post Kategorie: Bahnblogging,Jazzer unterwegs post Kommentare (0) post7. Dezember 2005

Schon bei der Ankunft in der großen Bahnhofshalle wundere ich mich über die Schar von Reisenden, die den Service-Counter der DB belagern, doch ich denke mir nichts dabei. Es ist einfach zu früh am Tag für scharfe Schlussfolgerungen, dass das etwas mit meinen eigenen Reiseplänen zu tun haben könnte.

Schnell in den Zeitungskiosk des Vertrauens, die einzige bahntaugliche Tageszeitung meines Vertrauens gegriffen und ab zurück in den Strom der Berufspendler, die sich durch die Gänge schieben. In der Halle dann schnell der Blick auf die Anzeigetafel um sich des Abfahrtsgleises zu versichern. Doch dort vorne in der Zeile ereilt mich die Information wie ein Schlag. “Ca. 60 Min. später” steht dort in kleinen, gelben aber unüberlesbaren Lettern geschrieben.

Na Prima, denke ich bei mir, und dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne, die meine Meinung über die Bahn im Regelfall hell bescheint. Nach mehrminütiger Wartezeit am Infopoint teilt man mir dann mit, es habe vor Wunstorf einen “Personenschaden” gegeben. Ein Selbstörder habe sich dort vor einen Zug geworfen. Nun sei die Strecke zunächst auf unbestimmte Zeit gesperrt. Man rechne mit einer ca. einstündigen Verspätung.

Dank First-Class-Ticket lässt sich die Wartezeit bequem gestalten. Gemütlich setze ich mich in einen der weichen Sessel in der DB-Lounge, trinke eine heiße Wiener Melange und lese meine soeben erworbene Zeitung. Glücklicherweise bin ich inmitten all der querstreifenbekrawatteten Anzugträger nicht der einzige Zeitungsexot. Mir gegenüber sitzt ein in Nadelstreifen gewandeter Yuppie und studiert mit feucht glänzenden Augen die Tittenbilder der BILD, als handele es um im Vergleich zum Vortag exorbitant gestiegene Aktienkurse.

“ER tötete SIE” prangt es mir in BILD üblicher reißerischer Manier und bunt bebildert entgegen. Blöd, denke ich bei mir. SIE wollte vielleicht noch Leben, während der “Personenschaden” seines selbstbestimmt beendet hat. Für einen Moment beschäftigt mich der skurrile Gedanke, wie es wäre, zwischen vermeintlichen Mördern und Selbstmördern Kontakte zu vermitteln. So wäre schließlich beiden geholfen. Eine klassische Win-Win-Situation, wie der BWLer zu sagen pflegt.

Nach rund einer Stunde packe ich meine Sachen zusammen und mache mich auf den Weg zum Gleis. Dort werden von überaus freundlichem DB-Service-Personal bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kalte Getränke verteilt, um den Wartenden die Zeit “angenehmer” zu gestalten. Komischerweise wird von dem netten Angebot kaum Gebrauch gemacht. Bei den ersten Umstehenden machen sich Stresssymptome bemerkbar. Lautstark wird auf “die unfähige Bahn” geschimpft. Wie immer kann jeder eine nette Geschichte zum negativen Bild beitragen. Warum auch immer, schießt mir während dieser immer wilder werdenden Meckerorgie der Satz “So ist Deutschland” durch den Kopf.

Schnell werden aus den angekündigten 60 Minuten auf dem Bahsnteig am Ende 90 Minuten, bevor der ersehnte weiß-rote Blechwurm endlich Einfahrt in den Bahnhof erhält. Schnell den Platz gesucht, mich häuslich eingerichtet und Musik auf die von den vielen Durchsagen strapazierten Ohren. Während draußen die vom zähen Bodennebel überzogene Ost-Landschaften vorbeirasen, schwirren Fragen über Fragen durch meinen Kopf. Immer wieder kehren meine Gedanken zu dem so verharmlosenden wie unpassenden Wort “Personenschaden” zurück.

Was mag das für eine Mensch gewesen sein, der diesen “Personenschaden” verursacht hat? Was hat ihn zu dieser Entscheidung bewogen? Wie groß muss seine Verzweiflung gewesen sein, um diesen Schritt zu wagen? Und doch regt sich auch Wut in mir. Wut darüber, dass er andere unschuldig in seinen Freitod mit hineingezogen hat. Wieviele traumatisierte Lokführer gibt es wohl in Deutschland? Es muss doch ein Horror sein, dieses Unglück auf sich zukommen zu sehen und es einfach nicht verhindern zu können.

Währenddessen habe ich die wundervolle Musik von Manu Katchés neuem Album Neighbourhood im Ohr. Musik, bei der man sich tatsächlich nachbarschaftlich geborgen fühlt. Und doch wirft mich in diesem Augenblicken ein jeder Track auf das Ereignis zurück, das mir diese Verspätung eingebrockt hat.

Good Influence Unter welch traurigem und schicksalhaften Einfluss hat dieser Mensch gestanden, der seinem Leben ein so grausames Ende gesetzt hat? November 99 Was hat er wohl im November vor 16 Jahren gemacht? Wie alt war er? Lagen schon damals Vorboten eines Lebensschattens auf seiner Seele? Lullaby Hat ihn jemals jemand in den Schlaf gesungen? Hat er andere mit einem leisen Schlaflied ins Land der Träume begleitet? Take Off And Land Sein Leben endete in einer Bruchlandung. Wie ist es ihm wohl unterwegs ergangen? Wie war seine Fallhöhe?

Lieber Personenschaden, wer auch immer du warst, was auch immer deine Geschichte ist. Diesen Beitrag widme ich dir. Möge er eine namenlose Erinnerung an dich sein, in einer Zeit, in der man sich höchstens einer 90minütigen Verspätung, aber nicht des dahinter stehenden Schicksals einnert.

Der Tod beendet nicht alles.

[Properz]

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