Pott-Kultur (2007 revisited)

„Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser als man glaubt.“ Wer kennt sie nicht, die berühmten Anfangsworte aus Herbert Grönemeyers Heimathymne „Bochum“. Sie sind, obwohl sicher ein klassisches Stück Pop-Geschichte, ein kleiner Teil dessen, was ich unter dem Begriff „Pott-Kultur“ zusammenfassen würde.

Doch eins nach dem anderen. Es liegt schon einige Jahre zurück, dass im Rahmen einer studentischen Geburtstagsfete im Bekanntenkreis eine heftige Diskussion entbrannte. Entzündet hatte sich diese an der Musikauswahl der Gastgeberin. Auf einmal stand das Wort vom „Mainstream“ im Raum. Wie in studentischen Kreisen – insbesondere den geisteswissenschaftlichen – üblich, distanzierte man sich auf das Schärfste. „Mainstream“ ginge ja gar nicht. Es müsse schon etwas „Anspruchsvolles“ sein. Danach befragt, was denn unter etwas „Anspruchsvollem“ verstanden würde, begann eine wilde Aufzählung von Songs, Interpreten und Genres, von denen ich – trotz meiner grenzenlosen Musikbegeistertheit – bis zu diesem Abend noch nie oder allenfalls beiläufig etwas gehört hatte. Genüsslich machte man sich über die heutige „Pop-Kultur“ her, grenzte sich mit wildesten Thesen und an den Haaren herbei gezogenen Argumenten vom „Mainstream“ ab.
Dabei beschlich mich einmal mehr ein gewisses Unwohlsein. Da war er wieder, der viel bemühte und immer wieder heraufbeschworene Gegensatz zwischen „Kultur“ und „Mainstream“ – in diesem Falle verkörpert durch das, was gemeinhin als Pop-Musik bezeichnet wird. Dazu befragt, wie ich denn zu der Sache stehe, gab ich an, „irgendwie alles zu hören“. Das hatte natürlich nichts mit meinem glänzenden Hörvermögen zu tun sondern mit der Tatsache, dass ich mich keinerlei Genre-Grenzen verpflichtet fühlte. Was mir gefällt, das höre ich eben. Dabei ist es mir egal, ob das ein Radio-Song ist, der 10mal täglich gespielt wird, oder eine CD, die ich im Eigenverkauf vom Künstler selbst auf einem kleinen Jazz-Festival erstanden habe.

Aber vielleicht hat auch das eine Geschichte. Meine eben. Angefangen hat bei mir alles mit der klassischen Ausbildung in der Musikschule. Klassisch ging es dann im Schulorchester weiter. Doch das wurde mir irgendwann zu langweilig, sodass ich mich entschloss, mich der grenzgenialen Schulband „Schreie hinter Klostermauern“ (ich war auf einem ehemaligen Mädchengymnasium) anzuschließen um schließlich in einer kleinen Jazz-Combo zu enden. Je nach Stimmungslage und zu beeindruckendem weiblichen Geschlecht fanden sich in meiner „wilden Zeit“ auch Interpreten wie „Pur“ oder „Chris de Burgh“ in meinen CD-Regalen wieder. Auch wenn ich es heute nur widerwillig zugebe, befanden sich neben diesen sogar noch „Modern Talking“ und „Sandra“ auf Silberlinge gepresst in meinem Besitz. Und dennoch möchte ich deswegen nicht als Kulturbanause bezeichnet werden.

Auf dem Heimweg von der Party führte der Weg durch das nächtliche Ruhrgebiet. Und irgendwie ließ mich dabei ein Gedanke nicht mehr los. Ist es in Ordnung, Pop-Musik pauschal als nicht zur Kultur gehörend abzutun? Noch während ich darüber nachdachte, ging die Fahrt vorbei an großen, verlassenen Kathedralen der Industriegeschichte des Ruhrgebiets. An Musical-Theatern in alten Werkshallen, Diskotheken in stillgelegten Zechengebäuden und Kulturzentren in verlassenen Bahnhofsgebäuden. Eine typische Ruhrgebietsmelange eben. Wo, wenn nicht hier zerfließen die konstruierten Grenzen zwischen populärem Mainstream und Kultur? Das Ruhrgebiet als großer Schmelztiegel. Nicht nur im realen, sondern auch im übertragenen Sinne.

Schon immer war dieser Ballungsraum, von seinen Bewohnern auch liebevoll „Pott“ genannt, geprägt von diesen scheinbaren Widersprüchen. Neben der allseits bekannten und bis heute noch die Vorstellung vieler prägenden Schwerindustrie mit ihren qualmenden Schloten, den Stahlwerken, die den Abendhimmel weithin sichtbar rot färbten und den sich tief in die Erde hinein grabenden Zechen gab es schon immer eine blühende Kulturlandschaft. Bereits früh erwarben sich Kulturinstitutionen wie das Bochumer Schauspielhaus oder das Essener Folkwang-Museum weit über die Grenzen der Ruhrregion hinaus einen glänzenden Ruf.

