Ruhrgebiet, ganz einfach erklärt

Ruhrgebietskulisse

Als bekennender Ruhrgebietsliebhaber werde ich immer wieder gefragt, was denn das besondere an der Region hier sei. Früher fing ich dann gerne an aufzuzählen, wie grün es hier sei, wie vielfältig das kulturelle Angebot hier ist und überhaupt, dass man als Region durchaus mit Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München mithalten könne. Nicht zu vergessen, der Menschenschlag hier, der aufgrund der bewegten und insgesamt recht kurzen Geschichte getrost als sehr herzlich bezeichnet werden kann.

Diese ausufernde Erklärung, insbesondere was den Menschenschlag angeht, dampfte sich vor ein paar Jahren auf einen einzigen Satz ein. Der WDR hatte ein Lokalzeit-TV-Team in unser Viertel geschickt. Dort gab es einen Gardinenladen. so richtig noch mit diesen ADO-Goldkante-Stöffchen. Im Fenster lag immer ein großer Chow-Chow. Wie sooft, trug auch die Besitzerin des Tieres (und des Ladens) eine ganz ähnliche Frisur, man hätte sie getrost als hochbunkerartig onduliert bezeichnen können.

Besagte Dame wurde von dem noch jungen Lokalzeitreporter gefragt, wie denn ihr Geschäft so laufe. Schließlich zögen doch immer mehr Studenten und Ausländer ins Viertel, die doch sicher einen anderen Geschmack in Sachen Gardinen hätten.

Darauf lächelte die Dame, nahm den jungen Mann in den Arm und sagte dann den legendären Satz, mit dem ich seither den Menschenschlag hier erkläre:

“Ach wissense, dat is alles halb so wild. Die werden hier integriert und feddich.”

#Wissterbescheid

Mein erstes Mal :: Frühstück beim Schweden

IKEA Restaurant
Es ist Mittwoch Morgen, 9.28 Uhr auf einem Parkplatz im Dortmunder Westen. Draußen ist es erwartungsgemäß nasskalt und usselig. November eben. Ich drehe den Zündschlüssel, das wohlig brummende Motorengeräusch unseres Autos verstummt. Ich seufze leise und blicke leicht verzweifelt zur Besten, die entspannt auf dem Beifahrersitz hockt.

Wider Erwarten ist der Parkplatz trotz der recht frühen Morgenstunde alles andere als leer. Rund um uns sind nur wenige Lücken frei. Ich betätige noch ein letztes Mal den Scheibenwischer, um freie Sicht auf dieses triste Fleckchen Erde zu bekommen. Ein Blick auf die Uhr zeigt, es ist 9.30 Uhr. Wie von Geisterhand öffnen sich auf einmal nahezu alle Türen der parkenden Autos. Als hätte der Herrgott dort oben auf seiner fetten Regenwolke einen Knopf auf seiner Fernbedienung gedrückt.

Den Autos entwinden sich zahllose Menschen. Mit und ohne Gehhilfe, mit und ohne Kinderwagen, mit und ohne Regenschutz. Aber allen ist eines gemein, sie haben es eilig. Ich grinse still, auch wenn mir nichts Gutes schwant, schnalle mich ab und öffne ebenfalls die Tür. Gemessenen Schrittes streben die Beste und ich dem blaugelben Wellblechmoloch entgegen, dessen riesige Drehtür die davor wartenden Menschen in Dutzendhäppchen wie ein Mühlrad ins warme Innere befördert. Drinnen dann windet sich der menschliche Lindwurm die Stahltreppe in Richtung Austtellungsfläche hoch. Bei letzterer befürchte ich ja immer, dass an irgendeiner Ecke Tine Wittler hinter dem Regal hevorspringt, an ein, zwei “Wohnaccessiors” — oder wie wir hier im Revier sagen “Nippes” — rumfummelt und dann debil grinsend unseren Einkauf moderiert. Doch ich schweife ab.

