
5.05 Uhr: Der Wecker reißt mich unsaft aus noch unsanfteren Träumen, eigentlich ein Grund, froh zu sein, dass man endlich von der zum zweiten Mal durchlebten Horror-Taxis-Fahrt zum Bewerbungsgespräch (davon ein anderes Mal mehr) befreit wird.
Müde stolpere ich ins Bad, sehe in den Spiegel – selten war der Satz “ich kenne dich nicht, aber ich rasiere dich trotzdem” wahrer. Doch nicht nur der Anblick meiner selbst lässt zu wünschen übrig. Auch die Hand, die den Nassrasierer führt, strahlt heute nicht gerade schrödersche Gelassenheit aus. Prompt bleibt die Klinge an einem unschönen Pickel oberhalb der Oberlippe hängen und hinterlässt ein unschönes 3fach-Klingen-Muster in der Haut, aus dem natürlich unverzüglich Ströme purpurnen Lebenssaftes quellen (man sehe mir die überzogene Dramatik an dieser Stelle nach).
Der Durchlauferhitzer für das Duschwasser spinnt natürlich auch wieder und lässt mich wie Rumpelstilzchen durch die Kabine hüpfen, wobei die Shampoo-Flasche herunter fällt und geradezu magisch von meinem linken kleinen Zeh angezogen wird. “Oma,” denke ich leise bei mir, “dass muss doch nun wirklich nicht sein.”
Am Bahnhofskiosk noch schnell die taz gegriffen, von der mir einmal mehr unsere rdesignierte Kanzlerin entgegenblickt. Eigentlich hätte dieses Bild besser zur Helloween-Ausgabe gepasst, denke ich bei mir, und wie blöd es doch ist, wenn bei Wahlen die Mehrheit irrt.
Müde und voll bepackt endlich am Gleis angekommen, merke ich (glücklicherweise noch bevor der Zug kommt), dass hier irgendwie der falsche Zug und die falsche Gleisnummer angeschlagen sind. So früh am Morgen kann man 3 und 5 schon mal durcheinander bringen. Also wieder das Gepäck zusammenraffen, Treppe runter, Treppe rauf. Natürlich fährt der ICE mal wieder zu weit am Bahnsteig entlang, sodass die Angaben am Wagenstandsanzeiger Makulatur werden und ich mit Trolley, Anzug- und Notebook-Tasche dem weißen Lindwurm hinterher sprinten muss.
Und als wenn das alles nicht schon für eine Woche reichen würde, ist natürlich auch mein reservierter Platz belegt. Nach endlosen Diskussionen mit einem schnöseligen “aber ich habe hier reserviert” WELT lesenden Mittvierziger, der offensichtlich nicht zwischen Wagen 22 und 24 unterscheiden kann, falle ich endlich in den Sitz. Mir gegenüber sitzt ein ebenfalls die taz lesender, stämmiger, vollbebarteter, einsteinjahrmotivbekrawatterter Betriebsratsvorsitzender, der wild in sein Notebook hackt.
Froh, nun endlich in Ruhe meine brandeins und meinen Krimi lesen zu können, packe ich mein mitgenommenes Rosinenrötchen aus und beiße herzhaft hinein, nicht ahnend, dass sich mein Gegenüber dadurch animiert fühlt, sein Mega-Deluxe-Thunfisch-Baguette auszupacken, es duftend vor mir auszubreiten und laut schmatzend zu verkosten. Und als wenn Gerüche und Geräusche allein nicht schon schlimm genug wären, hinterlässt das “Gelage” auch noch einen riesigen Remouladen-Klecks im Vollbart, der für den Rest der Fahrt zwischen Hamm und Hannover dort verharrt und still an das sinnlose Sterben der bei der Thunfischjagd ums Leben gekommenen Delfine gemahnt.
Es kann eigentlich nur noch besser werden.
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24. Oktober 2005









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