re:turn of the blogs – ein re:view zur re:publica 2012

Es braucht dringend eine Renaissance der Blogs. Einfacher und plakativer lassen sich die drei Tage re:publica in Berlin nicht zusammenfassen. Aus dem einstigen Klassentreffen der Internetszene wird mehr und mehr ein Massentreffen. Die Konferenz öffnet sich, immer mehr Unternehmen entdecken sie als Plattform für nicht immer gelungene Anbiederung bei der Zielgruppe. Der gefühlte Businesskasper-Anteil nimmt zu.

Die neue Location tut der Konferenz gut. Das große Forum zwischen den Vortragsräumlichkeiten lädt zum Austausch und Netzwerken ein. Ein gelungener Wechsel vom viel zu klein gewordenen Friedrichstadtpalast samt Kalkscheunen-Appendix. Hier gebührt den Machern, Organisatoren und Helfern großes Lob und wohlmeinender Dank.

Auch das Programm war vielfältig bunt. So bunt wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch. Meine Agenda dieser Tage war vor allem geprägt von Netzpolitik- und Finanzthemen. Fragen wie “Wie verändern wir die Welt?” oder “Chancen und Potenziale für Crowdfunding” seien hier beispielhaft genannt. Was mich bisweilen schockierte war die Qualität der Panelmoderatoren. Viel zu oft wirkten diese den Diskutanten thematisch nicht gewachsen, schlecht vorbereitet oder schlichtweg überheblich. Interessant, dass es sich dabei überdurchschnittlich oft um Journalisten oder Unternehmensberater handelte. Ein Schelm, wer hier Böses denkt.

Welche Erkenntnisse nehme ich für mich mit aus den zwei Tagen?

Zum Einen hat mich Sascha Lobos “flauschige” Analyse in ihrer Brillianz und Humoristik durchaus beeindruckt. Er hielt uns Teilnehmern auf eine nette Art und Weise den Spiegel vor und blickte scharfsinnig auf den Status Quo und die Zukunft des Nets. Er rief dazu auf, dass die Internetler die Internotler, wie er sie nannte, nicht aus dem Blick verlieren sollten. Ein kleiner, feiner, aber durchaus berechtigter Seitenhieb auf die auch auf der re:publica überall spürbare Selbstreferentialität der Szene. Die wichtigste Forderung von Lobo, es brauche dringend eine Renaissance des Bloggens – und zwar auf eigenen Plattformen, wurde mit deutlich mehrheitlichem Nicken aufgeworfen. Überhaupt wurde sehr kritisch über die Sozialen Netzwerke, die sich auf mehr oder weniger geschlossenen Plattformen wie Facebook oder google+ organisieren, diskutiert. Was mich dabei total überraschte war, dass Alternativen wie diaspora gar nicht oder allenfalls am Rande diskutiert wurden. Sehr traurig, dass dieses Netzwerk in der Szene so gar nicht landet.

Beim Thema Urheberrecht kann ich nicht mit neuen Erkenntnissen überraschen. Mit Ausnahme vielleicht dessen, dass die Piraten in der re:publica-Szene eine nicht so große Rolle spielen, wie ich vermutet hätte. Was mich persönlich wieder beruhigt. Festzustellen bleibt, dass es beim Urheberrecht angesichts der Komplexität des Themas wohl komplexer Lösungen bedarf. Diese werden jedoch kaum gedacht, da die Gräben zwischen den Fronten der Hardliner auf allen Seiten fast unüberwindbar groß erscheinen. Schade, denn gerade hier wäre die re:publica ein Ort gewesen, mal ein paar konstruktive und belastbare Brücken zu bauen. Thierry Chervel hat im Perlentaucher übrigens Kluges dazu geschrieben.

Ein weiteres Schwerpunktthema meines re:publica-Besuchs waren Finanzen. Das erste Panel, das ich dazu besuchte war die Verleihung des comdirect awards für das Finanzblog des Jahres. Schon die Moderation strotzte vor Buzzwords und auch die Podiumsteilnehmer (Manschettenknöpfe) ließen schnell erkennen, dass es sich inhaltlich eigentlich nur ums Börsenbloggen und die Kommerzialisierung der Inhalte drehte. Wie kann man auch mit Finanzblogs möglichst viel Geld verdienen. Finanzbildung und Verbraucheraufklärung spielten in der ganzen Zeit keine Rolle. Nach rund 30 Minuten fiel dieser Satz und ich hielt es nicht mehr aus und floh.