Da die schwedischen Wohnwelten – oder das, was Menschen außerhalb Schwedens für solche halten sollen – noch nicht geöffnet haben, biegen wir scharf links ab und folgen der Menschenmasse und der Beschilderung “Restaurant & Café”. Letzteres ist unser Ziel, hatte die Beste doch angesichts unseres Einkaufsvorhabens und des gemeinsamen freien Tages angeregt, “schön bei IKEA frühstücken zu gehen”. Ich hatte kurz überlegt, darauf hinzweisen, dass die Begriffskombination “schön, Frühstück, IKEA” in einem Satz doch eher widersprüchlich verwendet sei, aber ich weiß, wann es im Leben besser ist, zu schweigen.

Da es für uns beide unser “erstes Mal” ist, gilt es zunächst, uns Orientierung zu verschaffen. Aber IKEA wäre nicht IKEA, wenn das nicht mit geradezu preußischer Akkuratesse gelöst bzw. unterstützt würde. Riesige Wegweiser weisen den Weg (super Satz, finde ich) und so reihen wir uns artig in die Schlange ein. Selbstverständlich haben wir in der Überforderung des Gefechts der Beschilderung nicht die verdiente Beachtung geschenkt und landen natürlich in der deutlich längeren der beiden Schlangen. Aber wir wolllen ja entspannt frühstücken, also bloß kein Stress. Auch wenn ich das mantraartig unausgesprochen vor mich hinmurmle, merke ich, wie mein innerer Adrenalinpegel langsam aber sicher steigt. Gestählt durch diverse Pauschalurlaube mit üppigen Frühstücksbuffetangeboten, merkt man mir das äußerlich zum Glück nicht an. Ich strahle im Gegensatz zu der uns umgebenden Profi-Frühstücker- und mit bis unter die Schultern mit diversen Gehhilfen bewaffneten Rentner-Gang geradezu stoische Gelassenheit aus. Nunja, knappe Restlebenszeit macht eben ungeduldig. Ich kann das verstehen.

Trotz knapper Lebenszeit ist es verblüffend, wie lange diese älteren Herrschaften allein damit verbringen, sich das richtige Besteck aus den Besteckkörben herauszufummeln. Jedes Messer, jede Gabel, jeder Löffel wird kritisch auf Spülmaschinenschlieren untersucht und erst nach ausführlichen Testverfahren dem Verbleib auf dem Transporttablett zugeführt. Apropos Transporttablett: IKEA wäre auch hier wieder nicht IKEA, wenn man für den Esswarentransport gebrechlicher Menschen oder den von Großfamilien (wobei das eine ja manchmal eng mit dem anderen einhergeht) nicht auch an eine Lösung gedacht hätte. So gibt es mehrstöckige Esstablettrollatoren, deren Entdeckung mich so fasziniert, dass ich beinahe meinen Besteck- und Tablettaufnahmeslot verpasse.

Zentimeter für Zentimeter schiebe ich mich also an den grell erleuchteten Theken mit eingeschweißten Frühstückstellern vorbei. Unwillkürlich frage ich mich, ob das, was da so liebevoll vakuumiert wurde, nicht auch aus Plastik ist. Besonders lebendig sieht vieles davon jedenfalls nicht aus. So entscheide ich mich dann letztlich auch für die nicht eingeschweißte “Gourmet-Variante”, bei der eine Scheibe Lachs, zwei Scheiben Käse, etwas Wurst und ein bisschen Alibi-Grün noch Frischluft, oder das, was man in solchen Umgebungen noch unter Frischluft verstehen kann, schnuppern dürfen.

Die Beste entscheidet sich, individuell wie sie nunmal ist, für die Hardcore-Individualvariante und bastelt sich baukastengleich ihr IKEA-Frühstück zusammen. Ich scherze noch, ob ich ihr noch einen Inbus zum Besteck organisieren soll, doch eine hochgezogene Augenbraue lässt mich gleich vor weiteren Witzen zurückschrecken.

Immerhin bei der Kassenschlange entscheiden wir uns richtig und erwischen das kürzere Ende. Allerdings nur so lange, bis der vor mir abzukassierende Rentner den Satz sagt, mit dem jeder Einkauf zum Fiasko wird: “Ich hab’s passend.” Ihr ahnt, wie es weitergeht. Am Ende zahlt er mit Karte, wobei er, nervös wie er zwischenzeitlich ist, die PIN erst im finalen dritten Versuch korrekt eingibt. Ich zahle bar. Als Banker traue ich diesem modernen Zahlungsverkehr ohnehin nicht über den Weg.

