
Früher Morgen in Deutschland, im Zug aus dem hohen Norden in Richtung Hannover. In Anbetracht des vor mir liegenden harten Arbeitstages habe ich einen Tischplatz mit Steckdose reserviert, um die Reisezeit produktiv zu nutzen. Während ich die bevorstehende Präsentation Chart für Chart anhübsche und die ruhigen Klänge der farewell-Compilation mein Herz erwärmen, rollt der Zug langsam in den Hamburger Hauptbahnhof ein.
Wie immer ist der hier heraus- und hineinquellende Strom der Mitreisenden groß. Eine bunte Mischung ist es, die sich mit mehr oder minder schwerem Gepäck durch die Gänge schiebt, bis sie ihre Plätze gefunden haben. Nichts böses ahnend werde ich – während man unsanft an meiner Schulter rüttelt – durch Soundwolke, die mein Gehör umschmeichelt, plötzlich angeraunzt:
“Sie müssen leider aufstehen. Wir haben die zwei Fensterplätze reserviert.”
Ob des harschen Tones bereits etwas missmutig im Gesicht, blicke ich auf und sehe zwei rüstig erregte ältere Damen vom Typ Wilmersdorfer Witwe, die bereits von einer starken Verwesungsaura aus Tosca und Oil of Olaz umweht werden. Die jüngere der beiden – natürlich pelzbemantelt – blafft, bevor ich überhaupt reagieren kann, weiter: “Sie können hier nicht sitzen bleiben junger Mann. Der Platz gehört uns.” Sie sagte wirklich “gehört uns“. Kurzfristig bin ich versucht, sie nach einem Grundbucheintrag oder ihrer Besitzurkunde zu fragen, doch ich besinne mich meiner guten Kinderstube und bleibe halbwegs freundlich im Ton.
Dem Argument, dass ich sicher sei, genau diesen Sitzplatz reserviert zu haben, und dieses auch anhand meiner Fahrkarte belegen könne, verschließt sie sich mit der mantrahaften Wiederholung des Satzes, sie habe zwei Fensterplätze reserviert. Ich biete ihr gerne meine Hilfe an und lasse mir die Reservierung zeigen, auf der natürlich die beiden mir gegenüber liegenden Plätze reserviert sind. Kein Problem also.
Und wieder höre ich dieses stacattohafte “Wir haben aber zwei Fensterplätze reserviert.” an mein Ohr dringen. Im Geiste füge ich noch ein “und dafür haben unsere Männer – Gott hab sie selig – schließlich 40 Jahre lang gearbeitet ” hinzu, so absurd und skurril mutet die ganze Aktion an. Unter normalen Umständen (hätte man mich höflich gebeten) wäre ich, ob der begrenzten Dauer meiner Reise und weil ich älteren Damen prinzipiell gerne behilflich bin, bereit gewesen, meinen Fenster- gegen einen Gangplatz zu tauschen.
Aber die ruppige Art und Weise lässt mein Herz zu Stein werden. Ich ignoriere also geflissentlich jeden weiteren Wortauswurf von gegenüber, drehe meine Musik lauter und widme mich wieder meiner Arbeit. Soll der Zugbegleiter den beiden doch erklären, was Sache ist. Doch als dieser eintrifft, ist keine Rede mehr von “verkehrten Sitzplätzen“. Dennoch lassen es sich die Damen nicht nehmen, immer wieder demonstrativ auf das über mir leuchtende Reservierungsschild zu starren, so als wollten sie mir sagen “Eigentlich ist das ja unser Platz.“.
Doch dieser billigen Psychokeulennummer widerstehe ich mannhaft und beschließe stattdessen, mein Trauma einmal mehr blogtechnisch zu verwursten. Und siehe da, schon ist wieder ein weiteres Kapitel der Reihe “bahnblogging” fertig. Vielen Dank meine Damen!
Nur aus meiner produktiven Nutzung der Reisezeit ist so nichts geworden.
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10. Januar 2006









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