Nun hätte man befürchten können, dass diese lebendige Kulturlandschaft mit dem massiven Strukturwandel, der seit den 70er Jahren zigtausende Menschen in Arbeitslosigkeit und soziale Not stürzte, ebenfalls vom Zusammenbruch bedroht gewesen wäre.

Aber das Gegenteil war der Fall. Gerade das reichhaltige Kulturangebot war es, was vielen Menschen auch in diesen schweren Zeiten Halt bot. Mit dem Zechensterben und der Krise der Stahlindustrie wandelte sich auch die Kulturlandschaft zusehends. Doch auch im Ruhrgebiet vollzog sich dieser kulturelle Wandel nicht ohne Widerstände. Nur zu gut erinnere ich mich an den Aufschrei, als Ende der achtziger Jahre in meiner Heimatstadt der Neubau eines Musicaltheaters geplant und beschlossen wurde. Die (vermeintlich) intellektuelle Kultur-Szene rund um Schauspielhaus und Bochumer Symphoniker echauffierte sich über die Millionen, die die Stadt doch lieber in die Förderung der „wahren Kultur“ hätte stecken sollen. Von solch Geld verschlingenden, „populären“ Projekten solle man doch lieber die Finger lassen. Doch mit dem Erfolg des Musicals, das mittlerweile ins 18. Jahr geht, wurden die Stimmen immer leiser. Viele Musical-Besucher kamen eben nicht nur für die zweistündige Vorstellung, sondern besuchten auch andere Sehenswürdigkeiten der Region. Ein vermeintlich populäres Projekt brachte auch für andere, weniger populäre Kulturangebote den Aufschwung.

Viele Menschen fanden in diesem Umfeld Arbeit. Ehemalige Werks- und Zechengelände wurden zu Orten der Kultur umfunktioniert, wovon die mittlerweile auch überregional bekannte „Route Industriekultur“ zeugt. Ganzjährig herrscht hier ein lebendiges kulturelles Leben. Sei es im Rahmen von Ausstellungen (Design auf Zeche Zollverein), Jazzfestivals (Traumzeit-Festival im Landschaftspark Duisburg, einem ehemaligen Stahlwerk) der Ruhrtriennale (Spielorte wie die Jahrhunderthalle in Bochum) oder den unzähligen Kleinkunstveranstaltungen (zum Beispiel im Ebertbad in Oberhausen oder der Kaue in Gelsenkirchen). Ehemalige Orte der Arbeit bleiben so lebendig, ihre Geschichte wird in einen neuen Kontext gesetzt.

Und noch etwas fasziniert mich immer wieder. All diese Angebote sind hier tief verwurzelt in der Bevölkerung und stoßen auf breite Resonanz. Sind eben das, was man gemeinhin als „populär“ bezeichnet. Doch was heißt „populär“ denn vom Wortsinn her anderes, als dass sich das Angebot eine breite Bevölkerung richtet und von dieser auch angenommen wird. Hier sitzt im Schauspielhaus eben neben dem Bildungsbürger genauso der Student wie auch der viel beschworene „kleine Mann“.

Das Angebot zwischen Duisburg im Westen und Unna im Osten, Hattingen im Süden und Herten im Norden ist ebenso bunt wie die Bevölkerung in diesem Schmelztiegel. Für jeden ist etwas dabei. Jeden Tag. In jedem Bereich. Kultur ist im besten Sinne „populär“ geworden. Pott-Kultur ist Pop-Kultur im besten Sinne. Kultur für die Menschen.

So kann ich alle Leser nur einladen, starre Wertungs- und Denkmuster aufzubrechen. Mit offenen Augen und weitem Herzen durch die Welt gehen, neugierig sein, Dinge ausprobieren und sich auf Neues einzulassen. Unabhängig davon, ob es populär ist, oder nicht.

Das Ruhrgebiet hat es vorgemacht. „Der Pott kocht“ nicht nur, wie ein alter Werbeslogan es treffend auf den Punkt brachte. Nein, der Pott rockt auch. Ungemein. Ob mit Theater, Kunst, Klassik, Jazz, Pop oder Literatur. Kultur von engagierten Menschen für alle, die sich darauf einlassen. Das Ruhrgebiet ist mit Essen als „Frontstadt“ Kulturhauptstadt Europas für das 2010. Ein Besuch lohnt. Garantiert. Auch vorher schon.

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Dieser Artikel wurde bereits vor langer, langer Zeit als Cover-Story in mindestenshaltbar veröffentlicht. Irgendwie war mir danach, ihn hier erneut zu posten. Ich meine, dass er nichts an Bedeutung verloren hat. Gerade im Hinblick auf die Kulturstadt Ruhr 2010.

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3 schräge Töne zu “Pott-Kultur (2007 revisited)

  1. Pingback: Pottblog

  2. schön geschrieben. ach, wie ich diese liebeshymnen auf unseren charmanten ballungsraum schätze. ich habe in deutschland schon viele gegenden und städte schätzen gelernt und schon in vielen städten gewohnt. aber nie kam etwas an dieses etwa 5 millionen menschen umfassende metropolis auch nur annähernd heran. home is where my heart is …

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