Von der Kasse geht es dann weiter zur Kaffeeinsel. Der ist “all you can drink”-mäßig im Frühstückspreis drin. Allerdings nur die von mir ohnehin bevorzugte Filtervariante. Im Gewirr der Kaffeeautomaten ist es allerdings gar nicht so einfach, den Plörre-Automaten zu finden. Es überwiegen die entgeltpflichtigen Spezialitätengeräte. Immerhin wird man hier nicht von starbucksmäßig nervendem Personal nach 1.000 Varianten gefragt, sondern drückt einfach den Knopf und gut. Als Newbies des IKEA-Frühstückserlebnisses hat uns die Suche nach dem Automaten natürlich wieder wertvolle Plätze in der davor befindlichen Schlage gekostet. Aber wir reihen uns artig ein, zapfen das braunwarme, koffeinhaltige Wasser und kippen einen Schuss Kondens- bzw. Rentnermilch, wie ich sie immer liebevoll nenne, hinzu.

Und dann, erst dann beginnt das wirkliche Abenteuer. Im naiven Glauben, es sei ja ein Wochentag außerhalb jeglicher Ferien, der Andrang könne nicht so groß sein, hatten wir die Raumsituation gründlich unterschätzt. Wir blicken uns um. Was wir sehen sind bereits voll belegte Tische und haufenweise über Lehnen liegende Klamotten. Quasi die Badetücher der IKEA-Profi-Frühstücker. Runde um Runde drehen wir und ich fange langsam an, “Mambo” von Grönemeyer zu singen. Nach gefühlten 5 Kilometern penibelster Tablettbalance zwischen herumtollenden Kindern, rücksichtslosen Studenten und überforderten Rollatorkapitänen finden wir dann doch noch ein freies Plätzchen, an dem wir uns niederlassen können. Mittlerweile ist der Kaffee kalt und Wurst und Käse haben sich kunstvoll gen Himmel gerollt.

Und während ich mein Brötchen aufschneide und belege fällt sie mir wieder ein, die Bedeutung, für die die Abkürzung IKEA wirklich steht:

Ich
Krieg
Einen
Anfall

Mahlzeit.

Bochum, Deine Radfahrer

Rennrad-Schatten

Wer mich kennt, der weiß, dass ich bekennender Radfahrer bin. Unsere Familie leistet sich “nur” ein Auto, was bislang auch vollkommen ausreichend ist. Ich arbeite glücklicherweise wohnortnah und auch des Juniors Kindergarten ist fußläufig bzw. radfahrerisch prima zu erreichen. Wer mich kennt, der weiß aber auch, dass ich weder besonders geduldig noch besonders in mir ruhend bin. Oder um es anders zu formulieren, ICH REGE MICH AUCH GERNE MAL AUF.

Und in den letzten Tage gab das eine mal wieder gepflegten Anlass für das andere. Dass Bochum trotz aller Prestige-Erzbahntrassen-Radwege (die ich durchaus schätze) kein Herz für Rad fahrende Verkehrsteilnehmer (dieser Begriff hat schon fast was euphemistisches) hat, das ist eigentlich keine Nachricht mehr Wert. Die Radwege, sofern überhaupt vorhanden, befährt man am besten nur mit vollgefederten Mountainbikes, quasi den SUVs unter den Fahrrädern.  Sie enden mitunter abrupt vor Bäumen, sind durchzogen von hochdrückenden Wurzeln oder fiesen Bodenwellen, werden weder von Laub, Müll noch von herumliegenden Ästen befreit oder gerne mal von Mannschaftsbussen der Polizei bei Radar- oder Verkehrskontrollen (“Ey, Sie sollten lieber einen Helm tragen!”) zugeparkt. Soll das Fahrradvolk doch sehen, wo es bleibt.

