
Bahnfahren ist immer wieder ein Abenteuer. Geschichten rund um Bahnreisen kann wohl nahezu jeder erzählen. Im Familien, Freundes- oder Kollegenkreis versucht man sich gegenseitig zu übertrumpfen, wer die skurrilsten Geschichten erlebt hat, wer mit den größten Verspätungen zu kämpfen hatte, wer vom tuntigsten Schaffner bedient wurde.
Erstaunlich ist dabei immer wieder, dass ausgerechnet diejenigen mit bahnerischen Superlativen aufwarten können, die dieses Verkehrsmittel am seltensten benutzen. Ich muss zugeben, dass die Bahn das Verkehrsmittel meiner Wahl ist, so ich denn eine habe. Neben der Tatsache, dass ich unterwegs im Regelfall entspannt arbeiten, lesen, schlafen oder Musik hören kann, ist Bahnfahren wie Kino. Egal ob erste oder zweite Klasse, Regionalbahn oder ICE, Studien kann man als stiller Beobachter überall treiben.
An keinem Ort sonst findet man den Querschnitt der Gesellschaft auf so engem Raum versammelt. Nur hier erlebt man, wie der Punk mit verfilztem Haar und 5 Liter Hansa-Fässchen auf dem Tisch dem angegrauten Rentnerpaar auf dem Weg in den Urlaub die Koffer ins Gepäcknetz hebt, worauf hin diese offenkundig ihr zementiertes Weltbild korrigieren müssen. Nur im Zug erlebt man Skatbrüder, die sich gegenseitig erregt der Schummelei beschuldigen, oder Ordensschwestern, die sich Kindersocken strickend alle 5 Minuten erkundigen, wann man denn an der Lorelei oder dem Mäuseturm vorbei komme, nur, um dann doch im entscheidenden Moment sanft dahingeschlummert zu sein.
Nur im Bahnabteil trifft man gleichsam betagte wie betuchte Damen, die einem demonstrativ ihre bestützstrumpften unbeschuhten Beine entgegen recken, damit man ja nicht auf die Idee kommt, sich ihnen gegenüber zu setzen. Nirgends sonst kann man erleben, wie sich gleich mehrere Reisende wutentbrannt über einen seit Minuten lauthals mit “Honey” telefonierenden Jungyuppie im Designeranzug hermachen und ihn schließlich kleinlaut zum Verstummen bringen.
Dieser bunte Mikrokosmos ist es, der mich den spröden Charme vieler Bahnhöfe, kaputte Steckdosen in den Waggons, das hier und dort hoffnungslos überforderte, aber dennoch in der Mehrzahl freundliche Personal und die ein oder andere Verspätung gnädig vergessen lassen.
Irgendwann werde ich all diese kleinen Geschichten und Erlebnisse aufschreiben und als Buch veröffentlichen. Das kann man dann am besten unterwegs in der Bahn lesen.
PS: Dieser Text entstand natürlich auch während einer Bahnfahrt.
19. August 2005









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