Am letzten re:publica-Tag ging es auf der Sub-Konferenz co:funding um die Themen crowdfunding und crowdinvesting. Dabei handelt es sich um communitybasierte Finanzierungsmodelle für Ideen, Unternehmen, Projejte, was auch immer. Zu Beginn stellte Prof. Will aktuelle Studienergebnisse vor, die sich mit der Motivation der Investoren auf crowdfunding-Plattformen beschäftigt haben. Spannendes Ergebnis dabei war, dass die Motivation für eine Investition vor allem intrinsisch emotionaler Art ist. Was bei mir angesichts des community-Aspekts Zweifel hervorruft. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Investitionen dieser Art nicht auch mit einem “Seht her, ich tue Gutes und rede darüber” verbunden sind. Das ist ja auch gar nicht verwerflich. Im Gegenteil. Genau solche Berichte sorgen ja erst dafür, dass für die Plattformen und Projekte Reichweite zustande kommt. Es sollte also sogar das Ziel sein, genau diese Effekte anzustoßen und zu fördern.

Sehr spannend war dann die zweite Keynote von Slava Rubin von indiegogo. In einem unterhaltsamen Vortrag (hey, das deutsche Publikum kann sogar lachen) stellte er die Plattform vor, die offen ist für Projekte jeglicher Art. Sogar die künstliche Befruchtung für ein Baby wurde bereits über die Plattform finanziert. Rubin mutmaßte am Ende, dass das Kind jetzt wahrscheinlich “Indie” hieße.

Im letzten Panel, das ich mir auf der co:funding anschaute wurde dann die spannende Frage diskutiert, ob ich mir künftig Sorgen um meinen Job machen muss. Ob also Crowdfunding eine ernsthafte Konkurrenz zum klassischen Bankgeschäft wird. Auf dem Panel diskutierten Boris Janek von der VR Networld, Finanzjournalist und Szenekenner Lothar Lochmaier sowie Dr. Guido Sandler, Mitgründer der neuen Crowdinvesting-Plattform “Bergfürst“. Neue Erkenntnisse konnte ich dabei jedoch nicht gewinnen. Ob Crowdfunding in Deutschland wirklich Zukunft hat, ob es europäische Lösungen braucht, inwieweit Konsolidierungen bei den Anbietern erforderlich sind – all das hatte Züge eines Blicks in eine doch arg vernebelte Glaskugel.

Was ein bisschen nervte, war die sehr intensive Werbung für die Crowdinvesting-Plattform von Bergfürst. Zugegeben ein sehr spannendes Konzept eines virtuellen Emissionshauses verknüpft mit einer Handelsplattform. Finanziert werden ausschließlich Wachstumsinvestitionen ab 2. Mio. Euro, also keine Unternehmensgründungen, kein Kleinvieh. Klingt ein bisschen nach einer Sicherheitsnummer und wildert natürlich sehr im Geschäftsfeld mittelständischer Banken. Auch wenn Dr. Sandler frechweg behauptete, dass das ja Themen wären, an denen Banken eh kein Interesse hätten. Meine Erfahrung ist da ein bisschen anders. Ich finde die neue Plattform durchaus spannend. Noch spannender finde ich allerdings die Frage, ob in einem Land wie Deutschland, das schon über keine ausgeprägte Aktienkultur verfügt, solche Modelle wirklich ihren Markt finden. Was die nächsten Jahre hier wohl bringen werden?

Der weitere bunte Blumenstrauß an Themen, mit denen ich mich auf der re:publica befasst habe, ist wirklich zu bunt, als dass ich auf alle eingehen könnte. Schön war der gemeinsame Abend mit Cindy Gallop in der Bar des Mövenpick-Hotels, über dessen Inhalte – bis auf die Tatsache, dass wir sicher ein lustiges Paar abgegeben haben (sie im kleinen Schwarzen mit Stilettos, ich im blauweißen Dönninghaus-T-Shirt und Jeans) – ich mich hier aus Gründen ausschweige. Beeindruckend, mit welcher Power diese Frau bei diesem wichtigen Thema im prüden Amerika zu Werke geht.

Alles in allem ziehe ich ein absolut zufriedenes Fazit der drei Tage. Schade, dass ich durch einige berufliche Termine einige spannende Themen verpasst habe. Mein Dank gilt noch einmal dem tollen Team um Johnny und Markus. Ihr habt das super organisiert und ein tolles Programm auf die Beine gestellt. Beim nächsten Mal möchte ich dann gern aktiv mit einer Session zu Diaspora dabei sein.

Achja und eines noch, das darf in keinem Jahr fehlen: WLAN wär nicht schlecht ;-)

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