post Kategorie: Bahnblogging,Jazzer unterwegs post Kommentar (1) post25. November 2005

Auch wenn ich viel mit der Bahn reise, so ist doch jede Fahrt ein neues kleines Abenteuer. Und das meine ich jetzt ausnahmsweise nicht bezogen auf die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der Bahn.

Jede Reise erzählt eine kleine Geschichte, eine Geschichte des woher und wohin, eine Geschichte des warum und mit wem. Ein Zug ist immer ein Mikrokosmos voller Schicksale, Hoffnungen und Sehnsüchte. Es macht mir immer wieder Spaß, mir zu überlegen, was wohl hinter den Köpfen und Fassaden meiner Mitreisenden passiert.

Die Studien beginnen schon auf dem Bahnsteig. Bei meiner Wochenendpendelei von Hannover nach Bochum reise ich regelmäßig mit dem aus Berlin kommenden ICE in Richtung Rheinland. Dieser setzt sich aus zwei Zugteilen zusammen, von denen ich in den vorderen einsteigen muss. So habe ich bereits auf dem Weg zu meinem Gleisabschnitt Gelegenheit die Menschen, die dort stehen, zu studieren, in ihren Gesichtern zu lesen.

Es ist ein Kessel Buntes, der sich auf den Bahnsteigen dieser Welt wiederfindet – alle erdenklichen sozialen Schichten, Religionen, Hautfarben und Körpergrößen finden sich dort auf engstem Raum zusammen. Und jeder bringt seine Geschichte, sein Leben mit. Die einen nur in Herz und Verstand, die anderen einen Teil davon auch in ihren Koffern und Reisetaschen.

Da steht die junge Mutter mit roten Wangen und zwei kleinen aufgeregten Kindern inmitten der im Business-Outfit reisenden Manager. Sie wirkt ein wenig verloren, hat Mühe, ihre Kinder im Blick zu behalten und sie davor zu bewahren, auf die Gleise zu fallen. Die Krawattenträger unterhalten sich derweil über fallende Kurse, die unfähigen Berater und Politiker und stellen fest, dass sie die besten sind. Derweil schlurft ein in Tarnzeug gewandeter Rekrut vorbei, dem man die Kürze der zurückliegenden Nacht deutlich an den tiefgrauen Ringen unter den Augen ablesen kann.

Im Zug sitze ich dann neben einem dieser Manangertypen, gewandet in ein rosa Hemd samt perfekt abgestimmter Krawatte. Freundlich bittet er mich, die bei mir am Tisch angebrachte Steckdose nutzen zu drüfen und vertireft sich daraufhin sofort in die Arbeit an ellenlangen Exceltabellen, die er aus den mitgebrachten Unterlagen füttert und abgleicht. Er ist auf dem Weg nach Düsseldorf, wie sich kurz danach herausstellt, als er bei der freundlichen Schaffnerin einen Salat bestellt.

Ob der wohl auch wie ich auf dem Weg nach Hause ins Wochenende ist? Wartet dort jemand auf ihn? Wird er am Wochenende weiter arbeiten müssen? Einmal mehr bin ich froh, dass die Zeit der Wochenendarbeit für mich vorerst kein Thema mehr ist. Vorbei die Zeit, wo ich selbst am Wochenende mit dem Kopf mehr in der Firma als zu Hause war. Erleichterung macht sich breit, ein gutes Gefühl.

Gegenüber eine ältere Dame in einem marineblauen Angorapulli, der den Kragen ihrer weißen Rüschenbluse vollflust. Auch bei ihr frage ich mich, was das Ziel der Reise ist. Kinder, Enkelkinder? Wartet am Bahnhof der Mann, eine Freundin? Wieviel Bahnhöfe sie wohl in ihrem Leben schon bereist hat? Sie lächelt mich freundlich an, ihre Ruhe strahlt wohltuend auf mich ab.

Draußen am Fenster ziehen derweil überzuckerte und schneebedeckte Felder vorbei, hin und wieder unterbrochen von ein paar Straßen, einsamen Gehöften und kleinen Dörfern. Alles wirkt friedlich an diesem nasskalten Wintertag.

… to be continued.

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#1

Netter Post!

Tee Hamburg geschrieben am 8. April 2010 - 06:43
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