bahnblogging XIII – [un]ruhezonen

Nu machense sich ma nich ins Hemd.” ist der Satz, der mir von der letzten Bahnfahrt unter dem Strich im Gedächtnis geblieben ist.

Bei meiner wöchentlichen Rückfahrt in die Heimat reserviere ich meinen Sitzplatz, wenn das möglich ist, in der so genannten “Ruhezone”. Leider führt diese in schöner Regelmäßigkeit dazu, dass ich gestresster und verärgerter als beabsichtigt nach Hause komme. So auch an diesem Freitag.

Wie immer ist der aus Berlin kommende ICE gerammelt voll, alle Sitzplätze sind belegt. Auch die Gänge sind voll mir gut getarnten WDLs auf ihren See- und Rucksäcken und sonstigen Reservierungslosen. Wie immer packe ich meinen Reiseproviant – bestehend aus einer Honignussecke aus dem Bioladen und einer kleinen Flasche stilles Wasser – aus, wuchte meiner neben mir sitzenden Mitreisenden den schweren Rucksack ins Gepäckfach und richte mich dann häuslich ein.

Auf der anderen Seite des Ganges nimmt ein Mittvierzigerpärchen, Platz. Sie Typ blonde, ondolierte und kettenrauchende Solariumsabonnentin, er Typ pomadisierter und stickmotivjeansbehemdeter Möchtegernstaubsaugervertreter. So wie die beiden sich befummeln und laut schmatzend abschlecken, könnte man glatt meinen, die sie sind auf der Fahrt zum nächstgelegenen ostwestfälischen Swingerclub. Laut kichernd werden Piccolöchen geöffnet, die – von der ganzen Rubbelei gut durchgeschüttelt – ihren halben Inhalt unverzüglich über Sitzbezüge und Fußboden verteilen. Stößchen alle miteinander! Kicher, kicher, gacker, gacker. Gekonnt versuche ich gut 45 Minuten lang die Geräuschkulisse von nebenan zu ignorieren.

Wider Erwarten verlässt die gutgegrillte Ondolierte den Zug in Bielefeld allein und lässt einen debil vor sich hin grinsenden Truckerverschnitt zurück. Dieser packt genüsslich seinen Aldi-Portable-DVD-Player aus und schiebt einen Silberling mit einer Aufzeichnung eines “Pur”-Konzertes in den Schacht. Passt irgendwie. Klamotten-, Frauen- und Musikgeschmack vom allerfeinsten. Aber damit noch nicht genug, der Kerl hat in seinem Leben offensichtlich auch zuviel Kojak geschaut. Telly Savallas gleich, befreit er flugs einen Chuba Choops-Lolly aus seiner Folie und steckt sich ihn dorthin, wo kurz zuvor noch die Zunge der Ondolierten für einen regen Austausch von Körperflüssigkeiten gesorgt hat.

Aber weit gefehlt, wenn man jetzt glaubt, der Gute lutsche genüsslich an seinem Lolly, während ihm Pur genüsslich was von sexuellen Kolbenfressern alá “ich lieb mich in dir fest” ins Ohr schmalzt, nein. Der Jeanshemdfuzzi ist nich nur beknackt, er knackt auch gerne Lollys. Für jemanden wie mich, der vor jedem Zanharztbesuch Angstschweißausbrüche bekommt, sind die Geräusche knackender Zuckermasse auf Zähnen mehr als unerträglich, sie ekeln mich regelrecht an. Die neben mir sitzende junge Frau sieht mich ebenfalls angewidert und kopfschüttelnd an.

Als sei dies noch nicht genug Geräuschbelästigung, klingelt im bestickten Jeanshemdbrusttäschchen nun noch lautstark das Mobiltelefon. Bis der DVD-Player auf Pause geschaltet und die zugehörigen Knöpfe aus den Ohren entfernt sind, vergeht natürlich einige Zeit, sodass wir in den vollen Klingeltongenuss von “Guantanamera” kommen. Letzteres löst bei mir starke Assoziationen mit Guantanamo aus, die ich jedoch jetzt nicht weiter vertiefen möchte.

Offensichtlich hat Uschi (ich schwör!!!), so heißt die ledergegrillte Ondolierte von vor 10 Minuten, schon jetzt wieder Sehnsucht nach ihrem Macker. Heiße und lautstarke Liebesschwüre werden ausgetauscht, für die so manch einer bei den sagenumwobenen 0900er oder 0190er-Nummern freiwillig viel Geld gezahlt hätte. Da der Mobilfunkempfang im Ostwestfälischen offensichtlich nicht der beste ist, werden die Gespräche immer wieder von Funklöchern unterbrochen. Je mehr Unterbrechungen, desto lauter wird im Anschluss das Liebespalaver. Meiner Musik und Lektüre kann ich schon lange nicht mehr folgen.

Kurz vor Hamm wird es mir dann endgültig zu blöd. Ich reiße mich jedoch zusammen und weise ihn, so freundlich ich nur kann, darauf hin, dass er sich in einer “R U H E Z O N E” befinde, deren Sinn es eben sei, sich ruhig zu verhalten.

Seine Reaktion steht im Einleitungssatz und verschlägt mir erstmal die Sprache. Kurzfristig schießt mir durch den Kopf, dass ich mich an Stelle des Rhetorik-Seminars wohl doch eher für den vom gleichen Anbieter offerierten Schlagfertigkeitskurs hätte anmelden sollen. Ich versuche mit ruhiger Stimme noch ein paar sachliche Argumente ins Feld zu führen, die sein Reptiliengehirn jedoch nur noch mehr reizen. Dumm gelaufen. Für mich, meine ich.

Ich beschließe, die noch verbleibenden knapp 30 Minuten bis zur Ankunft in Bochum mannhaft durchzustehen, stopfe mir wieder meine In-Ear-Phones in die Ohren und schalte den Ignoranzmodus ein.

Nur von Ferne dringt noch ein leises “Das ist wieder typisch Deutsch.” an mein Ohr. Und zum ersten Mal fängt diese Kampagne tatsächlich an, mir zu gefallen.

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