Man denkt, es könne kaum dämlicher gehen. Aber wir wären nicht Bochum, wenn wir das nicht doch schaffen würden. Da wird über Monate hinweg mit viel Aufwand die dringend nötige Restaurierung der Oskar-Hoffmann-Straße am Schauspielhaus betrieben. Kurz bevor die ansässigen Geschäfte und Cafés pleite sind, wird dann das erste Teilstück für den Verkehr freigegeben. Inklusive des Einmündungsbereiches Königsallee, Viktoria-Straße. Entlang der Viktoriastraße führt stadteinwärts links auf dem Gehweg ein rot gepflasterter Radweg entlang. Man umkurvt schlecht einzusehende Buswartehäuschen und Reklamewände, aber hey, immerhin ein Radweg. Man ist ja für Kleinigkeiten dankbar. Doch was haben sie jetzt an der Kreuzung gemacht? Auf dem Gehweg ist kein Bereich mehr für Radfahrer gepflastert. Es ist also völlig offen, ob diese den Gehweg weiter nutzen dürfen oder nicht. Kann man ja schonmal vergessen bei der modernen Stadtplanung. Aber wir wären nicht Bochum, könnten wir das nicht noch toppen. Der Fußgänger und Radfahrerübergang ist mit einem teilweise abgesenkten Bordstein versehen. Super. Da hat doch jemand an Rollifahrer, Eltern mit Kinderwagen und (vielleicht doch) Radfahrer gedacht. Naja, an letztere leider nicht. Wir erinnern uns, wo der Radweg auf dem Bürgersteig verortet war. Richtig, gut aufgepasst: Es war links. Macht ja auch Sinn. Und nun ratet mal, wo am Übergang der abgesenkte Bordstein zu finden ist. Richtig. Rechts. Ist ja auch voll gut, wenn jetzt alle Radfahrer schön den Laufweg der Fußgänger kreuzen müssen, um nach dem Überqueren der Straße wieder auf ihren Radweg zu gelangen. Da sind die Konflikte quasi vorprogrammiert. Und mal sehen, wie lang es dauert, bis der erste Unfalls dabei passiert.

Apropos Konflikte. Liebe laubentfernungsfanatische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Es ist KEINE, ich wiederhole gerne nochmal, KEINE Lösung, Euer nasses Dreckslaub einfach mit Schwung auf die Radwege zu blasen oder zu fegen. Für uns Radfahrer ist es nämlich ungefähr genauso schön, auf nassem Laub zu bremsen, wie auf einer spiegelglatten Eisfläche. So ein Verhalten ist unter aller Kanone. Am liebsten würde ich heimradeln, einen Besen holen und Euch den ganzen Dreck wieder gepflegt vor die Haustüre kehren.

So. Erwähnte ich eigentlich schon, dass Schreiben für mich sowas wie Katharsis ist. Spart die Couch und führt vor allem dazu, dass ich am Schreibtisch sitzen bleibe und nicht durch die Welt radle. Alles wird gut. Na also.

Bochum, Bier, Bambule

Es gibt da in der Stadt ein tolles, kostenloses Musikfestival namens Bochum total. Es hat mittlerweile hunderttausende Besucherinnen und Besucher und einen überregionalen Ruf. Soweit die Fakten.

Doch halt, der Begriff “kostenlos” ist nicht ganz richtig, denn natürlich kostet das Festival mit seinem feinen Line-Up und den zahlreichen Bühnen was. Nur nicht den Besucher. Den Veranstalter, die cooltour GmbH, hingegen schon. Um ein Festival dieser Größenordnung auf die Beine zu stellen, braucht es starke Partner und Sponsoren.

Einer eben dieser Partner war in den vergangenen Jahren die lokale Familienbrauerei Moritz Fiege. Sie trug mit ihrem jahrelangen Engagement dazu bei, dass das Festival sich zu dem entwickeln konnte, was es heute ist. Ein Bochumer Highlight mit Leuchtturmcharakter.

Nun haben der Veranstalter und die Brauerei ihre Kooperation beendet. Ab dem kommenden Jahr wird auf dem Festival das in Duisburg gebraute KöPi ausgeschenkt. Wenn man die zugehörige Mitteilung von Moritz Fiege liest, dann klingt es, als dieser Schritt recht einvernehmlich erfolgt. Wie es wirklich war, wissen wohl nur Veranstalter und Brauerei selbst.

