post Kategorie: Allgemeines,Leben,Netz und Co.,Web post Kommentar (1) post6. Juli 2010

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einem vor Augen führen, wie schnell sich die Welt verändert. Es ist ein paar Tage her, dass ich mein jährliches Erdenjubiläum begehen durfte (es geht nun stramm auf die 40 zu). Es war nicht das Älterwerden an sich, dass mich über die Veränderungsgeschwindigkeit nachdenken ließ, vielmehr war es die Art und Weise, wie– und vor allem auch welche – Geburtstagswünsche mich erreichten.
Früher wurde per Postkarte und – so man sich etwas näher stand – telefonisch gratuliert. Während des Studiums begann es dann, dass die Wünsche mehr und mehr per Email oder mittels „wunderschöner“, animierter E-Cards erreichten. Soweit so nett. Entfernungen spielten dabei zunehmend weniger eine Rolle. Auch die Kommilitonen, die im Ausland verweilten, konnte so problemlos ihre Glückwünsche mitteilen. Kurz darauf begann dann der Siegeszug der Mobiltelefone. Kryptische Glückwünsche in 120 Zeichen mit „GLG“ und Initialen als Absenderangaben fanden sich pünktlich zu den Ehrentagen auf den Displays. Man konnte erahnen, wer in seinem Mobiltelefon Geburtstagskalender pflegte, trudelten dich auf einmal Glückwünsche von Menschen ein, mit denen man nie gerechnet hätte.
Kurz darauf ging es dann via xing los. Geschäftspartner gratulierten, nutzen die nette Geburtstagsinfo, sich „unauffällig“ wieder in Erinnerung zu bringen und so ganz en passant zu fragen, ob man nicht mal „wieder was zusammen machen wolle“.
Wieder kurze Zeit später entdeckte die Welt dann twitter. Glückwünsche in 140 Zeichen. Hier dann auch erstmals von Menschen, die man vielleicht noch nie zuvor persönlich zu Gesicht bekommen hatte.
Und in diesem Jahr? In diesem Jahr wahr es das erste Mal – eigene empirische Untersuchung haben dies zweifelsfrei ergeben -, dass die Mehrheit der Glückwünsche bei facebook eintrudelte. Und zwar mit weitem Abstand.
Mich hat das stutzig gemacht. Und nachdenklich. Dieses kleine Beispiel zeigt doch sehr anschaulich, wie sich Kommunikation verändert. Und wie auch wir uns mit den neuen Kommunikationsmitteln und –medien verändern. Das Leben wird schnelllebiger, transparenter. Ich habe das Gefühl, dass der Begriff der Echtzeit immer unmittelbarer wird. Doch was ist daran wirklich „echt“? Eine Frage, die ich mir bislang noch nicht abschließend beantworten konnte.
Hin und wieder habe ich das Gefühl, Getriebener dieser zunehmenden Schnellligkeit zu sein. Diese Schnelligkeit hat jedoch nur wenig mit „echt sein“ zu tun. Hier geht es darum, als erster eine Information vorliegen zu haben, als erster, den richtigen Riecher zu beweisen, an der Spitze der Bewegung zu sein. Doch welche Bewegung ist das? Eine mit Gehalt? Eine, die wirklich „Mehrwert“ in meinem Leben generier? Es ist wie eine gewaltige Welle, die einen in einem unachtsamen Moment an die nächste Klippe zu werfen droht.
Doch dann gibt es sie wieder, die „echten“ Momente. Das sind die Momente, in denen ich merke, wie diese Bewegung tatsächlich tragen kann. Das sind Momente, in denen sich im Social Web Unterstützung formiert. Wo kontrovers und mit Tiefgang diskutiert. Abseits von Trollverhalten und dummer Selbstreferenzierung. Oft sind es die Momente, wo sich das virtuelle eine Brücke ins reale Leben bahnt. Wo man die Protagonisten hinter den Zeilen persönlich kennenlernt. Auf Barcamps, auf Webkonferenzen oder bei Twittwoch-Abenden. Virtuelle Identitäten bekommen dann reale Gesichter. Und in den allermeisten Fällen ist die Überraschung positiv. Nur selten bin ich bislang enttäuscht worden. Es sind spannende Menschen. Menschen mit Geschichten, die sonst nie erzählt worden wären. Menschen mit Biografien, die sonst komplett verborgen geblieben wären. Menschen mit einem kreativen Potenzial, das seinesgleichen sucht.
In diesen Begegnungen spüre ich, warum ich im Social Web unterwegs bin. Warum es mittlerweile auch ein fester Bestandteil sowohl meines beruflichen wie auch meines privaten Alltags ist. Ich spüre, dass dieses „soziale Netz“ tatsächlich wie eine große, lange Welle für einen echten Surfer ist. Es gilt, die kritische Balance zu wahren. Die Balance auf einem schmalen Grat zwischen dem Gefühl, von etwas Großartigem getragen zu sein ohne den Halt zu verlieren und der Angst, an den nächsten Klippen zu zerschellen.

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#1

Treffend und schön beschrieben.

Weltentummler geschrieben am 7. Juli 2010 - 08:24
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