine Lieblingstracks sind “Consideracao” mit der wundervollen Liza da Costa, “Corpus Delicti”, das auch wundervvoll einen Tatort untermalen könnte, und schließlich “Distanz”, das mich beinahe einen leichten Walzer hätte tanzen lassen. Ein Album wie gemacht für laue oder auch schwüle Sommerabende.
26. Juli 2011