Aber wie es so ist, bei Entscheidungen für Fußballclubs oder eine Biermarke ist der emotionale Rubikon schnell überschritten. Die Volksseele kocht, und der Zorn über die Entscheidung des Veranstalters entlädt sich bei Facebook. Und die üblichen Empörungswellensurfer machen sich das zu Nutze und mischen kräftig mit.

Da ist von Verrat die Rede und von Geldgier. Als ginge es nur darum, dass sich der Veranstalter die Taschen voll machen will. natürlich ist es eine wirtschaftliche Entscheidung, wenn man sich für einen starken, finanzkräftigeren Partner entscheidet. Offensichtlich konnte oder wollte Fiege sein Engagement nicht erhöhen. Dafür wird es gute Gründe geben, die zu beurteilen und bewerten mir nicht zusteht.

Das Engagement von Fiege wird dabei keine Einbahnstraße gewesen sein. Auch die Brauerei wird (hoffentlich) gut an dieser Entscheidung verdient haben. Es ist dieser Inkubatoreffekt, der das Engagement von Unternehmen wie Fiege, den Stadtwerken oder auch der Sparkasse und vielen anderen auszeichnet. Sie helfen dabei, Dinge wie Bochum Total oder auch das Zeltfestival Ruhr anzuschieben und erfolgreich zu machen. Dass irgendwann auch andere Unternehmen den Wert entdecken und aufspringen, kann man bedauern, ist aber kaum zu verhindern.

Was die Vergabe von Sponsoring-Geldern angeht, so wird man darüber immer trefflich streiten können. Es wird immer gute Argumente für und gegen bestimmte Sponsorings geben. Aus Unternehmenssicht muss sich dabei immer die Frage nach dem wie auch immer gearteten Gegenwert stellen. Denn ein Sponsoring ist keine Spende. Auch wenn das gerne mal verwechselt wird. Und was die Verteilung von Sponsoringgeldern insbesondere städtischer Tochterunternehmen angeht, halte ich Onlineabstimmungen für einen denkbar schlechten Weg, wie ja auch die Ergebnisse der letzten Aktionen hier in Bochum zeigen. Vielmehr würde ich eine Beiratslösung bevorzugen, bei der die Bürgerinnen und Bürger Vertreter wählen können, die den Unternehmen dann entsprechend beratend zur Seite stehen und auch berichten, warum welche Entscheidung getroffen wurde. Losverfahren sind hier ein zu intransparenter und willkürlicher Weg.

Nun nochmal zurück zum eigentlichen Thema. Cooltour will Bochum total weiterentwickeln. Offensichtlich braucht man dafür mehr Geld, als Fiege zahlen konnte oder wollte. Es ist also völlig legitim, sich einen neuen Partner zu suchen. Jeder Besucher und jede Besucherin hat es selbst in der Hand, ob er oder sie beim nächsten Festival zum KöPi greift oder nicht. Ich wage die Prognose, dass sich der Bierkonsum nur unwesentlich ändern wird. Dafür werden allein schon die vielen Besucher von außerhalb sorgen. Und im Bochumer Ruhrstadion hat es der Stimmung auch jahrelang keinen Abbruch getan, als noch Dortmunder (!!!) Kronen ausgeschenkt wurde.

Also, einfach mal das Bierzelt im Dorf lassen. Prost.

Einlösung einer Wettschuld :: Ich habe wirklich an Dortmund geglaubt

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So, hier nun die öffentliche Einlösung meiner Wettschuld. Das passiert, wenn man wirklich an die Dortmunder glaubt. Der fotografierende Kollege meinte nur mitleidig: “Boah, ist das fies.” Und meine Großraumbüromitbewohnerinnen haben sich sogar als Zeuginnen angeboten, wenn ich es gleich wieder ausziehen würde.

Aber so ist er nicht, der Pottler. Er steht mannhaft zu seinen Missetaten und Fehlgriffen.

