post Kategorie: Bahnblogging,Jazzer unterwegs post Kommentare (0) post21. August 2005

Böse Falle. Da will man, um mitternächtliches Aufstehen und augenberingtes Tagwerk zu vermeiden, vorsorglich am Vorabend des ersten Werktags der Woche zur Stätte seiner Arbeit anreisen und hat dabei die Rechnung ohne den gemeinen Weltjugendtagsbesucher (zum ersten Mal in meinem Leben bin ich froh, mit 31 Jahren ganz sicher nicht mehr zur Zielgruppe der “Jugendlichen” zu gehören) und sonstige grenzdebile Bahnreisende gemacht.

Bobenstimmung am BahnsteigAm Bahnsteig angekommen werde ich bereits von einer Horde Grün- und Blaujacken begrüßt, die sich – wichtig, wichtig – vor einem mit rotem Flatterband abgesperrten Bereich des Gleises aufgebaut hat und wild in ihre Walkie-Talkies und Mobiltelefone schwadroniert. Genau in diesem Gleisabschnitt soll in wenigen Minuten das Transportmittel meiner Wahl eintreffen, auf dessen weiche Sitzgelegenheiten ich mich nach der anstrengenden Familienfeier des Tages freue. Ich schnappe Wortfetzen wie “herrenloses Gepäckstück”, “Alarm” und “Zugumleitung” auf und male mir schon talibaneske Terrorszenarien auf Gleis 5 des Bochumer Bahnhofs aus.

WJT-GuitareroDoch es kommt noch schlimmer. Im Minutentakt fahren doppelstöckige Regionalsonderbahnen mit Zielbahnhof Paderborn ein, die in Scharen survivalmäßig bepackte Papstpilger ausspucken, die es sich trotz 40 Kilo Marschgepäcks nicht nehmen lassen, noch Gitarre zu spielen und lauthals Kumbaya my Lord zu grölen. Tun sie dies nicht, schallt stattdessen ein kräftiges “Be-Ne-Detto” über die Gleise, als sei dieser Randgruppenfraktion durch den Besuch des Marienfeldes nicht nur der päpstliche Ablass zuteil sondern auch noch die italienische Staatsbürgerschaft verliehen worden. Mein ohnehin schon geringes Verständnis für diesen hirnamputierten Kult sinkt auf seinen absoluten Minuspunkt. “Lieber Gott, so es dich gibt, bitte lass diese Kofferbombe schnell explodieren oder mich gaaaanz schnell hier weg kommen” höre ich mich heimlich, still und leise beten.

Als habe er Mitleid mit mir, trifft mit nur 10minütiger Verspätung und auf abweichendem Gleis mein Zug ins Paradies ein. Angesichts des Blickes in die völlig mit WJT-Besuchern überfüllten und zudem heiligensangesschwangeren Wagen (warum kann die katholische Kirche nicht endlich mal Kumbaya my Lord auf den Index setzen?) der zweiten Klasse bin ich einmal mehr froh, dass meine Firma mir den Luxus von Erster-Klasse-Reisen ermöglicht.

Doch auch diese Freude währt nur kurz, muss ich doch feststellen, dass der Waggon, in dem ich meinen Sitzplatz reserviert habe, von einer alleinreisenden Mutter mit zwei kleinen Jungs samt kläffender Töhle okkupiert und kurzerhand zum Spielplatz umfunktioniert wurde. Ein kurzer Streifzug durch die Wagen der ersten Klasse ergibt, dass sich leider kein freier Sitzplatz mit Steckdose mehr ergattern lässt, was angesichts meiner altersschwachen Notebook-Akkus ein echtes Ärgernis ist. Als ich zu meinem Platz zurück gekehrt bin, hat die Töhle meine am Boden stehende Notebooktasche bereits gründlich durchschnüffelt und ihren Inhalt quer über den Boden des Waggons verteilt.

Prost!Natürlich hat sich die Mutter der Jungs schon längst zum Rauchen in den Speisewagen zurück gezogen und ich beschränke mich (um nicht als Kinderhasser dazustehen) darauf, die Jungs freundlich zu bitten, den Hund anzuleinen und an ihrem Sitzplatz zu halten, was dieser natürlich mit permanentem Gekläffe und Gejaule quittiert. Ich nehme daraufhin Abstand von dem Vorhaben, unterwegs tatsächlich noch etwas arbeiten zu wollen, besorge mir im Speisewagen 3 Hefeweizen, die ich in Windeseile herunterstürze, stopfe mir meine In-Ear-Kopfhörer so tief es geht in die Gehörgange, drehe die Lautstärke bis zum Anschlag auf und verfasse diesen FrustBlogeintrag.

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