
Wie an diesem Ort bereits oft geschrieben, fahre ich eigentlich gerne mit der Bahn. Auf den Strecken, die ich nutze, ist sie im Regelfall zuverlässig und überdies (solange ich alleine reise) deutlich günstiger als der PKW. So stressfrei komme ich mit dem Auto jedenfalls nie und nimmer hin und her. Das gilt für den Regelfall.
In den zurückliegenden Wochen hat die Bahn allerdings viel Kredit verspielt. Bei insgesamt 5 Fahrten summierten sich die aufgelaufenen Verspätungen auf knapp 300 Minuten. Da hört der Spaß dann irgendwann auf. Auch wenn die Bahn rund 90 Minuten davon nicht zu verantworten hatte, nervte es einfach, auf kalten und zugigen Bahnsteigen stehen und warten zu müssen. Keine der Durchsagen erwies sich als zuverlässig. So wurden aus 60 Minuten am Ende 90, aus 30 Minuten schlappe 45. Kein Wunder also, dass ich nun mit heißer Stirn und Kratzen im Hals ins Wochenende starte.
Besonders nervig sind die Durchsagen am Bahnhof von Hannover, wo sie nicht mehr von einem Menschen aus Fleisch und Blut (wobei das bei Bahnbeamten auch eine gewagte These ist) sondern von einer computerisierten Dame gesprochen werden. Ihr vollkommen emotions- und teilnahmsloser Tonfall macht mich, wenn ich nach mehr als 70 Minuten Wartezeit zum 15ten Mal immer noch die Durchsage “ICE xyz von Berlin Ostbahnhof nach Hassenichgesehn hat voraussichtlich 60 Minuten Verspätung” höre, gelinde gesagt aggressiv. Kein Wort der Entschuldigung, lediglich Gefasel von Betriebsstörung, schlechtem Wetter und Gleisbauarbeiten, wenn überhaupt Gründe genannt werden.
Am schönsten bei der ganzen Warterei ist es jedoch, die Gespräche der Umstehenden zu belauschen. Hätte ich mit einem Phrasenschwein am Bahngleis abkassiert, wäre ich jetzt ein reicher Mann. Ich weiß nicht, wie oft ich den Satz “Das ist mal wieder typisch Bahn.” hören musste. Die bekrawattete Generation der Mitreisenden, vorzugsweise in den für die Wagen der ersten Klasse vorgesehenen Gleisabschnitten zu finden, schwadronierte lautstark in ihre Mobiltelefone und wiederholte mantraartig den Satz “Beim nächsten Mal nehme ich wieder den Flieger“.
Die wartenden Familien versuchten derweil ihre durchgefrorenen und aufgekratzten Kinder bei Laune zu halten, wobei man in den Gesichtern der Eltern lesen konnte “Demnächst fahren wir wieder mit dem Auto“. Leid tat mir die alte Dame mit großem Reisegepäck, die, wie sie mir stolz berichetete, auf dem Weg zur Familie Köln war. Sie konnte aufgrund ihrer Schwerhörigkeit die vielen Lautsprecherdurchsagen nicht verstehen (was vielleicht auch eine Gnade war). Und doch war sie unter den vielen Wartenden eine der wenigen Ausnahmen, die die Situation mit stoischer Ruhe und Gelassenheit ertrug und sich dem Schicksal fügte.
Andererseits sind diese Wartezeiten auch immer wieder unterhaltsam. Man tauscht sich aus über die besten Vermeidungsstrategien, erfährt von Mitleidendenreisenden unter Umständen mehr über alternative Verbindungen als vom Bahnpersonal, witzelt miteinander, sucht Kontakt und versucht, sich die ohnehin schon angeschlagene Laune nicht noch mehr verderben zu lassen.
Wie immer liegt in der Ruhe die Kraft. Ich bin in diesen Momenten immer froh, auf die Musiksammlung meines großzügig dimensionierten mp3-Players zurückgreifen zu können. Flugs die Stöpsel rein, ein schönes Album rausgesucht und schon kann ich vom Trubel rundum abkoppeln. So waren es in dieser Woche vor allem Manu Katché und Kollegen mit ihrem neuen Album “Neighbourhood”, Martin, Medeski & Wood mit “Uninvisible”, NoJazz mit “Have Fun” und “Meezzazine De L’alcazar Vol. 4″, die mich in eine andere Welt abtauchen ließen und mir die Wartzeiten am Bahnsteig und auf freier Strecke verkürzten.
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16. Dezember 2005









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