
Das übliche Spiel. Freitag Nachmittag, schon der Bahnsteig am Hauptbahnhof von Hannover quillt vor Menschen über, die nichts anderes wollen, als diese Stadt so schnell es geht zu verlassen. Irgendwie kann ich sie verstehen, andererseits muss ich mich langsam damit abfinden, dass diese Stadt wohl soetwas wie eine zweite Heimat für mich werden wirdmuss.
Bereits bei Einfahrt des Zuges entbrennt der Kampf um die beste Ausgangsposition. Ohne Rücksicht auf Verluste werden Ellenbogen ausgefahren, werden Trolleys und Rucksäcke zu Waffen umfunktioniert. Dass bei diesen Kampfhandlungen nicht viel öfter Menschen auf die Gleise fallen, erscheint mir eines der letzten ungelösten Rätsel unserer Zeit zu sein. Äußerlich und innerlich entspannt beobachte ich das Treiben, wohlwissend, dass ich eine feste Reservierung habe.
Beim Einstieg kommt es dann zur Pfropfenbildung, aus einstmals gesitteten Bürohengsten werden unberechenbare Psychopaten. Persönlichkeitsspaltung live. Natürlich ist in dieser allgemeinen Hysterie niemand in der Lage, vor dem Einstieg die gut sichtbar angebrachte Wagen- und Sitzplatzbeschilderung zu studieren, geschweige denn sie in adäquates Handeln umzusetzen. Es kommt wie es kommen muss, der Stau setzt sich im Inneren der ohnehin schon nicht geräumigen Wagen fort.
Im Schneckentempo und den übelriechenden Zwiebelatem meines Hintermannes im Nacken arbeite ich mich Zentimeter um Zentimeter in Richtung meines reservierten Sitplatzes vor, der natürlich, wie sollte es auch anders sein, mal wieder besetzt ist. Nach kurzer Diskussion packt die dort sitzende Dame grummelnd ihre Siebensachen zusammen und sucht sich einen neuen Platz. Schnell richte ich mich häuslich ein, Gepäck verstauen, Jacke aus, Notebook und Kopfhörer auspacken und los gehts.
Doch ich bin noch nicht ganz fertig, dringt schon hysterisches Geschrei an mein Ohr. Mit geübtem Blick lokalisiere ich sofort den Ort der Unruhe. Zwei gerade in den frühen Zwanzigern angekommene Mädels, deren Look schwer nach Herbertstraße ausschaut, proben den Aufstand. Flugs die Ohrstecker raus, um ja nichts blogbares zu verpassen, schnappe ich Sprachfetzten wie “Schwerbehinderung” und “Stehen Sie sofort auf, sonnst rufen wir den Schaffner” auf. Zwischen den auf den Plätzen sitzenden, einem jungen Mann, offenbar wie ich Berufspendler auf dem Weg ins Wochenende, und einer freundlichen älteren Dame und den beiden vermeintlichen Bordsteinschwalben entbrennt eine heiße Diskussion. Als letztere jedoch ein offenbar amtliches Papier aus der Tasche ziehen, ergeben sich die beiden anderen ihrem Schicksal und verlassen kopfschüttelnd und verzweifelt ihr Gepäck hinter sich her ziehend den Waggon in Richtung Speisewagen.
Ich blicke mich um und sehe lauter rätselnde Gesichter. Irgendwie kann niemand wirklich glauben, was hier soeben passiert ist, weisen die beiden “Eroberinnen” doch keinerlei äußerlich erkennbaren Kennzeichen einer Schwerbehinderung auf. Lediglich am Geisteszustand der beiden kommen ernste Zweifel auf. Als wollten sie unsere Zweifel bestätigen, springen beide, kaum dass sie 5 Minuten gesessen haben, auf und stolzieren auf ihren Plateau-Sohlen wackelnd in Richtung Speisewagen, von wo sie – wiederum keine 5 Minuten später – freudestrahlend mit zwei Proseccos wieder zurückkehren.
Doch nun beginnt eigentlich erst die richtige Leidensphase der noch vor mir liegenden 90 Reiseminuten. Obwohl mir Medeski, Martin & Wood gepflegt ins Ohr jazzen, ist es unmöglich, die nach kurzer Zeit auf den Sitzen hinter mir geführten ellenlangen Handy-Telefonate und Zwiegespräche zu ignorieren. Sandy und Jenny telefonieren mit Schatzi, Michelle, Daphne und Geisha. Die beiden letztgenannten sind offensichtlich Holländerinnen, was sich aus den verzweifelten Bemühungen schließen lässt, ein paar holländische Brocken wie “moche” oder “lecker” durch die Muschel zu pressen. Mir stellen sich dabei die Nackenhaare auf, und vor dem inneren Auge male ich mir aus, wie eine Holländerin namens Geisha wohl aussehen mag. Den Anblick einer weiß geschminkten Frau Antje im Seidenkimono werde ich selbst in meinen nächtlichen Träumen nicht mehr los.
Auch von Jennys Sangeskünsten bleiben wir Mitleidendenreisenden nicht verschont. In voller Lautstärke wird Michelle durch den Mobilknochen ein St. Martins-Lied nach dem anderen durch Hörer vorgesungen. Kurz bevor mir endgültig der Kragen platzt, hat wohl auch Michelle die Nase volle und das Gejodle wird eingestellt.
Aber das ist noch längst nicht alles, Sandy telefoniert auch noch mit Mami. Irgendwann wird Mami dann auch an Jenny weiter gereicht, die da “noch eine Frage”. Und so werden die mir am Tisch gegenüber sitzenden Damen und ich Ohrenzeuge eines Dialogs rund um das Thema weibliche Blutungen. Es wird lautstarkt das für und wider hellen sowie dunklen Ausflusses diskutiert, unterbrochen von lauten Einwürfen Sandys an ihre Mami, sie möge Jenny doch bitte nicht mehr Angst einjagen als nötig. Verzweifelt grinsen sich die Umsitzenden an, schauen betreten und peinlich berührt zu Boden oder schütteln verständnislos die Köpfe.
Ich stelle die Kollegen MMW auf volle Lautstärke, um diesem grenzdebilen Geseiere endlich zu entfliehen, da fällt mein Blick auf einen am Boden sitzenden Japaner, der gerade eine komplette und ungeschälte Salatgurke aus seinem Rucksack zieht und sie binnen weniger Augenblicke laut schmatzend verspeist ….
Und wie eine Erlösung tönt da auf einmal die Stimme aus dem Bordlautsprecher: “Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Bochum Hauptbahnhof …”
Endstation Wahnsinn.
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11. November 2005









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