Falls irgendjemand nach dem heutigen Tag Interesse an Polo-Shirt und Schal hat, lasst es mich wissen. Ich wüsste es gern an würdigeren Körpern denn meinem.

Helden? Was für Helden?

Heldenmarkt Bochum 2013

Ich war am Sonntag auf dem “Heldenmarkt” in der Bochumer Jahrhunderthalle. Jetzt denkt Ihr vielleicht, na was will der denn auf einer Auktion für ausgemusterte Actiondarsteller, die ihre übernatürlichen Kräfte noch ein letztes Mal marktschreierisch anpreisen dürfen, doch weit gefehlt. Der “Heldenmarkt” ist eine “Messe für nachhaltigen Konsum”. Aha. Nachhaltiger Konsum macht einen jetzt also schon zum Helden. Dass es so einfach ist, hätte ich nun wirklich nicht gedacht.

Der Besuch des Heldenmarktes war ein gleichermaßen beruflicher wie privater Termin. Deswegen tue ich mich mit meiner Rückmeldung auch etwas schwer, denn ich will bewusst die private Sicht von der beruflichen trennen. Hier nun also mein private Sicht auf die Dinge.

Der erste Punkt, der mich geärgert hat, war der aus meiner Sicht zu hohe Eintrittspreis. 9,50 Euro pro Person für eine Verkaufsmesse ist überteuert. Nicht, dass ich ihn mir nicht leisten kann oder will, aber so ein Preis grenzt aus. Ich bin strikter Verfechter der Ansicht, dass Nachhaltigkeit, will sie denn langfristig wirksam und erfolgreich sein, in die Mitte der Gesellschaft gehört. Es darf kein Thema besserverdienender oder besseelt engagierter Eliten bleiben. Wenn wir wollen, dass Menschen begreifen, wie wichtig verantwortungsvolles und sozial-ökologisches Handeln auch bei unseren alltäglichen Lebensentscheidungen ist, dann darf eine solche Veranstaltung keine Hürden in Form überhöhter Eintrittspreise haben.

Sonst passiert nämlich genau das, was sooft in dieser Szene passiert und wie man es auch beim Heldenmarkt beobachten konnte. Man bleibt schön unter sich, stoffelt beseelt durch die Gänge, fühlt sich selbst ganz prima und klopft hin und wieder dem ein oder anderen Aussteller anerkennend auf die Schulter. Apropos Aussteller. Bei der Messe ging es ja neben Konsum auch um Design. Bei der Konzeption der Stände war davon wenig bis gar nichts zu spüren. Anordnung und Look der Stände hatten mehr Flohmarkt- denn Messecharakter. Vielleicht sollte man da beim Veranstaltungsclaim einfach eine Nummer bescheidener bleiben.

Aber ich will nicht nur granteln. Die Mischung der Aussteller an sich war gut. Selbst für mich war – beruflich wie privat – einiges Neues dabei. Von den gemeinnützigen Werkstätten, über nette Kleinigkeiten bishin zu verrückt umgewidmetem Gebrauchtmobiliar war viel Spannendes dabei. In Sachen Inspiration und Wissenszuwachs hat die “Messe” ihren Job gemacht, auch wenn wir nichts gekauft haben.

Insgesamt hat mir die Veranstaltung gezeigt, dass vor den Anbietern sozial-ökologischer Produkte und Dienstleistungen noch ein langer und aus meiner Sicht steiniger Weg liegt, wenn es darum geht, nachzuweisen, dass Nachhaltigkeit keine Nische mehr ist. Mit Unternehmen wie manomama gibt es einige Hoffnungsträger, die sich ernsthaft und ohne die eigene Zielgruppe zu moralisieren auf den Weg machen. Aber es sind noch zu wenige, die sich aus dem eigenen, von der Sonne warmgeschienenen Teich aufmachen und in Richtung offene See aufbrechen. Aber wenn es nicht mehr werden, wird das Thema immer Nische bleiben. Und das wäre schade.

Nochmal Opel – die Musik spielt längst woanders

Opel Solidaritätsfest - Wir bleiben Bochum

Die Band des Bochumer Schauspielhauses beim Bochumer Opel-Solidaritätsfest am 03.03.2013

Seit gestern Abend ist es amtlich. Die Bochumer Opelanerinnen und Opelander haben den “Sanierungsplan” mit einer Mehrheit von 76 % abgelehnt. Meine Meinung zum Thema Opel tat ich bereits vor einigen Wochen kund. An eine Rettung des Werkes glaube ich persönlich nicht mehr.

Aber ebenso wie ich vor einiger Zeit meine Solidarität mit den Betroffenen zum Ausdruck brachte, so zolle ich ihnen jetzt Respekt für diese Entscheidung. Es ist ein klare Haltung, “Nein” zu diesem Sanierungsplan zu sagen, der an vielen Stellen nichts anderes als eine Erpressung der Belegschaft war und zudem die Standorte gepflegt gegeneinander ausspielt. Ich kann gut verstehen, dass die Opelaner dieses “Angebot” angesichts der jahrelangen Erfahrung mit Wortbrüchen und leeren Versprechungen nicht akzeptieren wollten. Meiner Meinung nach hatte diese Abstimmung letztlich keine andere Aufgabe, als die Schließung des Werkes quasi durch die eigene Belegschaft legitimieren zu lassen. Man kennt das ja aus der Politik. Wenn Politiker aus macht- und wahltaktischen Gründen Angst vor Entscheidungen haben, wälzen sie diese gern auf die Gerichte oder die Bürger ab.

Traurig macht mich dabei die Erkenntnis, dass es um die Solidarität der Mitarbeiter der unterschiedlichen Standorte offenbar nicht gut bestellt ist. Und dass sich insbesondere Gewerkschaften auf ein solches Spiel einlassen, ist ein Offenbarungseid für ihre Arbeit.

Jeder Popel fuhr ‘nen Opel

Solidarität mit Opel

Ich hoffe auf gutes Wetter für Bochum. Heute. Denn in der Stadt passiert etwas Wichtiges. Alle Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, Ihre Solidarität mit den von der Werksschließung bedrohten Opel-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu bekunden. Quer durch alle gesellschaftlichen Schichten, vom Schauspielhaus über die Gewerkschaft bishin zum lokalen Bäcker haben sich in den letzten Tagen zahlreiche Unternehmen und Initiativen solidarisch mit den Betroffenen erklärt.

Um es klar zu sagen: Ich glaube nicht, dass das vor 50 Jahren gegründete Opel-Werk in Bochum noch eine reelle Chance hat, der Schließung zu entgehen. Zu groß sind die Managementfehler der Vergangenheit, zu ramponiert das Image, zu unklar die Zukunft der Marke an sich. Hier in der Stadt hat wahrscheinlich jeder, der schon länger hier lebt, eine wie auch immer geartete Beziehung zu Opel. Mein Vater arbeitete jahrzehntelang bei einer Bauunternehmung, die viel für Opel gearbeitet hat. Es war selbstverständlich, dass die Firmenwagen von Opel kamen. Es war für meine Brüder und mich quasi zwangsläufig, dass unsere ersten Autos jeweils von Opel kamen. Auch wenn man dafür außerhalb der Region immer schon den Preis eines milden Lächelns zahlte, fühlten sich die VW-Fahrer immer schon etwas “erhabener”, konnte ein Kadett eben nicht gegen einen Golf anstinken. “Jeder Popel fährt ‘nen Opel” war ja so ein geflügelter Spruch. Aber es war ja auch wirklich so, dass Opel hier das Straßenbild über Jahrzehnte geprägt hat.

Diese goldenen Zeiten sind vorbei, die amerikanischen Manager und oftmals auch ihre angestellten deutsche Führungskräfte, sind an Standortfragen nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen interessiert. Menschen sind da im Kalkül eher hinderlich und werden ebenfalls auf ökonomische Größen und Kennzahlen reduziert. Dann muss man sich ja auch nicht die Gewissens- und Verantwortungsfrage stellen. Es ist am Ende bequemer.

Und gerade aus diesen Gründen finde ich es wichtig, ja geradezu meine Pflicht, den mehr als 4.000 Menschen, die mit ihren Familien seit vielen Jahren unter der ungeklärten Situation leiden, zu signalisieren, dass sie nicht alleine sind. Zu zeigem, dass es Bürgerinnen und Bürger, dass es Unternehmen gibt, die sich Gedanken über die Zukunft der Stadt machen. Bürger, die diese Stadt zukunftsfähig erhalten und vor allem weiter gestalten wollen, auch für eine Ära nach Opel. Das Schlimmste, was der Stadt und ihren Menschen passieren könnte, wäre in einer resignierten Lethargie zu versinken. Frei nach dem Motto: Wir können eh nichts gestalten und sind ‘denen da oben’ hilflos ausgeliefert.

Ich wünsche mir, dass von dem heutigen Tag ein Zeichen ausgeht, ein Impuls. Eine kleine Initialzündung, dass wir als Bürger dieser Stadt die Zukunft in dieser Stadt ein Stück weit selbst in die Hand nehmen. Dafür braucht es Ideen und Initiativen. Und Initiative heißt am Ende nicht nur reden, sondern auch handeln. Vor fast 40 Jahren haben ein paar Bochumer Bürger, die eine Schule gründen wollten, mangels Bereitschaft der lokalen Banken, dieses Risiko eingehen zu wollen, eine eigene Bank gegründet. Eine Bank, die anders war als alle Banken, die es bis dahin gegeben hat. Nun hat diese Bank, die GLS Bank, mehr als 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist aktuell als nachhaltigstes Unternehmen Deutschlands ausgezeichnet worden. Sie ist Vorbild andere, Inspiration und Anziehungspunkt.

Was könnte für Bochum das neue “Opel” sein? Wo könnten Keimzellen für zukunftsweisende Geschäfts- und Wirtschaftsmodelle liegen? Mit unseren zahlreichen Hochschulen haben wir die besten Voraussetzungen, diese Keimzellen zu entdecken. Hier wird geforscht, erprobt, gegründet. Hier gilt es, wachsam zu sein, Dinge anzuschieben, Engagement zu fördern. Wir brauchen Unternehmen und Menschen, die schon heute die Antworten auf die Herausforderungen von morgen erahnen. Das lässt sich kaum mit Rezepten von gestern erreichen.

Und deshalb ist es so wichtig, den Mut nicht sinken zu lassen, Zeichen zu setzen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Glück auf, Bochum!

>> die wichtigsten Infos zum Thema und zum Fest findet Ihr auf “wir gemeinsam”
>> (leider ziemlich maue) Infos zum Solidaritätsfest für Opel in Bochum bei “Der Westen”

 

Und zum Schluss noch der Solidaritätssong von Nicola Mastroberardino, Ensemblemitglied am Bochumer Schauspielhaus.

Risiken aus Detroit – Chance(n) für Bochum?

Vielleicht sollte man sich in Bochum langsam Gedanken machen, wie die Zeit nach dem Weggang von Unternehmen wie Opel und ThyssenKrupp hier aussehen könnte. Offenbar müssen wir uns endgültig darauf gefasst machen, kein bedeutender Industriestandort mehr zu sein. Doch was folgt nach?

Wie wollen Stadtentwickler, Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerinnen und Bürger die entstehenden Lücken füllen? Wo liegen neue Chancen zur Entwicklung? Wie kann die Stadt attraktiv für neue Unternehmen werden? Und was sollen das für Unternehmen sein? Nie war die Zeit reifer, endlich neu zu denken und eine positive Vision zu entwickeln. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, jetzt in Schockstarre über die erneut schlechten Nachrichten zu verharren.

Und die hohen Herren von General Motors in Detroit sollten sich Gedanken über eine am Menschen orientierte Unternehmensführung machen. Es ist die eine Sache, bei dauerhaften Defiziten (so es denn welche sind) Werke oder Standorte zu schließen. Aber es ist eine andere Sache, über numehr fast ein Jahrzehnt ständig mit Werksschließungen zu drohen, Mitarbeiter unter Druck zu setzen und diese in einer permanenten Angst um ihre Arbeitsplätze verharren zu lassen.

Mitmenschliche Verantwortung sieht anders aus.